Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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unter dem Meere. Dichte Waldvegetation, die fast urwaldartigen Charakter besitzt, säumt das schnellfließende, wegen des reichlich mitgeführten Schlammes kaffeebraune Wasser des Jordans ein. Das westliche Uferland bot ein ganz anderes Gepräge dar. Hier ragen höchst bizarre Sandsteinhügel bis zu 50 m Höhe urplötzlich mit einer Steile von oft 70—80° empor. Alle besaßen auf ihren kegel- oder schiffskielartigen Massen eigenartige Bekrönungen, ähnlich wie die bekannten Erosionsnadeln bei Bozen, bald in Pilzformen, bald aussehend wie eine Scheibe, ein Haus usw., kurz ein höchst phantastischer Anblick. Die Taufstelle am Jordan, zwei Stunden südlicher gelegen, ist flach und weist derartige Naturmerkwürdigkeiten nicht auf. Als wir diese Hügel erklommen hatten, sah ich vor mir das Land ohne Terrassenbildung allmählich bis zum Westrande des Ghors ansteigen. Dagegen fällt es, wie ich auf meinem später unternommenen Ausflug an das Tote Meer sah, eine Stunde südlich von Jericho an in ausgeprägten Terrassen zum Toten Meer hin ab. Den Sodomsapfel bemerkte ich auf dem Ritt nach Jericho und zum Toten Meere hin nicht mehr. Jericho, immer noch 250 m unter dem Meere liegend, erreichten wir erst nach Sonnenuntergang, nachdem wir, wie auch östlich vom Jordan, vielen Karawanen begegnet waren, deren Begleiter finster und ohne Gruß an uns vorübergingen. Was tut den österreichischen Zionisten not? Von Dr. H. Kadisch, Wien Jede demokratische Bewegung muß den mannigfachen Bedürfnissen der von ihr vertretenen Volksmassen Genüge leisten, widrigenfalls diese von ihr abfallen. Dies gilt ganz besonders auch vom Zionismus, der außer der kulturellen und sozialen Arbeit in Palästina die geistige, ethische, physische und ökonomische Hebung der Diasporajuden sich zum Ziele gesetzt hat. Diese Betätigung kann natürlich in Staaten mit großer jüdischer Bevölkerungszahl nicht die gleiche sein, wie in Ländern, in welchen nur wenige Juden wohnen, und sie muß naturgemäß in Nationalitätenstaaten ein anderes Gepräge haben als in Nationalstaaten. Ein solcher Nationalitätenstaat — ein Europa im Kleinen —-, ist Oesterreich, das genau so, wie die Juden, ein Bindeglied zwischen dem Westen und Osten bildet. Aus dieser Tatsache resultieren die gleichen Schwierigkeiten und analogen Kämpfe für eine zweckentsprechende ' Reichsverfassung der Habsburger Monarchie wie für eine unserer Bewegung angepaßte Organisation. So wie das Donaureich nach einer Verfassung ringt, welche die Synthese zwischen Zentralismus und Föderalismus bildet, die Reichseinheit und die nationale Autonomie sämtlicher 11 Reichsvölker verwirklicht, so ringt unsere Bewegung hierzulande nach einer solchen Form der Organisation, die deren Einheit, aber in ihrem Rahmen lokale Autonomie gewährleistet. Eine einheitliche jüdische Reichsorganisation und eine einheitliche Agitation nach gewissen, klar umschriebenen Grundsätzen ist aber die oberste Voraussetzung einer erfolgreichen jüdischen Nationalpolitik in Oesterreich und ihres obersten Postulates der Anerkennung der Juden als gleichberechtigte österreichische Nationalität. Von dieser Erkenntnis ausgehend, hat auch die am 30. Juni abgehaltene „P o 1 i t i s c h e Konferenz" die Einberufung eines gesamtösterreichischen jüdischen Parteitages einstimmig beschlossen, dessen vornehmste Aufgabe es sein muß, eine straffere Zusammenfassung der Organisationen der Sudetenländer, Alpenländer, Galiziens und der Bukowfria herbeizuführen. Wenn es bei den anderen österreichischen Nationalitäten möglich war, für die gesamtnationalen Interessen ein Zentralorgan zu schaffen, so darf dies bei uns nicht an kleinlichen Gründen scheitern. Prinzipielle Momente bestehen aber nicht für die verschiedenen provinziellen Sonderbündeleien, die in ihren äußersten Konsequenzen hierzulande nicht nur jede jüdische Nationalpolitik unmöglich machen, sondern in weiterer Linie auch eine erfolgreiche zionistische Propaganda in Oesterreich verhindern. Mehr als in irgendeinem anderen Staatswesen ist eben im Donaureiche die Durchdringung der jüdischen Volksmassen mit jüdisch-nationalem Geiste, die energische Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen sowie die entsprechende jüdischpolitische Erziehung, die unbedingte, unerläßliche Vorarbeit für eine in die breiten jüdischen Volksschichten hineinzutragende erfolgreiche zionistische Agitation. In einem Reiche, wo die mannigfaltigsten nationalen und religiösen, politischen und sozialen Kämpfe die Juden umtoben, muß es für diese einen einheitlichen Kompaß auch in den Landes angelegenheiten geben, denn im entgegengesetzten Falle verflüchtigt sich das jüdische N a t i o n a I g e f ü h 1, und damit verliert auch der Zionismus seine feste Grundlage, da dieser ja nichts anderes ist und sein kann, als ein zu Ende gedachter jüdischer Nationalismus. Deutschnationale, jungtschechische, allpolnische, italienisch- und magyarisch-chauvinistische Juden, die kein alljüdisches Empfinden besitzen und daher naturgemäß weder für die Not der jüdischen Brüder im Osten noch für die aus ihr resultierende Notwendigkeit einer Heimstätte in Palästina ein Verständnis besitzen, die verständnislos auch jeder jüdischen Kulturarbeit gegenüberstehen, bilden einen unbrauchbaren Nährboden für die zionistische Agitation. Solange diese Binsenwahrheiten noch nicht zum Dogma geworden, wird auch der Ruf nach einer einheitlichen Organisation in Oesterreich nur ein frommer Wunsch bleiben. Ohne diese aber gibt es in Oesterreich keine großzügige Agitation und in weiterer Konsequenz auch keine erfolgreiche Durchsetzung der jüdisch-nationalen Postulat e. Und doch muß konstatiert werden, daß gerade in unserer Monarchie die Nationalisierung der Juden und in weiterer Konsequenz das Interesse für die jüdischen Kulturbestrebungen sowie für unsere Palästinaarbeit stets fortschreitet, weit über unseren Organisationsrahmen hinaus. Es bedarf daher nur eines unseren Verhältnissen entsprechenden Ausbaues unserer Organisation, einer systematischen, ununterbrochenen Kleinarbeit in allen unseren jüdischen Gemeinden und einer dem Prinzipe s u a t i v e r in forma, pertinaciter in re gerecht werdenden Taktik, und unsere Bewegung wird gewaltig vorwärtsschreiten in Oesterreich.