Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 29 (19.7.1912)
- Date
- 1912-07-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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872 DIEIqKE LT Nr. 29 lieh verschlafen, wenn nicht der Schaffner mich geweckt hätte. Es war früh gegen vier Uhr, als der Zug in Amman anlangte und noch stockfinstere Nacht. Ich hatte mir brieflich einen Führer mit zwei Reittieren bestellt, schaute mich aber vergebens nach dem Manne um. Auf der Rampe des Gepäckschuppens entdeckte ich zwei auf dem Bauche liegende Beduinen schlafend und daneben stehend zwei Tiere. Ich rüttelte den einen und fragte ihn, ob er mich nach Amman und Jericho bringen könne. „Bukra," meinte er, d. h. „morgen". Mit dem völlig schlaftrunkenen Mann war nichts anzufangen. Ratlos, ob ich hier bleiben und den Fortgang der Dinge abwarten, oder den Zug zur Weiterfahrt nach dem Norden besteigen sollte, entschloß ich mich, den Anbruch des Tages abzuwarten und mir einen Führer in Amman zu beschaffen. hier kahle Berghänge genug, wohl waren auch hier die Felder von Steinen übersät, dazwischen aber lag doch fruchtbare Erdkrume, welche den Anbau des Landes reichlich lohnte. Die Pappeln bildeten bald Gruppen und eine Art Allee, die Maisanpflanzungen wurden zahlreicher, Feigengärten gesellten sich hinzu, und bald waren wir im frischgrünen Amman selbst angelangt. Man könnte sich nach Südrußland versetzt fühlen, so unarabisch muten Landschaft und Menschen an. Amman ist nämlich von Tscherkessen besiedelt, welche dem Ort und seiner Umgegend ein individuelles Gepräge verleihen. Schon begegneten uns Leute aus dem Orte. Ihre Pudelmützen und bei anderen die russischen Schirmmützen verraten die Auswanderer aus Väterchen Zars Bereich. Ammans Häuser liegen zu beiden Seiten des Baches an den Berghängen und in der Tiefe verstreut. Das Bach- Petra, der gigantische Felsentempel e! Fatinia, 50 m hoch In einer elenden, aus Latten, Pappe und Blech bestehenden Baracke, deren schmutziger Besitzer mir einen Kaffee braute, wartete ich zwei Stunden und stieg dann hinab, um noch einmal mit den beiden Beduinen zu verhandeln. Da war der eine verschwunden und der andere entpuppte sich auf meine Frage als — der bestellte Führer! Aus dem churdsch (Satteltasche) des für mich bestimmten Reittiers angelte er zwischen den Eßvorräten einen Brief des deutschen Reiseunternehmers in Jerusalem hervor, dem ich den Führer zu „verdanken" hatte. In dem Brief stand, daß der Führer aus es Salt sei, ein sehr zuverlässiger Mensch wäre, die Wege genau kenne und mich wie gewünscht über Jericho und Mar Saba nach Jerusalem bringen würde. Und was bestätigte sich von diesen Worten? Der Führer wußte von hier nach Jerusalem weder Weg noch Steg, sondern mußte sich von Ort zu Ort durchfragen. Er machte einen gutmütigen, aber auch sehr beschränkten Eindruck und war der unintelligenteste aller Führer, die ich auf meinen Touren in Syrien und Arabien gehabt habe. Der Weg nach Amman führte durch das anmutige Tal, welches der Ammanbach durchplätschert. Maisfelder, Pappeln, Wiesenflächen und Blumen erfreuten hier das Auge, das tagszuvor nur Wüste gesehen hatte. Wir waren im fruchtbaren Lande der Ammoniter. Wohl gab es auch bett ist flach, aber sehr schmal und gerade in Amman von meist sehr steilen Rändern eingefaßt. In der Tiefe des Tales findet sich reichster Baumwuchs. Besonders sind die weißberindeten Pappeln zahlreich vertreten. Oft stehen Bäume und Büsche so dicht an beiden Ufern des Baches, daß sie ihn überwölben und reizende Stillleben schaffen. Auf der nördlichen Seite des Baches bildet der Ort eine Gasse von dichtgedrängten Häusern nebst einem kleinen Labyrinth von Seitengäßchen, während oberhalb dieser und auf der anderen Seite des Baches die Häuser zerstreut an den Berghängen sich lagern. Mar hört so viel Ungünstiges über die Tscherkess'en. Ich habe aber gerade von jenen zu Amman, die ebenfalls im Verruf zu stehen scheinen, einen durchweg guten Ein druck erhalten. Was vor allen Dingen anheimelt, ist schon die Gehöfteanlage dieser tscherkessischen Ansied lungen. Um das Gehöft reihen sich das stets bescheidene niedrige Wohnhaus, die Ställe und Vorratsschuppen. Höfe und Ställe waren meist leidlich sauber, in einigen herrscht«, sogar mustergültige Sauberkeit und Ordnung. Das Innere der Häuser ist völlig anspruchslos und kahl, wie überall auf dem Lande im Orient. Alle Außenseiten der Häuser waren getüncht, was dem Orte einen ausgesprochen freundlichen Charakter verlieh. Dagegen ist die Beschaffenheit der Wege miserabel, die Gassen haben ein