Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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896 DIE 33£E LT; Nr. 30 seine Armee kann die Disziplin wiederherstellen, der neue Dardanellenangriff der Italiener die verhetzten Gemüter aufrütteln und die Zwieträchtigen zur Rettung des Vaterlandes einen. Noch ist auch mit dem Rücktritt der Führer die Partei des Komitees nicht von der Bildflache verschwunden. Sie kann sich an Haupt und (Gliedern reformieren; sie kann sich als Oppositionspartei wieder starken und befestigen; sie kann jedenfalls noch ihren Gegnern, den Anhängern der „Entente Liberale", die Wage halten. Ist das der Fall, so ist auch bis auf weiteres für die Juden vorn Antisemitismus, der bei den „Liberalen" vorhanden ist, noch nichts zu befürchten. Es könnte so der erwünschte Fall für sie eintreten, daß die dezentralistische Richtunodie in ihrem Wesen dem Neujudentum günstig sein muß, zur Geltung gelangt, ohne daß die sie programmäßig vertretenden Persönlichkeiten, die unglücklicherweise Judenhasser sind, zur Macht gelangen. Die Neubildung des Kabinetts, dem die erfahrensten und angesehensten Politiker der Türkei angehören, spricht für diese Möglichkeit. Dieses Kabinett wird hoffentlich einen für die Türkei halbwegs annehmbaren Friedensschluß mit Italien herbeiführen und die dogmatische Ueberspannung des zentralistischen Jungtürkenprogramms beseitigen, ohne sich dabei von den recht unklaren Führern der „Entente Liberale" beeinflussen zu lassen. Dr. Israel Auerbach o r?~ o u □ □ □ □ □ D WELTCHRONIK O □ □ □ □ □ □ JJ Ein ökonomischer Pogrom in Galizien (Von unserem Berichterstatter.) T arnopol. Seit etwa drei Monaten wütet in Oalizien ein furchtbarer Sturm, welcher Tausende von jüdischen Existenzen niederschmettert und zerstört, jüdische Kaufieute, welche vor ungefähr sechs Monaten ganz sicher dastanden und große Geschäfte führten, liegen heute fast mittellos am Boden. Und diejenigen, die noch aushalten, stehen nicht dank ihrer eigenen Kraft und Ausdauer auf ihren Füßen, sondern dank der Unterstützung der maßgebenden Finanzkreise, welche sich ihre Moschko-Stützen auf alle Fälle erhalten müssen. Einen förmlichen ökonomischen Pogrom könnte man die jetzige Geldkrisis nennen, welche die galizische jüdische Kaufmannschaft heimsuchte. Es dürfte noch in Erinnerung sein, wie im Jahre 1910 ein düsterer tausendköpfiger Zug von jüdischen Schänkern über die Straßen Wiens vor das Parlament zog, um als trauriger lebendiger Beweis für die Folgen der rigorosen Gesetzesanwendung vor den Gesetzgebern zu erscheinen. Mehrere tausend jüdische Familien sind bekanntlich durch Aufhebung des Propinationsrechtes in Galizien brotlos gemacht und zur Auswanderung verurteilt worden. Heute noch wird es vielen Hunderten durch die zielbewußte Tätigkeit der Stetiermaschine und des Fiskus, d. h. durch Auferlegung hoher Erwerbssteuern für Schankwirtschaften, unmöglich gemacht, ihr Gewerbe weiter zu betreiben. Diesen schweren Ereignissen von 1010/11 folgt nun die jetzige Krise. Im Frühjahr veranlaßte die Oesterr.-Ung. Bank, daß allen Banken Galiziens (lies: allen jüdischen Kredit-Genossenschaften) der Kredit eingeschränkt werde. Letztere mußten daher den Kredit der mit ihnen in geschäftlichem Verkehre stehenden Kaufieute, Eskompteure und anderer Kreditnehmer reduzieren. Und so waren mit einem Male alle Quellen versiegt, aus denen unser galiziseh-jüdischer Kaufmann den Lebenssaft schöpfte. Die Zahl der öffentlichen Konkurseröffnungen wird mit jedem Tage größer. Daß die Kreditentziehung seitens der Staats- und Landesbanken nur gegen die Juden gerichtet ist, geht daraus hervor, daß in ganz Galizien fast kein einziger christlicher Kaufmann, Grundbesitzer, Gutspächter oder anderer Unternehmer in Konkurs geraten ist. Wohl müssen wir zugeben, daß die Juden selbst einen Teil der Schuld an der jetzigen Geldkrisis tragen, weil die jüdischen Kapitalisten in der großen Mehrheit ihr Geld in antisemitischen Banken deponieren, welche dem jüdischen Kaufmann eben den Kredit entziehen; weil der jüdische Kredit nicht organisiert ist und die jüdischen Kaufieute wucherische Elemente unter sich dulden, anstatt eigene Kreditgenossenschaften zu begründen, wie dies in den letzten Jahren auf Veranlassung der zionistischen Landesorganisation zu geschehen begann. Ferner sind die galizischen Juden selber an ihrer Geldnot schuld, weil eine übermäßige Anzahl von Privateskompteuren in Galizien entstand, welche mit ausländischem Kapitale herumhausierten und große Summen selbst solchen Leuten geradezu aufdrängten, die einen Kredit bis jetzt überhaupt nicht oder nur in geringem Maße beansprucht hatten. Auf diese Weise wurde eine ungesunde Spekulationslind Unternehmungswut bei den galizischen Kaufleuten entfacht. So kam es, daß Leute, die vor einigen Jahren sehr wenig besaßen, vor Jahresfrist als große Hauseigentümer und Kapitalisten galten und heute wieder in das frühere Nichts zurückgeschleudert wurden. Aber die noch gefährlichere Ursache des heutigen finanziellen Debacles in Galizien liegt darin, daß eben die Geldhausierer, Eskompteure genannt, die Kreditnehmer an Unpünktlichkeit gewöhnten und sich immer mit den Prozenten begnügten, während sie an Stelle des Kapitals immer neue Prolongationswechsel annahmen. Bei ein wenig1 gutem Willen seitens der maßgebenden Finanzkreise wäre es vielleicht nicht zu einer so verheerenden Katastrophe gekommen. Da aber die Kreditentziehung so urplötzlich und unverhofft über die Kreditnehmer kam, waren die Folgen furchtbar. Und wie im Jahre 1910, so ging auch in diesem Jahre eine Deputation der hart Betroffenen nach Wien zu den österreichischen Ministerien — diesmal unter Führung der doch vermeintlich so einflußreichen Abgeordneten von der Assimilantenpartei aus dem Polenklub. Aber mit welchem Erfolge? Während im Jahre 1910 die politischen Behörden unter dem Drucke der durch die jüdisch-nationalen Abgeordneten und die Presse aufgerüttelten öffentlichen Meinung doch etwas zur Linderung der Schänkernot durch Erteilung einer größeren Zahl von Konzessionen unternehmen mußten, sind diesmal die Deputationen mit leeren Versprechungen abgespeist worden. Der galizischen Judenheit möge es gesagt sein: Nur in der Selbsthilfe, in der nationalen Organisation und Konsolidierung aller jüdischer Kräfte kann sie Rettung aus ihrer unendlich traurigen ökonomischen Lage finden.