Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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an einer auswärtigen höheren Schule dienen soll, während die andere Hälfte verschiedenen Wohlfahrtsanstalten der jüdischen Gemeinde Cavalla zugedacht ist. Diese Stiftung ist deshalb bemerkenswert, weil selbst in den größeren jüdischen Gemeinden des türkischen Reichs — zu denen Cavalla nicht gehört — derartige Bekundungen jüdischen Gemeinsinns und jüdischer Opferwilligkeit bis jetzt noch zu den größten Seltenheiten gehören. Ein Endkampf Von Dr. Otto Abeles, Wien Man konstatiert es freudig: die Juden beteiligen sich in immer geringerem Maße am österreichischen Nationalitätenhader. Es sei ein Rückblick gestattet. Im Jahre 1897 artete der Kampf /Avischen Deutschen und Tschechen in Böhmen in eine furchtbare Judenhetze aus. Prag bot das Bild einer russischen Pogromstadt. Drei Synagogen wurden in demolierungsreife Baracken verwandelt. Jedermann, der ein Kruzifix ins Fenster stellte und sich solchermaßen als Nichtjude deklarierte, blieb von den „antideutschen" Verwüstungen des Pöbels verschont. In C h r u d i m , Nachod, K r a 1 u p , M e 1 n i k , Neubidschow, Tabor, K ö n i g g r ä t z , G i t s c h i n und L a u n wurde von den Tschechen auf die Juden geschossen, ihr Hab und Gut geplündert, ihre Läden demoliert. Gleichzeitig wurde in Eger und Saaz gegen die Juden ebenso von teutonischen Chauvinisten vorgegangen. Herzl schrieb damals in der ,,Welt"*): „Es gab welche, die sich tschechisch zu sein bemühten. Da bekamen sie es von den Deutschen. Es gab welche, die deutsch sein wollten, da fielen die Tschechen über sie her —- und Deutsche auch. Es ist, um den Verstand zu verlieren — oder um ihn endlich zu finde n." Die Entwicklung zeigt, daß gottlob die Juden den Verstand gefunden haben und sieh allmählich abgewöhnen, ,,im Nationalitätenhader als blinde Passagiere durchzukommen/' wie sich Herzl ausdrückte. Als im Jahre 1905 der berüchtigte deutsche Volkstag zu Brü n n begangen wurde, der in eine blutige Schlägerei ausartete und ein Menschenleben vernichtete, sah man wohl im Trutzzug noch eine erkleckliche Zahl deutschjüdischer, schwarz-rot-goldener Studenten, heilrufender Proßnitzer, Gödinger, Olmützer Kasino-Juden und eichenlaubumkränzter israelitischer Jahnsöhne, aber in den breitesten jüdischen Schichten war man über das demonstrative mosaische Germanentum schon sehr entrüstet und noch mehr um die traurigen Folgen bekümmert, die natürlich pünktlich eintrafen und sich draußen im Lande in wohiorganisierten, wirtschaftlichen Boykott umsetzten. Das nächste heiße Aufflammen der nationalen Straßenleidenschaften war im Jahre 1909 in Niederösterreich zu beobachten, und zwar in Wien, Melk und Unter- T h e in e n a u. Da war das jüdische Element — von einer Handvoll lächerlicher Exaltados abgesehen — nicht mehr vertreten. Und als in der allerjüngsten Zeit wieder Prag anläßlich des Sokolfestes der Schauplatz deutsch-tschechischer handgreiflicher Auseinandersetzungen war, durfte man mit Genugtuung feststellen : Hüb e n und drüben haben *) 1897, Nr. 28. sich die Juden an den nationalen Demonstrationen so gut wie gar nicht beteiligt. * Diese Entwicklung muß man richtig würdigen. Die jüdische Renaissance geht an keinem Herzen vorüber. Sie pocht an jedes Juden Brust. Alle müssen sich mit ihr auseinandersetzen, und so sehr sie sich auch gegen die zionistische Partei sträuben mögen — die Bewegung formt sie um und bringt sie in unsere Nähe. Wir wären um eine Zentnerlast erleichtert, wenn der Kampf gegen jüdisches Deutschtum und jüdisches Slaventum unsere besten Kräfte nicht beständig in Anspruch nähme, wenn die fremdnationale Judenpolitik der Vergangenheit angehörte. Das Gleichnis vom gleichzeitigen Bauen und Kämpfen, vom Schwert in der Rechten und der Kelle in der Linken ist zwar sehr beliebt, aber es hinkt ein wenig in unserem Falle. Bei den Westjuden — wir gestehen: auch bei den bewußten — ist vielfach vom Judentume nicht mehr vorhanden als der gute Wille, Jude zu sein. Nichts wäre nötiger und ersehnter, als mit beiden Händen am Werke schaffen zu dürfen. Leicht sinkt die Linke und hält die Kelle untätig, bloß sinnbildlich, wenn die Rechte das Schwert führen muß. . . . Man verbraucht sich im Sturmlaufen gegen die Assimilation, anstatt in heiligstem Mühen daran zu wirken, daß die nächste Generation, für die wir die Verantwortung tragen, nicht mehr so haltlos und zwiespältig aufwachse, wie das heutige jüdische Geschlecht im Westen, sondern wieder mit beiden Füßen im Judentume stehe. Das wissen wir, und wir wissen auch, daß keine Zeit zu verlieren ist. Darum begrüßen wir diesen Wandel mit großer Freude. * Aber freilich: der assimilatorische Blätterwald hat diese Entwicklung nicht mitgemacht. Benedikt und Singer, Stransky und Lederer sind die Alten geblieben. Die fahren in der Wühlarbeit fort und lassen sich's nicht nahegehen, daß der Jude, der durch den Nationalitätenkampf der letzten Jahrzehnte unsäglich gelitten hat, schon beim Aufkeimen neuer Zwistigkeiten erzittert. Unerhört ist es, daß ein Häuflein jüdischer Presseschädlinge die lähmende, demoralisierende Angst der breiten jüdischen Schichten um ihre Existenz skrupellos nach wie vor heraufbeschwört, und man muß heute sagen: Zwischen uns und der Masse steht nur mehr die papierene Großmacht der assimilatorischen Presse. Sie und der enge Geschäftskreis, der sich ihrer bedient und an den sie gekettet ist, hemmen uns an der positiven Arbeit. Hier also ist ein Endkampf zu liefern!