Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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926 Bevölkerung gegen das Komitee erfüllt hat, gesellt sich nun die Sympathie für das neue Kabinett, das Kabinett der Liga. Ist es wirklich das Kabinett der Liga? In seiner Zusammensetzung gewiß, aber sicherlich nicht in der Art der Verteilung der Rollen. Man weiß sehr gut, daß die Liga und Albanien nach Kiamil Pascha riefen, und nach ihm hätte sich, wenn dieser Ruf befolgt worden wäre, das neue Kabinett benennen müssen. Statt dessen ist Kiamil Pascha nicht nur nicht Großwesir, sondern auch nicht einmal Minister des Aeußern geworden; er hat sich mit dem Titel eines Präsidenten des Staatsrates begnügen müssen. Hier liegt ein weiteres sinnfälliges Zeichen staatsmännischer Mäßigung. Man hat Kiamil Pascha im Hintergrund gelassen, um nicht das Komitee zum äußersten zu treiben, denn man weiß, daß die Bekleidung Kiamils mit der Macht das Komitee mehr als selbst die Parlamentsauflösung erbittern mußte. Indem man darauf verzichtete, verminderte man um ein wesentliches die Gefahr eines militärischen Zusammenstoßes. Und warum ist Kiamil nicht Minister des Aeußern geworden? Entweder, er wollte nicht, um nicht noch die Abtretung von Tripolis unterzeichnen zu müssen, wie er die von Rumelien und von Bosnien-Herzegqwina unterzeichnet hat, oder hier hat wieder eine weise Berechnung vorgelegen. Es ist zwar mehr als klar, daß künftig in der Türkei von allen auswärtigen Mächten England die erste Rolle spielen wird; aber die Uebergabe der äußeren Politik in die Hände Kiamil Paschas hätte noch mehr als das, nämlich ein formelles oder geheimes Schutz- und Trutzbündnis der Türkei mit Britannien und eine schroffe Ablehnung der Dreibundmächte bedeutet. Hier lag eine Gefahr. Sicherlich haben das die deutschen Dreibundmächte den osmanischen Politikern Nr. 31 auch zu verstehen gegeben. Die ,,Neue Freie Presse" war deutlich bis zu Drohungen; und es war gar nicht schwer zu erkennen, daß Kiamil, wenn er am Ruder war, den Dreibund draußen und das Komitee im Lande einander in die Arme treiben mußte, und das wäre weder für die Ruhe der Türkei nach außen, noch für den Kampf der neuen Partei gegen das Komitee günstig gewesen. Indem also das neue Kabinett (unter vorläufiger Zustimmung der Liga) Kiamil Pascha bis auf weiteres in den Hintergrund treten ließ, folgte es nur einer höchst besonnenen außer- und innerpolitischen Taktik. Wie werden die Dinge weiter verlaufen? Die Gefahr ist noch lange nicht vorüber. Das aufständische Albanien drängt weiter und weiter. Es will Kiamil, und es will ein neues Parlament. Ob es der Regierungskommission, die schleunigst in die Provinz entsendet wurde, gelingen wird, ihre Ansprüche zu mäßigen, ist nicht vorauszusagen. Auch die Liga drängt noch immer ungestüm vorwärts. Sie will durchaus das Parlament beseitigen und hat es in diesem Augenblick wohl schon beseitigt. Einstweilen stehen noch unvermittelt die Parteien, die Forderungen und die Armeekorps gegeneinander. Die Luft ist zum Ersticken mit Elektrizität geladen. Der Funke kann herabzucken oder das Gewitter kann sich verziehen. Das Volk in der Hauptstadt ist ruhig. Aber der Belagerungszustand ist aufgehoben, und alle Welt besorgt wieder Waffen. Immerhin läßt der bisherige, erstaunenswert ruhige Verlauf der neuen revolutionären Geschehnisse trotz allem darauf hoffen, daß der innere Krieg auch weiter so wie bisher nur mit Telegrammen und Proklamationen, ohne Pulver und Blei, wird aus- und durchgefochten werden. Inschallah! Dr. Israel Auerbach D!£3§£ELT O N □ □ □ □ □ O o o vfc _ rs=^ WELTCHRONIK □ □□□□□ JJ Vom jüdischen Nationalverein für Oesterreich (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die Wiener politische Konferenz hat den jüdischen Nationalverein für Oesterreich beauftragt, die baldmöglichste Einberufung eines gesamtösterreichischen jüdisch-politischen Parteitages zu veranlassen und zu diesem Behufe das Einvernehmen mit der galizischen und bukowinensischen Parteileitung zu pflegen. In Ausführung dieses Beschlusses hat sich der Vorstand des Nationalvereins bereits an die kompetenten Faktoren in Cializien und der Bukowina gewendet. Da die Abhaltung eines gemeinsamen Parteitages der drei österreichischen Organisationen als dringend nötig empfunden wird, ist zu erwarten, daß er bereits im kommenden Herbste stattfindet Die Leitung des jüdischen Nationalvereins wurde ferner von der politischen Konferenz angewiesen, ungesäumt die Organisation in der Provinz auszubauen und in allen Orten Westösterreichs mit größerer jüdischer Bevölkerung Vertrauensmänner zu bestellen, den Wiener Vorstand des Vereins durch Kooptation auswärtiger Gesinnungsgenossen zu erweitern und den Ausbau des Vereinsvorstandes zu einem jüdischen Nationalrat vorzubereiten. Da gemäß dem akzeptierten Antrage Dr. Wintersteins die Vertrauensmänner womöglich den zionistischen Ortsgruppen zu entnehmen sind, hat sich der jüdische Nationalverein in einem Zirkulare an alle zionistischen Ortsgruppen Westösterreichs mit der Aufforderung gewendet, Vertrauensmänner aus ihrer Mitte zu nominieren. Bezalel-Ausstellung in Karlsbad (Von unserem Berichterstatter.) P r a er. Ein Karlsbader Komitee, dem insbesondere zahlreiche Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe angehören, hat gemeinsam mit dem Prager Verein „Bezalel" eine Bezalel-Ausstellung in Karlsbad veranstaltet, die einen sehr erfolgreichen Verlauf nimmt. Die feierliche Eröffnung fand Sonntag, am 21. Juli, in Gegenwart eines zahlreichen erlesenen Publikums statt. Herr Dr. Theodor W e 11 s c h , Obmann des Prager Vereins, dankte dem Karlsbader Komitee für seine Bemühungen um den Bezalel, und wies in einer längeren Ansprache darauf hin. daß gerade Karlsbad, der berühmte böhmische Weltkurort, wo Naturschönheit und Großstadtbetrieb sich zu unvergleichlich schönem Bunde vereinen, wo Gewerbefleiß und Kunstsinn so harmonisch gepaart, wo der Fremdenstrom aller Nationen zusammenfließt, der geeignete Ort sei, von dem Schaffen der auf dem alten palästinensischen Boden neu erstan-