Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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928 Freiheitsstrafe. Man legte ihm Hände und Füße in Ketten und unterzog ihn im Gefängnis allen möglichen Foltern. Und niemand ist da, der für diesen Unschuldigen Gerechtigkeit fordert. Vor Zeiten gab es im Jemen einen seltsamen Brauch, wonach kein Jude zur Rechten eines Arabers gehen durfte. Dieser mittelalterliche Brauch ist jetzt wieder eingeführt worden, und wehe dem Juden, der an der Seite eines Arabers betroffen wird. Er wird in der grausamsten Weise mißhandelt. Außerdem wird den Juden strengstens verboten, einen Turban, Strümpfe und ü b e r h a u p t s a u b e r e Klei d u n g zu tragen. Auch müssen sie zwangsweise die Straßen und Abtritte der Araber säubern, und die jüdische Gemeinde hat obendrein die Kosten dieser Säuberung zu bezahlen. Gegenwärtig wird von den Juden eine außerordentliche Steuer von 1000 Reals pro Jahr erhoben. Diese Steuer soll ihnen aber nicht nur für jetzt, sondern auch für die letztverflossenen vierzig Jahre auferlegt werden. Am Vorabend des Passahfestes drangen die Leute des lmam Jachja in das Judenviertel zu Sanaa ein, verhafteten alle angesehenen Männer und warfen sie ins Gefängnis. Dabei drohten sie ihnen mit dauernder Haft, wenn sie die besagte Steuer für 40 Jahre nicht entrichten würden. Eine Abordnung der Gemeinde begab sich nun zu Izzet Pascha und ersuchte ihn, zugunsten der Juden zu intervenieren. Der General veranlaßte darauf den lmam Jachja, ihnen die Freiheit wiederzugeben wenigstens für die Dauer des Festes. Dies geschah denn auch. Die grausamen Verfolgungen werden aber jetzt fortgesetzt. All diese Vorfälle vermögen nur einen schwachen Begriff von den Leiden unserer armen Brüder im Jemen zu geben, und machen es erklärlich, daß nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung von Nordjemen sich zur Auswanderung Nr. 31 nach Palästina anschickt, wo bereits mehrere hundert Familien in den jüdischen Kolonien als Landarbeiter Beschäftigung gefunden haben. Mr. Nathan Straus über Palästina und den Zionismus New York. Die Föderation der amerikanischen Zionisten hielt Anfang dieses Monats ihre Jahresversammlung in Cleve 1 and ab. Unter den Zuschriften, die dort zur Verlesung gelangten, befand sich auch ein sehr interessantes Schreiben des beikannten jüdischen Philanthropen Nathan Straus, dessen Bruder Isidor Straus bekanntlich bei der Katastrophe der Titanic'' ums Leben gekommen ist. Mr. Straus schreibt an die amerikanische Zionistenföderation u. a.: „Bei meinem jüngsten Besuch in Palästina machte der gewaltige Fortschritt im Vergleich zu den Zuständen bei meiner früheren Palästinareise vor sieben Jahren einen überaus liefen Eindruck auf mich. Ueberall treten die Wirkungen von Dr. Herzls Geist und den großen Idealen, die er in Jung-lsrael wachgerufen hat, deutlich zutage. Gleichwohl bleibt noch manches zu tun übrig. Dr. Magnes, der Ihrer Versammlung beiwohnt, wird Ihnen über unsere Bemühungen zur Besserung der Lage berichten ... In den letzten drei Monaten war mein ganzes Sein vom Gedanken des Zionismus beherrscht, und ich habe eine Fülle von Plänen für das Wohl des Heiligen Landes erwogen. Infolge unseres jüngsten Mißgeschicks (der Titanic-Katastrophe) waren jedoch meine Nerven derart angegriffen, daß ich unfähig war, sogleich, wie es mein sehnlichster Wunsch gewesen wäre, ans Werk zu gehen. Aus diesem Grunde fühle ich mich auch außerstande, in öffentlicher Versammlung zu sprechen.*4 DIE3^ELT Ein Schwarzseher Von Dr. Hugo Bergmann, Prag Unter die Waffen, mit denen heutzutage politische Parteien einander bekämpfen und die unsere öffentliche „Moral" zuläßt, trotzdem sie allem sittlichen Empfinden Hohn sprechen, gehört das Totschweigen gegnerischer Argumente. Wäre unser Zionismus eine Partei unter den Parteien von heute, gründete er nicht eben darauf seine Daseinsberechtigung, daß er die heutige Art des Gemeinschaftslebens verneint und sich als eine Kraft weiß, welche eine neue, auf ehrlicherem Boden stehende jüdische Gesellschaft bereiten will: dann wäre es nur angemessen, daß über das neue Buch des hebräischen Dichters J. Ch. Brenner „M i k a n umikan" („V°n da und dort1', Warschau, Verlag ,,Safruthu. QU Kop.) in diesen Blättern nicht gesprochen wird. Man denke: Ein hebräischer Schriftsteller, der seit etlichen Jahren in Palästina lebt, zieht das Fazit aus seinen Erfahrungen und kommt zu einem pessimistischen Schlüsse. Und sein Pessimismus in bezug auf Palästina ist nicht etwa aus antizionistischen Motiven eingegeben, und er geht nicht darauf aus, für Palästina ein anderes Land einzusetzen. Nein! Er gibt die palästinensische Hoffnung auf und setzt an ihre Stelle — die Verzweiflung. Sollen wir auf solch ein Buch noch das Augenmerk unserer Freunde lenken? Nun, ich glaube doch. Emerson sagt einmal: „Jede Tatsache der Welt hat zwei Seiten. Aber jeder Mensch bringt die Anlage für die eine oder die andere dieser zwei Seiten mit auf die Welt, und es kann leicht geschehen, daß wir Menschen begegnen, welche sich der einen dder der anderen ganz hingegeben haben." Brenner ist ein solcher Mensch. Er sieht nur die Schatten, nur die Finsternis. Wer aber das Licht bringen will, der hat keinen Grund, unaufmerksam und ungeduldig zu werden, wenn einer ihm von der Finsternis erzählt. Denn um ihretwillen ist er ja gekommen. Auf die Erzählung selbst, in welche Brenner seine Ansichten über das heutige Judentum gekleidet hat, will ich nicht eingehen. Sie ist nur ein äußerer, dürftiger Rahmen für die Aufzeichnung seiner Erfahrungen und Schlüsse. Diese Erfahrungen sind traurige. Lag es an den objektiven Tatsachen, oder an dem Menschen, der sie erlebte? Eine düstere Traurigkeit, ein erbarmungsloser, lichtloser Realismus, der nie über das Gegebene hinaus kann, charakterisiert auch schon alle früheren Schriften des Erzählers Brenner. Er scheint ganz durchdrungen zu sein von einer Weltanschauung, der das Leben ganz zwecklos erscheint, und vielleicht ist selbst sein dichterisches Schaffen nur ein Ausfluß dieser Weltanschauung. Als ob er dieses Leben nicht weiterleben wollte, zieht er sich von ihm zurück und schildert es. Vielleicht ist das für ihn der einzige Weg zu leben und sich doch