Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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848 DIESqK ELT: Nr. 2> m □□□□□ o —o FEUILLETON ^51 □ Eine jüdische Redaktion in Whitechapel Von Dr. S. M. Melamed, London Der Genius einer ethnischen Einheit offenbart sich in ihren großen Exemplaren, belehren uns die individualistischen Geschichtsphilosophen. Wegen meines guten Verhältnisses zur Philosophie will ich ihre weise Ansicht bei meinem Studium der Whitechapeier Juden verwerten und anstatt „ganz Whitechapel44 zu zeichnen, die wunderbaren Exemplare heraussieben, die den Genius von Whitechapel verkörpern. In Whitechapel leben nicht nur 30 000 jüdische Schneider und ebensoviele Schuster, Tischler, Zigarettenarbeiter, Hausierer und Zizzishändler, sondern auch Künstler und Schriftsteller, Unternehmer und Erfinder, Almosensammler, Spekulanten und Politiker. Die bedeutendste Rolle im öffentlichen Leben spielt wohl der jüdische Redakteur. Er vertritt die Interessen seiner Leser bei Lord Rothschild, beim Präsidenten des Almosenkastens und im Notfall bei dem jüdisch sprechenden Polizisten. Der Herr Redakteur spricht allerdings englisch, aber der Polizist antwortet jüdisch. Die ganze Whitchapeler Gemeindepolitik wird in der Redaktionsstubc gemacht. Und während der Wahlen ist der Redakteur der beste Freund der Wahlagenten beider Parteien. Mit einem Worte: Der Whitechapeier jüdische Redakteur ist eine öffentliche Person , . . und auch eine interessante Person. Jüngst hatte ich selbst Gelegenheit, in einer solchen Redaktion vorzusprechen. Ich betrat eine kleine Buchhandlung, in der zwei große Druckereimaschinen placiert sind, hinter denen die Frau Redakteur mit einem Kinde auf dem Arm mit dem Suchen von Buchstaben beschäftigt war. Auf meine Frage, wo der Herr Redakteur sei, wurde mir erklärt, er sei momentan in einem Laden in der nächsten Straße mit dem Verkauf der von ihm aus Amerika importierten Mazzoth beschäftigt. Dabei klagte mir die Frau Redakteurin ihr persönliches Leid. Der junge Setzer war erkrankt, und der alte Setzer, ein galizischer Jude, könne nur jüdische, aber keine lateinischen Buchstaben setzen, und da diese Woche eine Annonce mit einer englischen Adresse eingelaufen sei, müsse sie selbst die lateinischen Buchstaben für die Adresse zusammenstellen. Da aber auch sie mit der lateinischen Schrift nicht sehr vertraut sei, müsse sie die nichtjüdischen Buchstaben herauslesen, damit ihr achtjähriger Sohn, der abends von der Schule kommt, sie der Reihe nach zusammenstelle. Ich wurde eingeladen, zu warten und der Frau Redakteurin beim Herauslesen der lateinischen Buchstaben zu helfen; denn gerade heute, meinte sie, gehe ihr Sohn Football spielen und werde etwas später heimkommen. Ich trat vor den Setzkasten und erfüllte die mir übertragene Kulturmission. Kaum hatte ich die für die Adresse nötigen Buchstaben beisammen, als ein ganzer Trupp von bärtigen Juden in den Laden hineinstürzte und gleichzeitig rief: „Wu is der Redakter?" Ohne eine Antwort abzuwarten, fingen sie schreiend ein lautes Gespräch an, aus dem zu entnehmen war, daß der Metzger in der anliegenden Straße vier Tage altes Fleisch, ohne es gewässert zu haben, an eine jüdische Frau verkauft hatte. Ein alter Mann aus dem Trupp schrie: ,,Ein Skandal, treife wie Chasir. Zu wos hoben mir a Besdin? Sogt Eier Mann, er so! onschreiben a starken Artikel, as die treife Neschonie sollen verplatzt werden." Ein jüngerer Mann rief: „M^ muß a Meeting rufen und dem case gut betrach ten." , ..,, „Asa Parcherei" . .. „Gott soll behüten." Als sie sich ausgesprochen hatten, teilten sie der Frau Redakteurin mit, daß sie abends nach Geschäftsschluß, d. h. so gegen 11 — 1^12, wieder vorbeikommen wölken, um mit dem Herrn Redakteur die Angelegenheit zu besprechen. Sie blieben noch eine Weile stehen und unterhielten sich über den neuen Chief-Rabbi, über Mr. Zangwills letzte Ito-Rede und über den türkisch-italienischen Krieg. Dann entfernten sie sich. Nur ein alter Mann, der während der ganzen Zeit ruhig dastand, blieb noch zurück, um sein Mincha-Gebet zu verrichten. In diesem Augenblick betrat der Herr Redakteur die Redaktion, d. h. den Laden, oder wenn man will, die Druckerei, das Eß- und Wohnzimmer, das Bureau. Der Herr Redakteur, ein kleiner blonder Jude, der jeder arischen Rassentheorie spottet, mit einem langen Bart und einem ganz langen Gehrock, an dem man interessante Farbenstudien machen konnte, begrüßte mich aufs herzlichste und fragte mich, ob ich schon für Pesach gerüstet sei, da er mir erstklassig koschere Mazze für billiges Geld besorgen könnte und in seiner Buchhandlung auch nagelneue Hagodes habe. Auch fragte er mich, ob ich einen guten Artikel für ihn hätte, so ein lustiges Feuilleton, da er jetzt mit dem Mazze-FIandel sehr beschäftigt sei und abends selbst die Buchstaben setzen müsse, da einer seiner Setzer erkrankt wäre. Zudem sei er von verschiedenen schwierigen Gemeindefragen in Anspruch genommen und auch noch in einen Rechtsfall verwickelt. Er hätte also keine Zeit zum Schreiben, ja, er komme nicht einmal dazu, die eingelaufenen Manuskripte zu lesen. Um aber den Zorn der Herren Mitarbeiter nicht heraufzubeschwören, habe er die Manuskripte einem alten Freund, dem zweiten Synagogendiener der großen Bezirkssynagoge, der einen guten literarischen Geschmack habe, zur Prüfung übergeben. Nach einigen bissigen Bemerkungen über meinen letzten Aufsatz in einer englischen Wochenschrift, den er, wie er sagte, aus Verachtung für die Literatur, die einen zwingt, Mazzos zu verkaufen, nicht gelesen hätte, kam er bald auf die Kehilla-Politik zu sprechen und setzte mir kurz auseinander, daß in England jeder reiche und einflußreiche Jude zwei Haus'diener halte, einen Goj, der auch gleichzeitig den Garten besorgt, und einen Oberrabbiner. Ich lächelte; aber er rückte bald mit Beweisen heraus. Lord Rothschild z. B., so sagt er, hat seinen Hausdiener, dem er den Titel gegeben: „Oberrabbiner der Juden des britischen Reiches." Weder ist er ein Oberrabbiner, noch ein Brite, sondern gelinde gesagt Rothschilds Famulus. Der fromme Lord S w a i t h - 1 i n g hat auch seinen treuen Diener, dem er den Titel gegeben „Oberrabbiner der Synagogen-Fcderation". Mr. Claude Montefiore hat gleichfalls einen Hausknecht, den er sich jetzt aus Amerika geholt und dem er den Titel gegeben „Rabbiner der liberalen Reform-Gemeinde". „Sie wissen doch so gut wie ich", setzte er sarkastisch fort, „daß die liberale Reform-Gemeinde aus drei Mitgliedern besteht, aus Mr. Montefiore, Mrs. Montefiore