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Die Welt · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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daß unsere Sehnsucht nach einem neuen Leben, nach einer neuen Kultur, die von Grund auf begonnen werden soll, aus Liebe und Hingebung erschaffen, eine Rechtfertigung erfahre. Ich glaube nicht, daß mit der Einsicht in die klägliche Verzerrtheit unserer Kultur allein eine Begründung unseres Strebens gegeben ist; aber es mag sich als negatives Element in unsere Ideologie einfügen, und aus der Negation kann eine kraftvolle Position entspringen. Aus der Leere die Sehnsucht nach Füllung, nach Inhalt. In der Anfangszeit des Zionismus hat man es als etwas Unmögliches, etwas zu Belächelndes behandelt, daß ein Jude, auch ein Zionist, hier aus unserer hohen westeuropäischen Kultur in ein barbarisches Land wie Palästina gehen könne. Wenn nun auf dem letzten Delegiertentag der westeuropäischsten, nämlich der deutschen Zionisten die Resolution angenommen wurde, jeder Zionist möge die Uebersiedlung nach Erez Israel in sein Programm aufnehmen, so bedeutet der Beschluß an sich ja nicht viel; aber die Inbrunst des Gefühles, das Bedürfnis nach persönlicher Befreiung, das hier Ausdruck gefunden hat, ist symptomatisch, und vielleicht wird dereinst die Gewalt dieser Sehnsucht die Juden, die die Zusammenhänge wieder erfühlt haben, ohne oder trotz Beschlüssen nach Jerusalem tragen. Denn das muß gesagt sein: wir Juden sind jetzt mehr als irgendein Volk der Welt ein Volk von Literaten. Wir empfinden peinlich, daß das Vorbild Wassermanns durchaus der jüdische Typus unserer Zeit ist. In den ^Ergebnissen", die Wassermann am Schlüsse zusammenfaßt, gedenkt er auch des Juden; und nachdem er ihn kurz charakterisiert hat, als den von schärfster Gegensätzlichkeit erfüllten Menschen, fährt er fort: ,,Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen im Kampfe gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines Kulturtages, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Vofk zu einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne wieder des großen Zusammenhanges bewußt wird, wo er im Schoß der Geschichte, der Ueberlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen, urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als Kosmopolit, ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im ethnograpsichen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die verwandelnde Kraft zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann Schöpfer sein." In diesen Worten ist in der stärksten Form die Negation des Galuth ausgedrückt. Wenn schon die Kultur unserer mechanistischen und materialistischen Zeit jeder Größe entbehrt (es wurde schon angedeutet, daß sich deutliche Zeichen eines Umschwunges merken lassen), so ist vollends für einen Juden wahre Größe, Kraft, Einheit nur in dem Anschluß an sein Volk. Hier kann er sich wieder seinem Mythos verbinden, hier entdeckt er die ewigen Zusammenhänge des Blutes und der Zeiten, hier findet er aus der Isoliertheit die nährende Gemeinschaft, hier wandelt sich seine Unrast, seine Verzweiflung, seine Zerrissenheit, sein Indiskrtion in Ruhe, in Wollen, in Ganzheit und Geschlossenheit. Er darf seine Maske abwerfen, und mit dem Sinn für die Ewigkeit erwacht die Bescheidenheit, die Ehrfurcht, der Glaube. Und all das sind die Vorbedingungen für Grö ß e. Und noch etwas anderes ist mit diesen Worten Wassermanns gesagt. Daß es nämlich nicht darauf ankommt, die „verfolgten" Juden irgendwohinzu retten, was zwar aus gewissen Gesichtspunkten zu rechtfertigen und anzuerkennen wäre, aber nichts mit der Rettung, die wir meinen, dieser Rettung in einem letzten Sinne, zu tun hat. Nicht „irgendwohin" können die Juden streben, in eine incerta terra, man kann ihr Streben auch nicht mit der Landkarte in der Hand regulieren und vorzeichnen. Sondern das Streben, das wir meinen, ist ein elementares und darum schon riesengroßes, und zum Ziel hat es die Vereinigung mit dem Mythos. Darum ist gerade das Land so wichtig, das aus dem jüdischen Mythos nicht wegzudenken ist, das allein die Kräfte des jüdischen Mythos wieder loszubinden vermag. Darum tauscht jeder Einzelne, der so groß ist, daß er den ganzen Wust des Europäertums von sich zu werfen vermag und in den Orient zurückkehrt, ein so unendlich Großes gegen eine Chimäre ein. In einem einzigen Sinne kann der Jude unserer Zeit groß sein. Wir wollen ein Geschlecht von großen Juden sehen. Wir wollen der Vorsehung danken, daß wir vor den anderen Nationen den Vorzug haben, daß wir jetzt ein von Grund auf neues Leben beginnen können. (?- m * dB» » (Von unserem Berichterstatter.) Zum 20. Tammus Da in diesem Jahre der 20. Tammus auf einen Feiertag fiel, der für öffentliche Veranstaltungen nicht geeignet ist, so fand in Jaffa die Herzl-Gedenkfeier bereits Donnerstag abends statt. Ansprachen hielten B a r s i 1 a i (Josua E i s e n s t a d t), S c h e i n k i n und Dr. Bogratschoff. Es wurde bei dieser Gelegenheit auch auf die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der palästinensischen Zionisten, die leider in mehrere Gruppen gespalten sind, hingewiesen. Auch in den Schulen wurde der Jugend die Bedeutung Herzls erklärt. In Jerusalem veranstaltete das Beth-Am, das unter dem neuen Waad einen prächtigen Aufschwung genommen hat, die Herzl-Gedächtnisfeier. Seit die Farm Kinereth besteht, bildet sie am 20. Tammus den Sammelpunkt für Untergatiläa für die Herzl-Feier. In hellen Scharen, zu Wagen und Pferd, strömen Kolonisten und Arbeiter aus den umliegenden Kolonien herbei um den Sterbetag Herzls feierlich zu begehen. Die Schuljugend kommt unter Führung der Lehrer. Für Untergalilaa ist der 20. Tammus vielleicht der einzige Tag im Jahre, der nationalem Gedanken gewidmet ist. Sonst gibt es bekanntlich dort einen harten

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