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Die Welt · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 28 DIE ELT 849 und seinem ersten Hausknecht. Nun ist der erste Hausknecht ein wirklicher Goj, die Mrs. Montefiore, wie Sie wissen, auch keine Jüdin und Mr. Montefiores Judentum selbst .... allen Gojim gesagt, und der Rabbiner dieser Gemeinde ist eine amerikanische Ware. Ich beneide die englischen Rabbiner. Für vieles Nichtstun und für ihre große Unterwürfigkeit, die sie doch nichts kostet, beziehen sie Bischofsgehälter. Und ich .... nach einem achtjährigen Aufenthalt in Woloshin (der berühmtesten Jeschibah Rußlands) . . . ich bin Redakteur, Mazzohänd- 1er, Agent, Schadehen, Prediger, Buchhändler und Verleger und feiere jedes Jahr ein Jubiläum, zu dem man mich reichlich beschenkt, veranstalte auch oft einen „Bris" oder sonst ein „Maseltow", zu dem man mich auch reichlich beschenkt, und spare und spare und bin doch der größte Dalfon der Welt. Soll da nicht die ganze Literatur und Wissenschaft mitsamt der Redaktion und dem Gemüsehandel der Teufel holen?" Während wir so sprachen, betrat ein ehrwürdiger, älterer Herr den Laden, grüßte ehrerbietig und bat um eine Unterredung mit dem Herrn Redakteur. Der Herr Redakteur stellte sich in Reih und Glied, legte den Zylinderhut ajuf den Ladentisch und geleitete den Herrn in einen Nebenraum, den er sein Empfangszimmer nannte und wo u. a. die Frau Redakteurin ihre Wäsche aufhängt. Nach einigen Minuten kehrte er mit seinem Besuch in den Laden zurück. Nach höflicher Verabschiedung verließ der würdige alte Herr den Laden. „Sehen Sie," sagte der Herr Redakteur voll Freude, „Gott verläßt seine Frommen nicht". Dieser Gentleman konnte den Jahrzeitstag für seine Mutter nicht mehr feststellen, ich sollte ihm dazu verhelfen. Und da ich sowohl mit dem jüdischen als mit dem bürgerlichen Kalender auf gutem Fuße stehe, konnte ich seine schwierige Frage sofort beantworten. Hier ist mein Lohn. 20 Schilling in Gold. Ich glaube, das beste wäre noch, wenn ich ein Auskunftsbureau für jüdische Jahrzeitsdaten eröffnen würde. An Kunden würde es nicht fehlen. — Und lachte mephistophelisch. Ich hätte mich noch länger mit dem Herrn Redakteur unterhalten, wenn nicht sein jüngster Sohn, ein sechsjähriger blondhaariger Knirps, schreiend in den Laden gestürzt wäre. Er rief „Dady, die boys mir geschlagen, der Drucker gesagt, du ihm noch 2 a r t i c 1 e s schicken und der teacher gesagt, du ihm ein p a r c e 1 Hagodes schickst." „Cllanne" (so heißt die Frau Redakteurin) ,,gib mir a Gänsespule, mach mir a bis sie Tint und bring mir auch das weiße Papier der leeren Mazzos-Pakete, ich muß einen Artikel schreiben", herrschte der Herr Redakteur seine Frau an. An der Schwelle des Ladens sitzen zwei Buben und quälen eine junge Katze. Im Laden sitzt die Frau Redakteurin mit einem schreienden Baby auf dem Arm und stäubt Bücher ab und hinter dem Ladentisch steht der Herr Redakteur und schreibt einen Festartikel, wobei er gleichzeitig dem neben ihm stehenden Setzer, der gerade gekommen ist, Weisungen gibt und zur selben Zeit eintretende Kunden bedient. So macht man in Whitechapel eine Zeitung. iL' ' LITERARISCHE RUNDSCHAU Matthäus Mieses: Zur Frage des Rassenhasses. (Lemberg.) Dieses interessante Buch wird nächstens von seinem Verfasser aus der polnischen Sprache