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Die Welt · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRQ. BERLIN, 2. August 1912 nrchti> r'önn 'K DN U'"> /|^"D Nr. 31. Die"RevoIution in der Türkei Es ist nicht mehr gut möglich, sich den Charakter der Vorgänge in der Türkei zu verbergen: es handelt sich um eine neue Revolution oder um eine zweite Phase der vor genau vier Jahren begonnenen. Sie ist diesmal gegen das Komitee gerichtet, im Namen derselben Freiheit, für die das Komitee kämpfte, unter Anwendung genau derselben Mittel, ausgeführt zum großen Teile von genau denselben Menschen. Man kann deshalb nicht gut von einer reaktionären Bewegung sprechen, obwohl sicherlich eine Menge verborgener oder offener, mehr oder weniger reaktionärer Kräfte zu ihr gestoßen ist und ihre Wucht verstärkt hat. Im allgemeinen zielt sie jedoch keineswegs auf eine Ausschaltung der im Juli 1908 revolutionär eroberten konstitutionellen Freiheiten ab, sondern nur auf Ausschaltung der persönlichen Komiteeherrschaft, die die errungenen Freiheiten mehr und mehr reaktionär gehandhabt hatte. Es ist ein neues „Komitee" im Grunde, das die neue Revolution dirigiert. Nur der Name hat gewechselt; es heißt die Liga. Die Liga setzt sich aus anscheinend weitverzweigten Offiziersgruppen zusammen, die unter einheitlicher, aber unbekannter Leitung arbeiten. Also ganz genau derselbe Apparat wie vor vier Jahren. Jedoch findet die Liga eine gänzlich andere Situation vor, als damals das Komitee. Dieses hatte nur den Widerstand des alten Regimes zu überwinden, und dieser war vollkommen durch die klappernde Furcht paralysiert. Das Komitee mit seinen Armeekorps war also eigentlich ganz allein auf dem Plane. Die Liga von heute trifft es anders. Das Komitee existiert noch. Es existiert tatsächlich, obwohl es vom ersten Ansturm über den Haufen geworfen schien oder sich (wenn hier eine Taktik war) hat über den Haufen werfen lassen. Es existiert, und nicht nur als eine gliederlose Kopfgruppe, zusammengesetzt aus einigen wenigen Personen, sondern als ein (wenn auch verwundeter) Organismus, mit einer Partei, mit einem oder mehreren Armeekorps, mit einem Parlament — das freilich vor der Auflösung steht. Wenn daher die erste jungtürkische Revolution die Bewunderung der ganzen Welt erweckt hat durch ihre geradezu rätselhafte Unblutigkeit, so wird das Wunder diesmal unendlich viel größer sein, wenn das Blutvergießen wirklich wiederum nicht eintreten sollte. Hier ist ja keine isolierte, mit der Luft fechtende Klinge, hier sind zwei scharfe, schlagbereite, gegeneinander gekreuzte Schwerter, Komitee gegen Liga, Parlament und Adrianopeler Armeekorps gegen Kabinett und die Armeen von Albanien und von Uesküb. Albanien ist bereit, auf die Hauptstadt zu marschieren, um die verhaßte Kammer auseinanderzujagen, Adrianopel ist marschgerüstet, um sie zu verteidigen. Noch eine Ucberspannung auf der einen oder auf der anderen Seite, und die Kanonen donnern. Das wäre dann aber ein Bürgerkrieg ohnegleichen, auf den die beutegierigen Reichsnachbarn nur lauern, um in die von Verteidigern entblößten Festungen ihre eigenen Soldatenmassen nachzuwerfen. Das bisherige stille Zurückweichen des Komitees aus seinen früheren Herrschaftspositionen ist entweder das Resultat tatsächlicher Schwäche oder einer Disziplin und Selbstaufopferung, die den tiefsten Respekt verdienen müssen. Wenn das Komitee tatsächlich die Macht hatte, sich zu verteidigen und zu behaupten und es doch nicht tat, um das Vaterland nicht rettungslos in den Abgrund zu stürzen, so ist das ein Akt von heroischer Größe, der mit jedem Tage des Zuwartens und Geschehenlassens bewunderungswürdiger wird. Aber auch auf der anderen Seite muß, bis heute wenigstens, dieselbe echttürkische Ruhe und Mäßigung anerkannt werden. In diesem Momente hatte und hat vielleicht noch die Liga die Macht, das Parlament aufzulösen, das Komitee zu verfolgen, Militärdiktatur, vielleicht Thronwechsel anzuwenden. Sie hat sich bis jetzt damit begnügt, die Regierung zu wechseln, ohne das Kabinett des Komitees durch ein Kabinett der Komiteeverfolgung zu ersetzen, und die ersten Schritte des Kabinetts bestanden in der Aufhebung des Belagerungszustandes, Wiederherstellung der Preßfreiheit, Einstellung der Feindseligkeiten gegen Albanien, Begnadigung der Verbannten. Mögen diese Maßregeln nun auf das direkte Verlangen der Militärliga zurückzuführen oder von dem weisen Rate der wirklich hervorragenden Regierungsmänner eingegeben sein: sie bedeuten jedenfalls, wenn auch unblutige, so doch wuchtigere Schläge gegen das Komitee, als die Armeekorps sie hätten führen können. Zu der Antipathie, die einen großen Teil der

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