Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 sollten, meinte der Befragte, in Polen sei es vollständig undenkbar, jüdische oder auch nur solche nichtjüdische Abgeordnete durchzubringen, die für jüdische Interessen eintreten würden. Bekanntlich haben die fortschrittlichen Polen einen eigenen „fortschrittlichen" Antisemitismus erfunden, unterscheiden sich also in bezug auf Judenfeiridschaft gar nicht von den polnischen Nationaldemokraten. Wenn es sich um die Aufhebung des Ansiedlungsravons handeln wird, werden die polnischen Abgeordneten vermutlich für die Aufhebung stimmen, weil dadurch ein weiteres Einströmen litauischer Juden nach Polen verhindert würde. In allen anderen Fragen werden die polnischen Abgeordneten zweifellos g e g e n die jüdischen Interessen stimmen. Wenn wir jetzt ein jüdisches Wahlkoniitee bilden wollten, das die jüdischen Wähler organisieren und sich bei den Wahlen unter Umständen mit den Fortschrittlern verbünden würde, so hätten wir nur Nachteil davon. Deberdies würde sich die polnische Fortschrittspartei unsere Wahlhilfe wahrscheinlich verbitten, weil eine solche ihre Position nur schwächen kann. Als bei den Wahlen zur ersten und zweiten Duma das jüdische Wahlkomitee die Fortschrittler unterstützte, wurden diese in den Flugblättern der National- (lemokraten als J u d e n k n e c h t e verschrien, und das Ende vom Liede war, daß auch die Fortschrittler sich offen zum Antisemitismus bekannten . . . Auch ein Wahlbündnis der Juden mit den Parteien der äußersten Linken wäre ganz sinnlos. Wenn in der Duma die allgemeinen Interessen des Proletariats, des Kleinbürgertums usw. auf dem Spiele stehen, so wird die äußerste Linke \\v spezifisch jüdischen Interessen sicherlich ohne weiteres preisgeben. Dies hat sich ja in der Frage der Sonntagsruhe gezeigt; die Parteien der Linken treten bekanntlich aus sozialen Gründen für die Einführung der vollständigen Sonntagsruhe ein, •hne Rücksicht darauf, daß diese Maßnahme die Vernichtung \ieler tausender jüdischer Existenzen zur Folge hätte. Aus allen diesen Gründen ist Herr Podlischewski der Meinung, daß die Juden in Polen, insbesondere auch in Warsch u, gut daran täten, möglichste Zurückhaltung im Wahlkampte zu beobachten. Neue Judenausweisungen in Rußland. P e t e r s b u r g. In verschiedenen Gouvernements sind gegenwärtig umfangreiche JudcnauswReislingen an der Tagesordnung. Aus den Dörfern im Kreise Telsh, Gouvernement Kowno, wurden neuerdings 130 jüdische Familien ausgewiesen. Gegen die indischen Bewohner des Dorfes Alex a n d r o w s k im Gouvernement Wilna schwebt ein Ausweisungsverfahren. Im Gou- .'ernement J e k a t e r i n o s I a w erhielten mehrere hundert jiiiische Familien kurzfristige Ausweisungsbefehle. Sie haben ieh telegraphisch an den Ministerpräsidenten Kokowzew nit der Bitte um Hinausschiebung des Ausweisungstermiucs ewandt. Der Erfolg des Gesuches ist jedoch sehr fraglich. Eine jüdische Zeitung in neugriechischer Sprache (Von unserem Berichterstatter.) Korfu. Unser Gesinnungsgenosse, ■ Herr Professor C a i m i in A t h e n , hat es sich zur Aufgabe gemacht, die jüdische Bevölkerung Griechenlands durch eine Zeitung in griechischer Sprache mit den Ereignissen im jüdischen Leben der Gegenwart ständig bekannt zu inachen. Die ersten vier Nummern der „Israilitiki Acthipheorosis" — so heißt die neue Zeitung — 899 weisen einen vielseitigen und gediegenen Inhalt auf. Wir nennen folgende Titel: „Ist die hebräische Sprache eine lebende Sprache?", „Griechisch und Hebräisch44, „Die Juden und die Tuberkulose'4, „Das Hohelied", „Don Jose Nassi44. Bei der geringen jüdischen Bevölkerungszahl Griechenlands bedarf das Unternehmen weitgehender Förderung von auswärts. Denjenigen Gesinnungsgenossen, die eine Gelegenheit wünschen, ihre griechischen Kenntnisse durch Lektüre einer neugriechischen Zeitung aufzufrischen und zu ergänzen, möchten wir empfehlen, auf die Zeitung zu abonnieren. Besonders unsere akademische Jugend dürfte sich bald mit ihr befreunden. Die Zeitung erscheint monatlich als Heft von 16 Blatt Stärke und kostet jährlich 10 M. Probenurnmern sind kostenlos durch die Redaktion, Professor C a i m i, Athen, zu beziehen. Rücktritt des Herrn Antebi Paris. Wie wir erfahren, wird Herr Albert Antebi, der Vertreter der Alliance in Jerusalem, von seinem Posten zurücktreten. Er wird in nächster Zeit eine Reise nach Europa unternehmen und sich dann außerhalb Palästinas ein neues Tätigkeitsfeld suchen. Der Grund zu seinem Rücktritt ist in Differenzen zu suchen, die sich zwischen ihm und der Allianceleitung, speziell dem Generalsekretär Bigart, entwickelt haben. Ein amtliches türkisches Urteil über die Allianceschtilen (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. In einer der jüngsten Sitzungen des G e n e r a 1 r a t s d e s Vilajets Saloniki einer Art Provinziallandtag ----- stand die Frage der Beihilfen für die jüdischen Schulen des Vilajets auf der Tagesordnung. Einer Anzahl jüdischer Schulen von Saloniki wurden Subventionen im Gesamtbetrage von 200 türkischen Pfund (4000 Frs.) bewilligt. Nun kam die Reihe an die Schulen der Alliance Israelite. Die Vilajetsverwaltung hatte vorgeschlagen, diesen Schulen eine Beihilfe von 25 türkischen Pfund zur Verfügung zu stellen. Hiergegen wandte sich der Direktor des Erziehungswesens, Ruchdi Hey, der in längerer Rede ausführte, die Allianceschulen verfolgten den einzigen Zweck, den französischen Einflul) im ottomanischen Reiche zu vermehren. Ein jüdisches Mitglied des Generalrats, Moise Effeudi Cohen, suchte zwar die Ausführungen Ruchdi Heys zu entkräften, indem er darlegte, die Alliancesehulen hätten seit fünfzig Jahren eine hohe Kultlirmission im ottonianischen Reiche erfüllt und dem Staate große Dienste erwiesen, doch stellte sich die Mehrheit der Versammlung auf den Standpunkt des Erziehungsdirektors u n d lehnte die f r a g 1 i c h e B u d g e t p o s t v o n 25 P f u n d a b. Diese Abstimmung ist ein bedeutsames Zeichen der Zeit, das der Pariser Allianeeleitung zu denken geben sollte. Wohltätige Stiftung eines türkischen Juden Ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Cava IIa (Vilajet Saloniki) hat dieser Gemeinde ein Stiftungskapital von 1000 türkischen Pfund (23 000 Frs.) zur Verfügung gestellt mit der Maßgabe, daß die Hälfte der jährlichen Zinsen begabten Schülern der dortigen jüdischen Gemeindeschule als Stipendium zur Fortsetzung ihrer Studien DIE30EELT