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Die Welt · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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898 DIE^ELT Nr. 30 Unter diesen Urnständen ist es natürlich, daß man in verschiedenen Kreisen auf den naheliegenden Gedanken kam, die Odessaer Juden täten gut daran, den Mann in die Duma zu entsenden, der durch glänzende Begabung, jüdisches Selbstbewußtsein und gediegene politische Bildung wie kein zweiter für die Rolle eines Sachwalters des jüdischen Volkes geeignet ist. Und so tauchte denn der Name unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen Wladimir. Jabotinsky wie von selbst im Zusammenhange mit den Odessaer Wahlen auf. Auch sehr zahlreiche nichtzionistische Kreise, die Sinn für jüdischnationale Würde haben, forderten Jabotinsky auf, sich der schweren Mission zu unterziehen. Lange zögerte Jabotinsky, dem Rufe Folge zu leisten. Schließlich gab er doch der dringenden Aufforderung seiner Partei nach, und seine Kandidatur wurde offiziell angemeldet. Nun wäre aber Jabotinsky ein viel zu glänzender Vertreter jüdischer Interessen, als daß man in gewissen Kreisen den Zionisten diesen Sieg gönnen würde. Jabotinsky in die Duma wählen zu lassen, und zwar vielleicht gar als den einzigen jüdischen Abgeordneten — das wäre eine zu große Zumutung für jene Leute, die ihren kleinlichen Parteistandpunkt auch dann nicht verlassen können, wenn es sich um die wichtigsten allgemeinen Fragen handelt. Die sogenannte jüdische Volksgruppe, d. h. der Kreis um W i n a w e r in Petersburg, erhebt auch hier wieder Anspruch auf die politische Führung im russischen Judentum. Ohne die Odessaer Judenheit um ihre Ansicht zu befragen, beschloß man in Petersburg, der jüdische Vertreter von Odessa sollte aus der ersten Stadtkurie entsandt werden, und zwar soll dieser Vertreter Herr Rechtsanwalt Sliosberg aus Petersburg sein. Die Sache verhält sich nämlich so, daß in Odessa zwei Abgeordnete zu wählen sind, und zwar je einer aus der ersten — der Kurie der Großkaufleute und Immobilienbesitzer — ■ und der zweiten Kurie. Diese letztere repräsentiert die große Masse der Wähler. In beiden Kurien machen die jüdischen Wähler nicht ganz die Hälfte der gesamten Wählerzahl — aber auch nicht viel weniger — aus. Bei einigem Wohlwollen seitens der allerdings nicht eben zahlreichen nichtjüdischen fortschrittlichen Wähler wäre es also ein leichtes, die beiden Odessaer Mandate mit Juden zu besetzen. Dies wäre auch ein Gebot der Billigkeit. Ihrer zahlenmäßigen Stärke nach müßten die Juden Rußlands ca. 30 Abgeordnete haben. Infolge der reaktionären und ungerechten Wahlordnung, die der Staatsstreich von 1907 mit sich brachte, wurde jedoch die Möglichkeit der Wahl jüdischer Abgeordneter auf ein Minimum reduziert, und so begnügen sich die Juden meist damit, daß sie überall die nichtjüp'ischen fortschrittlichen Kandidaten unterstützen, wobei sie häufig den Ausschlag geben. Die einfache Gerechtigkeit würde also erfordern, daß die fortschrittlichen Parteien, die der Unterstützung der Juden im ganzen Reiche so viel verdanken, ihre paar Stimmen in Odessa den jüdischen Kandidaten geben, um wenigstens hier an den jüdischen „Bürgern" gutzumachen, was der reaktionäre Staatsstreich xon 1907 an ihnen verbrochen hat. Allein es hat die nationalen Juden nicht wenig Mühe gekostet, den fortschrittlichen Christen und — Juden die Ueberzeugung beizubringen, daß die Juden überhaupt eigene Vertreter brauchen, und wären nicht die Erfahrungen der dritten Duma ihrer eindringlichen Predigt zu Hilfe gekommen, sie wären heute noch Rufer in der Wüste. Da man nun allgemein darüber einig, ist, daß Odessa einen Juden in die Reichsduma entsenden soll, so wäre bei der Bestimmung der Wahlkurie