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Die Welt · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 30 blEÄELT go7 aramäischen Sprache noch heute sein Dasein. Zwölf Tagereisen nördlich von Bagdad, an dem linken Gestade des Tigris, stromaufwärts bis zu Kurdistan hinauf wohnen etwa zehntausend Juden in mehreren Städten und Dörfern zerstreut, deren Muttersprache aramäisch ist oder besser gesagt ein aramäischer Jargon, denn er ist mit persischen, türkischen, arabischen und hebräischen Wörtern durchsetzt. Die Juden selbst nennen ihre Sprache DWPn }%\&b ,,die Sprache der [aramäischen Bibel-] Ueberseizung". Man fährt von Bagdad den Tigris aufwärts, an den Orten Schahaban, Baakuba, Hurmatu, Chanaki, Solemenija, Baana, Sakas vorüber bis nach L a b 1 a c h, wo sich die erste Niederlassung dieser Juden, etwa 200 Familien, befindet. Dann kommt Nedjada mit 150, Ormi mit 500 Familien. (Die letztgenannte Stadt zählt fünfzigtausend Einwohner und ist durch ihre herrlichen Gärten, Plantagen, sowie durch ihren äußerst fruchtbaren Boden berühmt.) Ferner Salmas mit 100, S i n a mit 400, iRcwandus mit 100, B i d j a r mit 120, E s c h e n u mit 50, M u h a m m e d Schah mit 10, B a s c h k a 1 a n und Karmas c h a n, beide an der türkisch-persischen Grenze gelegen, mit je 150 Familien. Kerkuk, nach der Tradition dieser Juden das alte Kalach1) (Genes. 10,12), mit 200 Familien. — Ferner Arbil, aus weicher Stadt angeblich der Tanaite Nitaj Ha-arbeli stammte (vgl. Aboth I, 6). Nach der Tradition dieser Juden ist Arbil die uralte Stadt Hessen-) (Genes. 10, 12). Diese Stadt zählt etwa fünftausend Einwohner und 150 jüdische Familien. Mehrere Tagereisen von diesen Niederlassungen entfernt, gibt es wiederum einige Ortschaften wie Sachu, D j i s i r und S u n d u r, welche aramäisch sprechende Juden beherbergen. Ich habe einige dieser Juden zufälligerweise an der Sammelstätte des ganzen jüdischen Volkes, an der Klagemauer in Jerusalem, kennen gelernt. Einige wohnen bereits seit einigen Jahren in Jerusalem, gewöhnlich aber pilgern sie nach der heiligen Stadt, um sich hier kurze Zeit aufzuhalten und nachher wieder in die Heimat zurückzukehren. Einer von ihnen, der Chacham ist, spricht ein fließendes Hebräisch, in welcher Sprache übrigens auch die anderen sich verständigen können. Der Chacham vorauf? erte mir „zum Andenken" ein Manuskript, das er eigenhändig geschrieben hat. Diese Handschrift enthält Volkslegenden in ihrem aramäischen Dialekt, die ihren einzigen Unterhaltungsstoff an den langen Winterabenden bilden. Sie werden vom Chacham in einer rezitierenden Weise, nach orientalischer Sitte, vorgetragen. Die Volksiegenden sind, wie der Chacham mir versicherte, noch niemals aufgezeichnet worden, und er will sie nun zum erstenmal zu Papier gebracht haben. Die aramäischen Juden sind in ihren Wohnstätten, üaeh ihrer eigenen Uebeiiieferung, bereits seit der Zerstörung des ersten Tempels ansässig und haben sich in allen religiösen Dingen den babylonischen Juden untergeordnet. Das Gebiet ihrer Wohnsitze nennen sie „Aschur" (Assyrien), das sich bis Lablach (siehe oben) südlich erstreckt; die Gegend von da ab bis Basra nennen sie „Babel". Diese Juden dürften nicht nur das Interesse der Sprachforscher wegen ihrer aramäischen Umgangssprache, dem einzigen lebendigen Ueberbleibsel des babylonischaramäischen Idioms, erwecken, sondern in erster Linij das Interesse aller Freunde der jüdischen Volkskunde. Denn da sie ihre Wohnsitze niemals verlassen haben und keinen fremden Einflüssen unterworfen waren, wofür schon ihre aramäische Sprache bürgt1), haben sich bei ihnen sicherlich die uralten babylonisch-jüdischen Eigenheiten in direkter Uebeiiieferung treu erhalten. Ihre Aussprache des Hebräischen sowohl als die des Aramäischen hinsichtlich der Laute, Wortakzente usw. gleicht vollständig der der Bagdader Juden resp. der Sefardim der arabisch sprechenden Gebiete. Ebenso gleichen sie den Bagdader und Sefardim in ihrem traditionellen Synagogengesange, hauptsächlich in den Intonationen der Bibel und in der Tefillaweise1). Die talmudischen Namen A b a j e , R a b a , H i j a , N'achman, Hanina, S i r a u. a. sind bei ihnen sehr häufig. Familiennamen, wie sie jetzt auch unter den orientalischen Juden, speziell den Sefardim, üblich sind, kennen sie nicht; sie bezeichnen sich, nach altorientalischer Sitte, mit dem Namen des Vaters oder auch des Großvaters.* Die aramäisch sprechenden Juden erfreuen sich unter dem Schutze der türkischen Regierung allgemeiner Freiheit und finden ihren Lebensunterhalt durch die Landwirtschaft, das Handwerk und den Handel; ihre wirtschaftliche Lage scheint nicht ungünstig zu sein. Von der europäischen Kultur sind sie noch ganz unberührt geblieben, ihre Lebensweise, ihre Sitten und Gebräuche sind noch ganz die der talmudischen Zeit, während sie in geistiger Beziehung mit den orientalischen und osteuropäischen Juden gleichen Schritt gehalten haben. Es ist staunenswert, wie die ganze rabbinische Literatur seit dem Abschlüsse des Talmuds den Weg zu ihnen gefunden hat. Hebräische Bücher aus venezianischen, Livornoer, Amsterdamer Druckereien, aber auch die neuesten Warschauer und Wilnaer Druckausgaben sind an den Ufern des Tigris, auf den Trümmern des assyrischen Weltreiches zu finden. Auch eine dichterische Produktion gibt es im Kreise dieses merkwürdigen jüdischen Volksteiles. Es gelang mir, eine Sammlung hebräischer und in ihrem aramäischen Dialekt abgefaßter Gedichte, die im Stile der hebräisch-orientalischen Dichtung gehalten sind, zu erwerben. Diese wenigen Mitteilungen über die Nachkommen der Schöpfer des babylonischen Talmuds bieten uns einen interessanten Beleg für die Uuverwüstlichkeit des jüdischen Stammes und für seine Zähigkeit in der Bewahrung uralter Kulturgüter und Stammeseigentümlichkeiten. *) Die Geographen setzen Kalach viel südlicher, .im Ufer des Tigris in der Nähe von Ninive, an. -) Diese Tradition stimmt überein mit der Angabe der Bibel (jenes. 10, 12, wonach Ressen zwischen Ninive und Kalach liegt. <5) Die dortige nicht jüdische Bevölkerung spricht Kurdisch, Persisch und Arabisch. ') Vgl. darüber meinen Aufsatz „Reste althebräischer Musik14 im Junihefte von „Ost und Westil d. J.

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