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Die Welt · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31 dem Drängen des Lebenselans zu entziehen — daß er ein Betrachter und Schilderer des Lebens wird. Brenner läßt den Helden seiner Erzählung, der im Krankenhaus liegt und seine "Memoiren schreibt, sagen: „Wenn ich von da weggehen werde, werde ich sicherlich etwas tun, mich wieder mit etwas beschäftigen — das muß man ja —; aber woran jetzt immer mein Gedanke rührt, was immer ich mir als Feld meiner Tätigkeit erdenke, immer sagt mir ein Gefühl: Das ist nicht das Richtige. Dies nicht und jenes nicht — also was denn? Ich weiß es nicht. Es geht mich nichts an." Diesem ,,Es geht mich nichts an" nimmt ihm im entscheidenden Augenblick immer die Kraft einzugreifen, zu handeln. Es ist ein ewiges Sichzurückziehen von den Dingen. Wo immer er festen Fuß fassen möchte — schon steht einer hinter ihm mit der ironischen Frage: Was geht es dich an? Einmal ergeht er sich in einer Philippika gegen alle Juden, welche die großen Worte von Befreiung und Erhebung im Munde führen. Und während er ihnen zuruft: Lügner! Wortemacher! — ertappt er sich schon dabei, daß er sich selbst zu diesen Hoffenden zählen muß, und über diesem inneren Zweikampf ertönt eine — dritte Stimme: „Uebrigens — was geht es dich an? Was kümmert es dich, wenn ein winziger Teil des Menschengeschlechtes, ein Sandkorn, auf das niemand achtet, große Worte macht? Bist du jenem unendlichen absoluten Nichts treu geblieben, daß über dich wie über alle kommen wird, wenn du aus ihm eine Theorie machst und sie anderen Theorien entgegenstellst? Bist du jenem Nichts treu geblieben, das jetzt eben dich höhnt, weil du über es sprichst . . ." (Man sieht in den letzten Worten noch einmal ein S i c h - ü b c r - d i e - S a c h e - stellen!) Nichts ist weniger verwunderlich, als daß dieser Mensch, der ein Theoretiker alles Geschehens, nein, ein Theoretiker alles Theoretisierens, nein, ein Theoretiker alles Theoretisierens über Theorien ist, im heutigen Palästina der Schwarzseher blieb, als der er hingekommen war. Denn daß das jüdische Werk dort ein schweres ist, und daß sich ohne Mühe theoretisch beweisen läßt, es müsse mißlingen, wer könnte daran zweifeln? Ist nicht alles Große, das je in der Welt geschehen ist, ehe es geschah, „theoretisch unmöglich" gewesen? Man muß nur darüber staunen, daß ein Jude vor dieser Unmöglichkeit zurückschrickt; denn ist nicht die ganze jüdische Geschichte sozusagen ein Möglichmachen des Unmöglichen? Ist nicht dies geradezu Judentum? Was aber hat Brenner im heutigen Palästina so Trostloses erfahren? Man kann all das, was er sagt, in die Worte fassen: ,,Auch in Palästina ist das Gallith." Wer von der Diaspora nach Palästina kommt, kam nur „aus dem Regen in die Traufe, von Haß zu Haß, von Heimatlosigkeit zu Heimatlosigkeit." Wir wollen ehrlich genug sein, Brenners Argumente alle hierherzusetzen. Also: Palästina ist ein Land, das nicht erst auf Ankömmlinge wartet, sondern bevölkert ist, und seine Bewohner haben weder Lust noch Ursache, ihren Besitz zu veräußern. Sie sehen mißtrauisch auf die zionistischen Bestrebungen, und der Ruf: „Hebräer über dich, Palästina!" erschallt im Lande. Das Gift des Judenhasses verbreitet sich. Und selbst wenn es uns gelänge, größere Landstrecken zu erwerben, so wären wir* nur - dem Namen nach — ihre Besitzer, niemals aber die Bearbeiter des Bodens. Die jüdische Arbeiterfrage hält nämlich Brenner für unlösbar. Es gibt nach ihm keine jüdischen 929 Arbeiter. Es