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Die Welt · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ritualmordhetze in Böhmen (Von unserem Berichterstatter.) P r a g. Seit einiger Zeit wird in unserm kulturell so hochstehenden Lande in der unverschämtesten Weise gegen die Juden gehetzt. Aus Anlaß der Kiewer Affäre brachten mehrere antisemitische Zeitungen spaltenlange Artikel, in denen das Ritualmordmärchen mit ganz unglaublicher Frechheit aufgewärmt wurde. Der tschechische „XX. Vek" (20. Jahrhundert) brachte ein fingiertes Bild des ermordeten Knaben J usc htschinsky mit den Stichwunden, und die deutschen Zeitungen standen nicht nach. Am 15. Juli veröffentlichte nun die „Aussig-Karbitzer Volks zeit Li ng, deutschnationale Zeitschrift für Nordwestböhmen", einen „Die Gefahr von O s t e n" überschriebenen Artikel, der zur Konfiskation des Blattes Anlaß gab, welche jedoch erst um 7 Uhr abends an dem betreffenden Tage durchgeführt wurde, nachdem alle Aussiger das Blatt bereits gelesen hatten. Der Artikel erregte großes Aufsehen und trug dazu bei, die feindselige Stimmung gegen die Juden zu erhöhen. Daß die „Deutschnationalen" Antisemiten sind, wissen wir lange und weiß heute jedes Kind in Oesterreich. Nur unsere deutschtümelnden Juden wollen nichts lernen. Vielleicht öffnet ihnen dieser Artikel die Augen. Ein so fanatischer Haß, wie er aus diesen Zeilen uns angrinst, kann durch vernünftige Argumente nicht ,,\vider-!cgt" und durch Konfiskationen nicht „bestraft" werden. Es leißt dort u. a.: „Die Mordtaten von Kiew, Könitz, Polna, Fisza-Eszlär und wo sonst jene düstern, in den Schleier des ieheimnisses gehüllten Taten vorgekommen sind, beweisen, laß es ein furchtbares, finsteres Geheimnis gibt, das wie in gespenstiger Schatten sich der europäischen Zivilisation ähert. Unter den in dichten Massen im Osten Europas usammenwohnenden Juden hat sich ein Fanatismus und reliiöser Aberglaube entwickelt, der sich aus der langen Abgechlossenheit jener Kreise und aus der ge'stigen Ueberhebung 'ieses Volkes erklärt. Tatsache ist, daß in den zahlreichen f almudschulen jener Länder der Haß gegen die Christen eute noch ganz unverhüllt gepredigt und kein Mittel verchmäht wird, ihnen zu schaden." — „Die finstere Judenlasse, welche Osteuropa wie ein F ä u 1 n i s p i 1 z überzieht, rabt nach Westen! Unaufhörlich schiebt sie sich nach Oestereich und Deutschland vor. Auswüchse ihrer Barbarei, gewissermaßen lodernde Signale, sind die scheußlichen Rituali o r d e. - Sie zeigen die Spuren des wandernden polnischen identums. Ein Verwesungshauch geht vor ihm her ... es iecht nach Blut und Moder . . . Alle Kulturvölker sind >n diesem giftigen Hauch bedroht: Heute mir, morgen dir! estern Polna, heute Könitz, morgen??!" ■— In diesem Ton dit es durch drei Spalten. Diese bodenlos gemeinen Ausfälle zeigen die Gesinnung ■ er Leute, mit denen die Mehrzahl der böhmischen Juden -'i den letzten Wahlen zusammengegangen ist. — Inter- •sant ist auch, daß, wie verlautet, die bekannte Aussiger ifenfirma Georg Schicht A.-ü. zur Aussig-Karbitzer Volks- ' itung in sehr naher Beziehung stehen soll. Im Verwaltungsrat!er Schicht-Gesellschaft sitzen jüdische Notable, und >ie Kundschaft Schichts besteht zum großen Teil aus gallischen Juden, denen die Gesellschaft koscheres Speisest verkauft. Man wird dieser Angelegenheit noch Aufmerkamkeit schenken müssen. — Für die Juden gibt es gegen olche niederträchtige Anfeindungen eben nur das eine Mittel, ich zu organisieren, ihre menschliche und nationale Würde u wahren und sich die Leute genau zu besehen, mit denen >ie, auch geschäftlich, verkehren. Alle „Abwehr" ist fruchtlos. Nur Selbstbesinnung und strammes Selbstbewußtsein kann uns Achtung erzwingen. Wann werden dies aber unsere deutschtümelnden Juden lernen ■? Der Wahlkampf in Odessa (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Die Wahlen in die Reichsduma rücken immer näher heran. Die entscheidenden Vorarbeiten sind in vollem Gange —■ natürlich nur in „patriotischen" und staatserhaltenden" Kreisen, die allein völlige Bewegungsfreiheit genießen. Die Juden verhalten sich im allgemeinen ganz apathisch der Wahlkampagne gegenüber. Kein Mensch macht sich mehr Illusionen über unsere Rolle bei den bevorstehenden Wahlen. Es ist ziemlich klar, daß wir in der vierten Duma nicht stärker vertreten sein werden als in der dritten. Die Hoffnungen auf neue Mandate im Nordwesten (Wilna, Grodno) sind bereits aufgegeben. Die Juden werden hier zurzeit viel zu sehr als q u a n t i t e n e g 1 i g e a b 1 e betrachtet, als daß es irgendeiner politischen Gruppe oder Partei im Ernst einfallen könnte, ihnen für ihre Unterstützung ein Mandat einzuräumen. Die betreffenden Gruppen wissen sehr wohl, daß die jüdischen Wähler, sofern sie überhaupt bei der zu erwartenden Einteilung in nationale Kurien in Betracht kommen, sie auch ohnehin gegen die extremen Reaktionäre unterstützen werden. In den anderen Wahlkreisen, die bisweilen genannt wurden (Witebsk oder gar Wolhynien), sind die jüdischen Kandidaturen von vornherein von niemand ernst genommen worden. In letzter Zeit ist übrigens auch der Name des Lodzer Fabrikanten Stanislaw S i 1 b e r s t e i n genannt worden. Die Aussichten dieser Kandidatur lassen uns ziemlich kühl. Ob dieser polnisch-jüdische Grandseigneur, der is; der Reichsduma sicherlich ein treuer Parteigänger des Polenklubs sein würde, ins taurische Palais einzieht oder nicht, ist für die national und demokratisch gesinnten Schichten des jüdischen Volkes recht gleichgültig. Unter diesen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß in weiten jüdischen Kreisen den Odessaer Wahle n das größte Interesse entgegengebracht wird. Ist doch Ode ss a die einzige Stadt, wo eine jüdische Kandidatur gesichert erscheint. Odessa ist eine der wenigen russischen Städte, wo die Wahlen direkte sind und die einzige, wo die jüdischen Wähler den Ausschlag geben. Auf Odessa sind daher die Augen aller Juden gerichtet, die eine eigene jüdische Vertretung in der Duma wünschen. Und auf eine solche möchte heutzutage unter den russischen Juden niemand verzichten. Nicht etwa, weil man sich von der vierten Duma irgend welche praktischen Erfolge auf legislativem Gebiete verspricht. Würde es auf Erfolge dieser Art ankommen, so würde gar mancher Jude kein Bedenken tragen, die Vertretung unserer Interessen fortschrittlichen Nichtjuden anzuvertrauen. Nach dieser Richtung ist die politische Naivetät in manchen jüdischen Kreisen noch lange nicht überwunden. Es handelt sich jedoch nicht um praktische Erfolge realer Natur, sondern um eine gewisse moralische Genugtuung. Allgemein wird das Bedürfnis nach einem jüdischen Vertreter empfunden, der der gesamten russischen Gesellschaft schließlich jenes große „J'accus e" entgegenschleudern möchte, das sie ob all der uns zugefügten Greuel verdient. Man sehnt förmlich den Augenblick herbei, wo unser Sendbote von der höchsten politischen Tribüne Rußlands aus unseren ganzen Schmerz und unseren glühenden Zorn mit flammenden Worten machtvoll in alle Welt hinausriefe. Nicht um praktischer Erfolge, sondern um des nationalen Protestes willen, der noch seiner Verkündung harrt.

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