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Die Welt · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Mr. 28 - DiE^ELT- 841 Die galizische Assimilation auf neuen Bahnen Von B. Locker, Lemberg Die Assimilationshelden Galiziens sind in der letzten Zeit sehr geschäftig. In den verschiedensten Zeitungen wimmelt es in r so von Plänen zur Rettung der armen jüdischen „Glau- ■■.hsbrüder". Die Assimilationspolitiker scheinen endlich die Ite Binsenwahrheit herausgefunden zu haben, daß den jüdischen Massen Galiziens vor allem materielle Hilfe gebracht werden muß. Und so haben sie letztens eine ganze Menge neuer „Aktionen" unternommen. Sie haben vor einigen Monaten in Lemberg einen „Zentralverband der Kaufleute und Gewerbetreibenden" ins Leben gerufen, bei dessen vor kurzem abgehaltener Inaugurationsfeier die großen und kleinen Assimilationshelden patriotisch-assimilatorische Reden hielten. Auch die üblichen Dekorationsstücke, Parade-Gojim genannt, fehlten nicht. Einer von diesen, Fürst Lubomirski, der in seinen Millionen-Unternehmungen keinen einzigen Juden beschäftigt, feierte hier die polnisch-jüdische „Verbrüderung" mit dem altpolnischen Ausruf: Kochajmv sie! (Laßt uns einander lieben!) Das wichtigste an der ganzen Sache war aber die Anwesenheit mehrerer Direktoren der bedeutendsten Kreditinstitute, die mit ihrer Person den jüdischen Handelskreisen quasi den leiblichen Beweis liefern sollten, daß ein bißchen Assimilationsbegeisterung in diesen schweren Zeiten billigen Kredit einbringen kann. Solche kaufmännische und gewerbliche Organisationen sollen nun auch in mehreren bedeutenderen Provinzstädten gegründet werden. Einige assimilatorische Macher zweiter Gilde unternehmen förmliche Agitationsreisen. Und so können wir in der nächsten Zeit die Angliederung mehrerer Vereine in den famosen „Zentralverband" erwarten. Kurz, die Assimilanten haben es endlich der nationalen Bewegung abgeguckt, daß man für die Dauer Politik ohne Organisation nicht machen kann. Ob ihnen der neue Organisationshumbug viel helfen wird, ist eine andere Frage. Um aber die jüdischen Massen allseitig zu retten, haben Jie assimilatorischen Politiker sich gleich auch dem Emigrationsproblem zugewendet. Es muß mit Bedauern konstatiert werden, daß die nationale Bewegung aller Schattierungen uif diesem Gebiete bisher nichts geleistet hat. Es gibt in ializien nicht einmal die primitivsten Ansätze einer Emigra- ions-Information, wie sie zum Beispiel in Rußland schon -eit Jahren existiert. Und der Gedanke eines jüdischen Emi- ^rationskongresses, der im Zarenreiche seit Jahren die jüdische Oeffentlichkeit beschäftigt, ist hier vollständiger Indolenz und Gleichgültigkeit begegnet. Dabei ist die Auswanderungsfrage für das galizische Judentum von eminenter Bedeutung. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1910 sind im letzten Jahrzehnt aus Galizien ausgewandert: Polen 155 3S4 (4,46%), Ruthenen 224 331 (7,21 o;0), Juden 85 884 (10,58 o/o). Daraus ist zu ersehen, daß trotz der Verkleinerung der Emigrantenzahl bei den Juden gegenüber dem vorletzten Jahrzehnt und trotz einer gewissen Aenderung der prozentualen Beteiligung an der Gesamtemigration zuungunsten der Ruthenen und Polen *) die jüdische Emigration noch immer den Charakter einer brennenden Frage nicht verloren hat. Beträgt sie doch *) In den Jahren 1890—1900 haben emigriert: Polen 108 000, Ruthenen 76 000, Juden 114 000. noch immer ca. 18 °u der Gesamtauswanderung, während die Juden in Galizien nur 10,87 <->o der Bevölkerung ausmachen. Diese Lage will die galizische Assimilation für sich ausnützen. Und so haben die Hausjuden es erwirkt, daß die polnische Emigrationsgcsellschaft in Krakau eine eigene jüdische Sektion errichten will. Zur Mitarbeit sollen alle assimilationstreuen Juden herangezogen werden. Die nationalen „Separatisten" bleiben natürlich ausgeschlossen. Interessant ist ein Artikel, den die „Jednosc", das Organ des galizischen Moszkotums, dieser Sache widmet. Interessant deshalb, weil dieses Blatt, das wiederholt versichert, die ganze Aktion werde nur „im Namen der polnischen Idee und unter der Aegidc der im polnischen Gedanken erzogenen und von jedem Separatismus freien Elemente" ins Leben gerufen, genötigt ist, sich mit dem speziellen Charakter der jüdischen Emigration zu beschäftigen und ihre Verschiedenheit von der polnischen und ruthenischen zu konstatieren. Die „Jednosc" muß feststellen, daß die jüdische Emigration vorwiegend eine Familienemigration ist, daß bei den Juden fast gar keine Rückwanderung stattfindet, und daß diesen Erscheinungen tiefe wirtschaftliche Ursachen zugrunde liegen. Ist nun eine spezielle jüdische Emigrationspolitik nötig? — Das kann doch ein guter Assiniilant nicht sagen, denn das wäre ja reiner „Separatismus". Und wirklich begründet die Jednosc" die Notwendigkeit einer jüdischen Sektion der polnischen Emigrationsgesellschaft in erster Linie damit, daß es vom Standp u n k t e der Pole n nötig sei, die jüdische Abwanderung aus denjenigen Gebieten zu fördern, die mit Juden bereits gesättigt sind. Eine polnisch-assimilatorische Emigrationspolitik, die die Auswanderung der Juden fördert! Was wird wohl aus dem „Polentum" dieser hinausbeförderten Juden werden? Und in dieser ,,Förderung der jüdischen Emigration" offenbart sich der groteske Widerspruch der ganzen „Volksarbeit" der Assimilation. Assimilation, das „Prinzip" der Entäußerung der eigenen Individualität, des Handelns nach einem fremden Willen, das Prinzip der Kriecherei und Anbiederung, kann mit Volkspolitik und Selbsthilfe unmöglich Hand in Hand gehen. Deshalb ist es klar, daß die neuen Bahnen" der galizischen Assimilation nur eine neue Auflage der alten, sehr schiefen Bahnen sind. All die neuen Gründungen sind nur auf die Köderung der jüdischen Massen angelegt, bei denen die Assimilation jedes Vertrauen verloren hat. Was die „Jednosc" in der Frage der Emigrationspolitik unvorsichtigerweise verrät, das trifft bei der ganzen „Aktions"- schwärmerei der Assimilanten genau so zu. Nicht die Interessen der armen jüdischen Massen sind für die Herren die Hauptsache, sondern ihre sogenannte „polnische Idee", d. h. ihr eigenes persönliches Strebertum. Und darin liegt die Garantie dafür, daß all die Pläne auch nicht gelingen werden. Die jüdischen Massen haben einen sehr gesunden Instinkt und werden den Assimilanten nicht auf den Leim gehen. Was die Assimilation noch in Galizien vermag, ist, an sich gute Gedanken — und der Gedanke der Organisation und der Emigrationspolitik sind sehr gute Dinge — zu verderben. Deshalb heißt es für alle ehrlichen nationalen und demokratischen Elemente nach wie vor: An die Arbeit auf allen Gebieten des jüdischen Lebens!

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