Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gegebene Grund nicht recht einleuchtend; dieser soll darin bestehen, daß der Deputierte findet, er werde die Interessen des Judentums besser wahrnehmen können, wenn er keinerlei jüdischer Kommunalorganisation angehöre. Für die Offenbarung der wahren Motive, die jedenfalls recht interessant sein müssen, wird, wie der Deputierte selbst in einer Zuschrift an den „Tiempo" einmal andeutete, der rechte Zeitpunkt eines Tages erscheinen. David Fresco sorgte am Ende noch für eine sentimentale Komödie. Er interpellierte wieder, und zwar diesmal, man höre und staune, über die bereits zweimal vom Großrabbiner feierlich verheißene Revision des Chacham-Chane-Nisam- Namessi, das ist der osmanischen Judengesetzgebung. Das Resultat war ein drittes feierliches Versprechen, von dem zu hoffen steht, daß es eingelöst werden wird und zwar noch vor den nächsten allgemeinen Volkswahlen zur Nationalversammlung und — im fortschrittlichen und demokratischen Sinne. Damit schloß die Sitzung des Medschliss Umumi, die, wenn der Koalitions-Dschismani die auf ihn gesetzten Hoffnungen rechtfertigt, für die Gemeinde der Hauptstadt und das ganze türkische Judentum von günstiger Bedeutung gewesen sein kann. Der neugewählte Laienrat des Großrabbinates ist bereits von der Regierung offiziell bestätigt worden und hat sein Bureau konstituiert. Prozeß Haitn Nahum contra David Elnecave Die erste Verhandlung des Prozesses, den der Großrabbiner gegen den Herausgeber des ,Judio" und Mitglied des Umumi, David Elnecave, angestrengt hat, hat vergangenen Donnerstag stattgefunden. Sofort nach Eröffnung ist die Verhandlung auf zwei Monate vertagt worden. Vermittlungsversuche zwischen den beiden Parteien sind einstweilen ges ch e it ert. Gründung einer jüdischen Verlagsgesellschaft in Saloniki (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Dieser Tage hielt Herr David F 1 o r e n t i n , Redakteur der nationaljüdischen Zeitung „El Avenir", vor einer aus den Mitgliedern des Vereins ,,Maccabi" und der „Bibliotheque israelite" bestehenden zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag über ,,Die Wiedergeburt des Judentums". Der Vortragende wies darauf hin, daß die jüdische Renaissancebewegung unserer Tage ihre großen propagandistischen Erfolge neben dem gesprochenen, auch dem geschriebenen Worte zu verdanken habe, das in mannigfacher Art in den Dienst des nationalen Gedankens gestellt wird. Er hob hervor, daß dieselben Mittel, die im westlichen Judentum zur Hebung des Selbstbewußtseins und zu regem geistigen Leben geführt haben, im Kreise des orientalischen Judentums angewandt, die gleichen Ergebnisse zeitigen müßten. Leider gebe es in der Volkssprache der orientalischen Juden, dem Spaniolischen, keinerlei ernsthafte, die Kenntnis des Judentums und das jüdische Stammesbewußtsein fördernde Literatur. Es sei darum unumgänglich notwendig, eine jüdische Verlagsgesellschaft ins Leben zu rufen, die den breiten Schichten des sephardischen Volksteiles die literarischen Schöpfungen der okzidentalen Judenheit und namentlich der modernen hebräischen Literatur in der spaniolischen Volkssprache vermitteln, daneben aber auch Schriften in hebräischer Sprache herausgeben soll. Nach dem Vortrage des Herrn Florentin ergriff Herr Samuel B i v a s c h von der Societe Commerciale du Levant das Wort, und führte aus, der von dem Vortragenden angeregte Gedanke sei so wichtig und dringlich, daß ihm mit bloßen Beifallskundgebungen und platonischen Sympathien nicht gedient sei. Die sephardische Intelligenz Salonikis müsse mehr praktischen Sinn bekunden und ungesäumt an die Ausführung des Werkes herantreten. Die Ansprache des Herrn Bivasch hatte nun den erfreulichen Erfolg, daß sich sofort 20 Personen als Mitglieder der geplanten jüdischen Verlagsgesellschaft an-v meldeten, einen größeren Betrag für diesen Zweck zeichneten und ein provisorisches Komitee zur Durchführung der Vorarbeiten bildeten. Dieses Komitee hat bereits seine erste Sitzung abgehalten. Es wurde beschlossen, schon in den nächsten Monaten die erste spaniolische Publikation unter dem Titel ,,Gerechtigkeit für die Juden'i herauszugeben. Weitere Veröffentlichungen werden folgen. Es wäre zu wünschen, daß der neugebildeten Verlagsgesellschaft eine erfolgreiche Tätigkeit im Geiste der jüdischen Renaissancebewegung beschieden sein möchte. Das Pro-Falascha- Komitee Unter Leitung seines Vorsitzenden, Oberrabbiners Dr. Marguli es, Florenz, hat der engere Ausschuß des Pro Falascha- Komitees am 2. Juli in Berlin eine Sitzung gehalten, in der das Arbeitsprogramm für die nächste Zukunft festgesetzt wurde. Nachdem die sehr befriedigenden Berichte über die bisherige Propaganda in fast allen europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten zur Kenntnis genommen waren, wurde der Beschluß gefaßt, die Hilfsaktion zugunsten der Falaschas unverzüglich zu beginnen. Im Oktober d. J. wird Dr. Faitlovich, dessen zwei frühere Reisen zu den Falaschas von so bedeutendem Erfolg begleitet waren, wiederum nach Abessynien gehen. Er wird sich zunächst in die italienische Kolonie Eryträa begeben, um von dort aus die Expedition zu den Falaschas auszurüsten und die notwendigen Vorbereitungen für die Errichtung einer Schule einzuleiten. Bei den Falaschas selbst wird er sein Augenmerk hauptsächlich darauf lenken, eine größere Zahl junger Leute, die geeignet sind, später als Lehrer unter ihren Landsleuten zu wirken, auszuwählen und der zu gründenden Schule zuzuführen. Die Rundreise bei den Falaschas wird einige Monate in Anspruch nehmen und Ende des Sommers 1913 beendet sein. Dann soll sofort die Schule eröffnet werden und der Unterricht beginnen. Als Sitz der Schule ist A d i g a 1 a in Aussicht genommen, das an der Grenze zwischen dem Reiche des Negus und der italienischen Kolonie liegt. Bis zur Fertigstellung eines eigenen Gebäudes, für das die italienische Kolonialverwaltung den Grund und Boden zur Verfügung zu stellen bereit ist und die Falaschas als Bauarbeiter herangezogen werden sollen, werden in landesüblicher Weise provisorisch Hütten und Zelte errichtet werden, die Lehrern und Schülern als Unterkunft dienen können. Dr. Faitlovich wird auf seiner Reise von zwei der von ihm früher mitgebrachten und nach europäischer Methode ausgebildeten Falaschas begleitet sein, die auch nach Eröffnung der Schule als Lehrer tätig sein werden. Die Mittel für die Expedition werden aus den bisherigen Erträgnissen der Propaganda bestritten werden können. So steht zu hoffen, daß nach vielfachen Hindernissen den Falaschas endlich die von ihnen so sehr ersehnte religiöse Unterweisung und die Verbindung mit den anderen Juden gewährt werden können.