sind wohl einige „Exemplare" da, die man an den Fingern abzählen kann, aber das sei alles. Wo sollte auch der jüdische Arbeiter herkommen? Aus Studenten, aus „Externen" werden keine Arbeiter. Vergessen wir nicht: Der Landarbeiter steht auf der tiefsten Stufe des Gesellschaftsgebäudes. Ueberall sehen wir das Streben, diese Stufe zu verlassen, in die Stadt zu gehen. Nur daß anderswo die Last der Tradition, die Gewohnheit von Jahrhunderten diesen Prozeß des Aufstiegs verhindert. Diese Tradition haben wir nicht. Die „Externen" kommen nach Palästina um des Ideals willen. Aber man kann wohl sein Leben für ein Ideal hingeben, doch man kann nicht auf die Dauer die Beschwerlichkeiten des Alltags, ärmliche Kost, schlechtes Lager, geringen Lohn, schwere Arbeit ertragen. So sei nicht nur der Gedanke einer politischen und ökonomischen Lösung der Juden frage durch großzügige Kolonisation in Palästina undurchführbar, auch das bescheidene Ideal Achad Haams sei dazu verdammt, ein Ideal zu bleiben. Ein kleiner Jischub von etlichen tausend Menschen, die sich durch nichts vor anderen auszeichnen, kann nicht für Millionen Juden ein Zentrum sein, die, allen kulturellen Einflüssen ausgesetzt, über die Welt zerstreut wohnen. Die Menschen seien in Palästina nicht anders als sonstwo: dasselbe Sprachengewirr, dieselbe Knechtschaft gegenüber allem Nichtjüdischen, der ganze psychologische Habitus einer kleinen Minorität präge sich dort genau wie anderswo bei den Juden aus. Das ungefähr sind die Argumente Brenners gegen die zionistische Bewegung. Wir brauchen sie nicht zu verheimlichen, denn keines von ihnen wird, glaube ich, diejenigen überraschen, die sieh auch nur eine ungefähre Kenntnis der heutigen Zustände in Palastina erwarben haben. Den Zionisten kann durchaus nicht der Vorwurf gemacht werden, daß sie die Schwierigkeiten ihres Unternehmens verschleiern oder unterschätzen. Es sei daran erinnert, daß in der Palästina p r o p a g a n d a - nummer der „Welt" Elias Auerbach als die „erste einfache Wahrheit'' über Palästina die These hinstellte: „Palästina ist kein leeres Land." Daß es trotzdem möglich ist, die Zahl seiner Bewohner zu vervielfachen und diese Vermehrung durch eine jüdische Einwanderung zu bewirken, ist von berufener Seite hier und anderswo so oft ausgeführt worden, daß wir nicht von neuem darauf eingehen müssen. Die jüdische Arbeit e r f r a g e ist gewiß der brennendsten eine, und es ist auch gerade in diesen Blättern oft und oft darauf hingewiesen worden, daß der jüdischen Oeffentlichkeit, wenn sie ein Interesse an der Schaffung eines jüdischen Arbeiterstandes (d. h. aber an der Lösung des zionistischen Problems) hat, die Aufgabe erwächst, dem Arbeiter jene gemeinnützigen Einrichtungen zu schaffen, die ihm sein hartes Leben erträglicher gestalten sollen. Daß die Einwanderung jemenitischer Juden und ihre Verwendung als Tagelöhner in den Kolonien die Arbeiterfrage mächtig ihrer Lösung entgegenführt, braucht nicht erst gesagt zu werden, und man. kann nur hoffen, daß unsere Oeffentlichkeit in diesem Augenblick, wo sich uns die Möglichkeit bietet, größere Massen dieser Einwanderer ins Land zu ziehen, die Wichtigkeit dieser Tatsache nicht unterschätzen wird. So bliebe denn von allen Einwürfen noch der eine: daß die Galuthpsychologie auch in Palästina herrscht. Auch das ist wahr. Aber wie? War es anders zu erwarten? Ist „Galuth" denn ein so lokal e r Begriff, daß man dem Galuth entrinnt, wenn man in Jaffa den DiE^ELT

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