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Die Welt · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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876 _=====_=====^___ DIE2^ELT= Nr. 29 Allerdings muß die Opferwilligkeit unserer Gesinnungszogen werden, die die Ideen der „Jüdischen Mogenossen dazu beitragen, daß unser Budget größer werde derne44 hinaustragen in alle österreichische Lande. Dann, und durch Seminare und Rednerschulen auch die aber auch nur dann kann Oesterreich ein Hauptzentrum der genügende Anzahl geschulter Redner uns er- Gesamtbewegung werden. Literatentum und Größe im modernen Judentum Von Robert Weltsch, Prag In seiner Eröffnungsrede zum Londoner Universitätskongreß hat vor einigen Tagen Lord Rosebery gesagt, das große Bedürfnis unserer Tage sei das Bedürfnis nach Männern. Diese Erkenntnis, daß unserer Zeit jede Größe abgeht, beginnt immer allgemeiner zu werden; wenn noch ein vorhergehendes Zeitalter sich auf seine Kultur, in deren Brennpunkt die alles bewegende, alles vermögende Maschine stand, viel zugute getan hat, so merken wir heute deutlich die Sehnsucht nach einem geistigen Lebensinhalt, nach Bewegung, nach Größe. Wenn die Weltgeschichte — nach Carlyle -— die Lebensgeschichte der großen Männer ist, dann müssen wir einsehen, daß wir jetzt überhaupt keine Geschichte erleben, sondern nur Geschichten. Es fehlt der Wille, die Kraft, die Größe. Ich habe hier nicht die Absicht, die Gründe dieser Kleinheit zurzeit zu untersuchen. Sicher ist, daß sie vor allem eine Wirkung der materialistischen Geschichtsauffassung ist, die in ihrem starren Entwicklungsglauben eine freie Auswirkung der Persönlichkeit nicht zuläßt; Gustav Landauer hat das in seiner herrlichen Polemik gegen den Marxismus („Aufruf zum Sozialismus," Berlin 1911) ausgeführt. — Aber aus der Wüste, aus der Leere, ertönt der Ruf nach Größe; nun glauben wir allerdings nicht, daß sich die Größe „machen" läßt; aber aus der Einsicht der Unzulänglichkeit unserer reichen Kultur, die das Leben arrn macht, entsteht die Sehnsucht nach Erneuerung und Erhebung, und diese Sehnsucht kann Erfüllung schaffen. Rudolf Kassner hat in einem Essay die menschliche Größe in ihre Elemente zu zerlegen gesucht.*) Der „antike Mensch" („antik" freilich nicht in zeitlichem Sinne) ist groß. „Er ist der tätige, der handelnde Mensch im weiten Sinne, der Sohn der Natur, der Schmied seines Schicksals und der Geber der Gesetze, er ist auch der Künstler, der große Baumeister." „In der Schuldlosigkeit des antiken Menschen liegt dessen Harmonie; der antike Mensch braucht nicht die Schuld und das Fehlen, er braucht nicht den Feind, um zu ermessen, wie groß ein Mensch sei, und das macht ihn heimisch und stark in seinem Lande. Die unmittelbare Aeußerung dieses harmonischen Menschen ist die Tat. Er handelt nicht groß, indem er sich überwindet, sondern darin, daß er seiner Bestimmung folgt. Und seine Bestimmung ist nicht in seiner Person, sondern im Gesetze einer Familie, eines Staates, einer Religionsgemeinschaft, im Gesetze des Weltalls und der Natur." Dem antiken Menschen gegenüber steht der christliche Mensch. Während der antike Mensch „das Maß" in sich hat, ist der christliche Mensch recht eigentlich der „maßlose". Der antike hat die Einheit, der christliche hat die Schuld, die Zweiheit, und strebt nach der Einheit. Der antike ist groß, der christliche kann groß sein in dem einzigen Sinn der „Nicht-Tat", was man in den Legenden der *) Rudolt Kaßner: Von den Elementen der menschlichen Größe. Leipzig im Inselverlag 1911. (M. 2.50.) Heiligen die „Umkehr" nennt. Aber der moderne Mensch ist der „indiskrete Mensch", der auch bedeutende Fähigkeiten hat: Spürsinn, Witz, Anempfindungs- und Stimmungsfähigkeit; nur als Material zur Größe taugt er nicht. Dieser dargestellte „indiskrete Mensch" deckt sich wesentlich mit dem, was ein Jude, allerdings einer unserer feinstfühlenden, Jakob Wassermann, den „Literaten" genannt hat.**) Auf kostbaren 80 Seiten, die zu dem Bedeutendsten und Feinstem zählen, was moderne Kulturanalyse hervorgebracht hat, führt uns Wassermann diesen Literaten, dieses „geheimnisvoll beschlossene Wesen, das der Kultur unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt hat", in seinen verschiedenen Erscheinungen vor: Den Literaten als Dilettanten, der nur seine Person im Mittelpunkt der Dinge sieht, jedes Gelingen für Zufall hält und keine Distanz kennt. Eifersucht und Neid vermögen seine Fähigkeiten ungeahnt zu steigern. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon Vereinfachte. Den Literaten als Psychologen, der die Menschheit und sich selbst verrät; er hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Ihm wird die Psychologie zur Idee, sie, die der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur, der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion ist. Den Literaten als Tribunen, der die Tat sucht, aber nur das Wort findet; er ist der Meister der Anpassung, er ist Erklärer und Propagandist, Uebertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen. Er darf sich nicht verraten, darum muß ihm das Wort als Maske und Panzer dienen. Den Literaten als Schöngeist, der durch Selbstzucht sogar zu vornehmer geistiger Kultur kommen kann. Aber er ist nur ein Schauspieler, und zwar ein solcher Schauspieler, der sich nicht opfern und vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt, statt vor Gott. Den Literaten als Apostel, der den Mythos erzeugen will, bewußt, aus sich selbst. Er ist der Rebell wider alle Ordnung, er ist der Priester seiner selbst. Er ist bis zu einem gewissen Grade Eroberer und Willensmensch. Aber er muß das Persönliche für das Sachliche setzen, und so bricht sein Werk nach seinem Tode zusammen. Der Literat ist das gerade Gegenteil des schöpferischen Menschen. Der Schöpferische ist dem Mythos verbunden und wirkt um des Mythos willen, als Glied der Gemeinschaft, bescheiden, anonym, hingegeben. Der Literat ist der vom Mythos losgelöste, so recht isolierte Mensch, da er Gott nicht verbunden ist und sich jenseits der Menschen stellt. Eines ist dem Literaten versagt, dem indiskreten Menschen: Größe. Und unsere Gesellschaft ist eben die der Indiskreten, und deshalb ist unsere Kultur, die Kultur unseres Lebenskreises so klein. Und nun mag auch schon klar sein, weshalb ich dies alles hier erwähne: **) Jakob Wassermann: Der Literat oder Mythos und Persönlichkeit. Im Inselverlag zu Leipzig 1910. (M. 2.50.)

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