die größte Vorsicht geboten, damit uns nicht möglicherweise das einzige jüdische Mandat verloren geht. Bei ungefähr gleichen Chancen wäre natürlich die zweite Kurie vorzuziehen. Die Stellung unseres Vertreters in der Reichsduma würde es erforderlich machen, daß er sein Mandat nicht wenigen hunderten wohlhabender Juden, sondern den breiten jüdischen Massen, die 'am meisten das jüdische Elend und die jüdische Rechtlosigkeit verkörpern, verdankt. Nun haben es aber die Herren in Petersburg anders beschlossen. Für Herrn Sliosberg war nämlich seinerzeit in der ersten Stadtkurie Odessas ein Wahlzensus geschaffen worden, darum sollen die Juden ihren Vertreter in der ersten Kurie wählen, in der zweiten aber den gewesenen Abgeordneten N i k o 1 s k y wiederwählen, der zwar kein großes Kirchenlicht, dafür aber der Kandidat der politischen Parteifreunde der Herren um Winawer ist. Begründet wird dieser Beschluß freilich damit, daß es angeblich leichter sei, einen Juden in der ersten Kurie durchzubringen, 'da hier der Prozentsatz der jüdischen Wähler ein etwas höherer sei und man überdies die weniger zahlreiche Wählerschaft der ersten Kurie leichter zu vereintem Vorgehen organisieren könne. Nun machen aber die Herren bewußt einen groben Rechenfehler. Wahlberechtigte und Wähler sind nämlich in Rußland zwei verschiedene Dinge. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, daß eine fortschrittliche Kandidatur in der ersten Kurie viel weniger gesichert ist als in der zweiten. In Betracht kommt z. B., daß die von Tolmatschew eingeführte und gegenwärtig fleißig fortgesetzte „Säuberungsarbeit" (die Streichung der Juden mit „ungenauen" Vornamen aus den Wählerlisten) weit mehr die erste Kurie bedroht, wo unter den Juden mehr Vorliebe für russische Namen herrscht, als die Massenwähler der zweiten Kurie. Man sieht also, daß Herr Sliosberg die besten Aussichten hat, durchzufallen. Die Petersburger Herren und ihre Freunde in Odessa sind aber bereit, auch die Arithmetik zum Opfer zu bringen, wenn es gilt, der „zionistischen Gefahr" entgegenzutreten. Die Sache wird noch dadurch komplizierter, daß die Kandidatur des sehr gemäßigten Herrn Sliosberg, des Beamten des Ministeriums des Innern, für einen Teil unserer fortschrittlichen Intelligenz nicht akzeptabel ist. Dieser Tage hat sich ein jüdisches Wahlkomitee aus den Vertretern der verschiedenen Gruppen und Richtungen gebildet, das zunächst über die prinzipielle Frage zu entscheiden haben wird, in welcher Kurie ein jüdischer Abgeordneter kandidieren soll Voraussichtlich wird die Mehrheit sich für die zweite Kurie entscheiden. Die endgültige Entscheidung zwischen den Kandidaten wird wohl den Wählern selbst überlassen bleiben. Wer beim ersten Wahlgang die relative Mehrheit der jüdischen Stimmen auf sich vereinigen wird -— eine absolute Mehrheit kann niemand erlangen —, wird für den zweiten Wahlgang als der einzige jüdische Kandidat auftreten. Die Juden in Polen und die Dumawahlen Warschau. In einer Unterredung, die ein Mitarbeiter der „Hazefirah'' mit unserem Gesinnungsgenossen Herrn A. P o d 1 i s c h e w s k v in Warschau hatte, sprach sich dieser gegen eine Teilnahme der polnischen Zionisten an dem bevorstehenden Dumawahlkampf aus. Wo immer die Juden im Reiche einen jüdischen oder judenfreundlichen Kandidaten durchbringen können, sei es gewiß ihre Pflicht, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und sich für die Wahlhandlung zu organisieren. Die zionistische Partei als solche müsse sich jedoch von allgemeiner Landespolitik fernhalten. Auf die Frage des Interviewers, welche Stellung die nichtzionistischen Juden Polens nach Ansicht des Herrr Podiischewsiky den Dumawahlen gegenüber einnehmen

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