in die deutsche übersetzt und herausgegeben werden. Interessant nicht so sehr wegen seines Grundgedankens, wie wegen, der Wirkung, die es auf die Kreise des polnischen Fortschrittes ausübte, mehr noch wegen des mannigfaltigen historischen Materials und des besonderen, nur dem Verfasser eigenen Gesichtswinkels der historiosophischen Betrachtung. Das Buch hält den Mittelweg zwischen einer streng wissenschaftlichen Arbeit und einer Kampfbroschüre. Als wissenschaftliche Arbeit ist sie nämlich zu subjektiv, als Broschüre zu tief. Besonders sympathisch macht das Buch die sprudelnde Wärme, das Herzblut, mit dem es geschrieben wurde. Sein Hauptgrundsatz, wonach die wahre Quelle des Rassenhasses im allgemeinen und des Judenhasses im besonderen einzig und allein i m religiösen Gegensatz zu suchen und zu finden sei, mag falsch sein, wie jedes wissenschaftliche Bemühen, die Lebenserscheinungen und die Geschichte auf einem Fuße stehend zu erschauen und zu erklären; gewirkt hat die Behauptung doch, und zwar gerade in den Kreisen, für welche sie bestimmt war. Der polnische Fortschritt hat sich beleidigt gefühlt, nicht daß man ihn des Antisemitismus zeihe, sondern daß man seinem natürlichen, vom polnischen Ausgangspunkte berechtigten Judenhasse religiöse Motive unterschiebe. „Zur Verteidigung des polnischen Fortschrittes" hießen die Artikel, die gegen das Miesessche Buch in der polnischen Presse gerichtet wurden, als ob der Streit um die Qualifikation und Genesis des polnischen fortschrittlichen Judenhasses auf die Tatsache seiner Existenz zurückwirken könnte. Nach scharfer Replik seitens des Autors schlägt die polnische öffentliche Meinung den gangbarsten aller Wege ein. Das Buch wird totgeschwiegen. Das soll aber nicht geschehen, denn die Schrift von Matthäus Mieses ist lebenswert, ohne Rücksicht auf die Richtigkeit seiner Hauptthesc, die größere oder kleinere historische Einwandfreiheit der vorgeführten Argumente. Ich habe es unmittelbar nach Chambeiiains „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" in die Hand genommen. Nach schwüler Hitze ein erfrischender Luftzug. Das Buch von Chamberlain mag wissenschaftlich von Grund aus falsch sei'n, es wirkt auf den unbefangenen Leser durch die Sprache, die Fülle der angeführten, im Momente nicht zu kontrollierenden Werke, durch die verblüffende Unverfrorenheit seiner Argumente. Nicht ein jeder Leser kann als Antidotum die Bücher von Zollschan, Ruppin und Judt vertragen. Sie sind für den Laien zu schwer. Die Schrift von Mieses ist das richtigste Gegengift. Da kommt es wie der Quell aus verborgenen Tiefen, es ziehen vor unseren Augen in buntem abwechselnden Reigen die Völker aller Zeiten, die Persönlichkeiten in der Geschichte vorüber, in greller, sonderbarer jüdischer Beleuchtung. Nicht der ruhige Widder wird gegen die Mauern systematisch gestoßen, es fliegen leidenschaftlich unregelmäßig geschleuderte Geschosse gegen alle bisherigen konventionellen Lügen der ariorespektive germano-zentrisdien Weltanschauung, und verfehlen ihr Ziel nicht. Da steigen aus den Gräbern die Namen der verschollenen Völker des Altertums, und es wird an ihren Schöpfungen bewiesen, was die nichtarischen Völker für die Kultur geleistet, da wird Sturm gelaufen gegen die Behauptung, die reine, ungemischte

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