Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316544--56263-3350136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. \«f ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 26. Juli 1912 VTvhlh y'Dnn X y"> Nr. 30 DIE NEUE KRISE Mit kaleidoskopartiger Geschwindigkeit ändert sich in der Türkei das Bild der politischen Zustände. Mahmud Schefket Pascha, der Eckpfeiler des neutürkischen Staatswesens, ist gestürzt und das ganze übrige Ministerium ihm nach, die Vorherrschaft des jungtürkischen Komitees unter sich begrabend. Denn das ist das wesentliche der gegenwärtigen Krise: daß sie das Zepter der Volksführung den Männern entreißt, die zum Teil die neutürkische Revolution organisiert und durchgeführt hatten, zum Teil von ihr auf den Schild erhoben worden waren und die man sich gewöhnt hatte, mit der Sache der osmanischen Verfassung selbst zu identifizieren. Glücklicherweise sind die Dinge doch noch nicht auf dem Punkte angelangt, daß man nun auch den Sturz dieser Männer schon mit dem der ganzen Verfassung gleichsetzen sollte; es ist alle Aussicht vorhanden, daß die neuen Männer die Verfassung ebenso hochhalten und schützen werden, wie die abtretenden. Ob sie aber imstande sein werden, das Land ruhiger Entwicklung und Kräftigung entgegenzuführen, bleibt eine offene Frage. Wie ist das Unheil entstanden? Durch die Fehler der besten jungtürkischen Männer, Fehler, die leider aber so groß waren, wie ihre Verdienste. Sie haben geglaubt, das Wohl des Staates verlange die Regierungsform eines engherzigen Zentralismus. Das war ein schwerer Irrtum, der sich, da die Jungtürken weder von der Geschichte anderer Länder und Zeiten, noch von den zahllosen Warnungen, die sie auf Schritt und Tritt erhielten, lernen wollten, an dem realen Widerstande der osmanischen Völker brechen mußte. Er hat sich an dem albanesischen Volke gebrochen, das freiheitsliebend und stark genug war, sich gegen die mit aller Staatsgewalt ausgerüstete Theorie zu behaupten, und dessen Sache gerecht genug war, um schließlich die Sympathien ganzer Armeekorps zu gewinnen und sich einen sehr erheblichen Teil der Volksstimmung zu erobern. Der Zentralismus mußte, da er nicht friedlich durchdrang, zur Unterdrückung werden; die Unterdrücker erwerben Todfeindschaft und ziehen sich selber Disziplinlosigkeit und Empörung groß, vor denen sie eines Tages fallen müssen. Es ist ganz sicher, daß böser Wille, Ehrgeiz und Selbstsucht an dem Anstürme gegen das Komitee teilgehabt haben, daß Methoden und Mittel angewandt worden sind, die mit der Reinheit der Volksfreiheitssache gar nichts gemein haben; aber ebenso gewiß ist es, daß die wirkliche bewegende Kraft die völkische Idee war, die sich gegen die staatszentrale Zwangsidee erhoben hat. Die jüngsten Kammerwahlen waren der stärkste Uebergriff des jungtürkischen Komitees, sie haben die Katastrophe zum Ausbruche kommen lassen. Wenn es der Erfolg dieser Katastrophe gewesen sein sollte, daß der große politische Irrtum nun verschwindet und ein vernünftiges dezentralistisches System, eine Politik der aufrichtigen und sich gesetzgebend betätigenden Achtung vor der geistigen Selbständigkeit der das osmanisehe Reich zusammensetzenden Völker aufkommen läßt, so war sie zum Heile und bedeutete vielleicht die letzte Rettung. Unabhängig von dieser Frage besteht die andere, ob auch die Juden des Türkischen Reiches von dem neuen Prinzip, wenn es herrschend werden sollte, ihr Gutes haben werden. Das wird zu großem Teile von ihnen selber, d. h. von ihrer Organisations- und Repräsentationskraft, abhängen. Zu einem großen Teile aber haben sie sich die Chancen hierfür schon von vornherein verdorben. Auch sie haben die vier Konstitutionsjahre hindurch ihren schweren Irrtum gepflegt und ihren verhängnisvollen Fehler begangen. Sie haben sich als die einzige Nation des Reiches den Radikaltürken und der zentralistischen Idee verschworen. Nicht die ganze jüdische Nation natürlich, aber leider ihre hervortretenden Männer, ihre zufälligen Wortführer, ihre Leiter. Warum? Aus Assimilationssucht. Sie wollten möglichst als Ottomanen erscheinen, als Juden möglichst zurücktreten. Dieses Zurücktreten geschah, wie immer, hinter den Rücken des Stärksten. Da diese Stärksten nun gefallen sind, so werden die Juden vielleicht mit den Gefallenen zu büßen haben. Eine neue, schmerzvolle historische Warnung! Noch braucht man nicht unbedingt schwarz zu sehen, weder für die Türkei, noch für die türkischen Juden. Noch ist an der Lebenskraft der Türkei nicht zu verzweifeln; sie hat schon viel überstanden und kann noch manches überstehen. Die Proklamation des Sultans an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.