Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316542--56213-3350084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 um Freilassung* des angeklagten Beilis gegen Kaution wurde auch jetzt abgelehnt. Und Ministergehilfe Weriewkin ließ sich bereits wieder einmal vernehmen. Er erklärte, daß an eine Haftentlassung des Beilis nicht zu denken sei, solange seine Unschuld nicht unwiderleglich bewiesen sei. Im besten Falle wird man also voraussichtlich noch viele, viele Monate Sang die Sache „untersuchen", während Beilis im Gefängnis schmachten und man dem unwissenden Volke den Wahnglauben an den Ritualmord weiter erhalten wird. Vorderhand haben die Herren Patrioten allerdings eine Niederlage erlitten. Hatten sie doch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine erneute Untersuchung zu verhindern. Dafür wurden sie aber reichlich durch die famose Senatsentscheidung entschädigt, die den meisten Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons das Wahlrecht raubt und somit die Chancen der schlimmsten Reaktion bei den nächsten Wahlen erheblich steigert. Was speziell Kiew anbetrifft, so steht hier nunmehr der Sieg der Herren Nationalisten außer allem Zweifel. Die Konstantinopeler jüdische Nationalversammlung (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 5. Juli. Das große Ereignis, die sogenannte jüdische Nationalversammlung, hat endlich stattgefunden. Im Grunde ist der Name eine orientalische Uebertreibung. Solange es sich nicht um die Wahl eines Chachambaschi oder eine Revision der Grundgesetze des türkischen Judentums handelt, sind die Funktionen dieser Versammlung ganz einfach die eines Repräsentantenkollegiums der Konstantinopeler jüdischen Gemeinde. Höchstens könnte sie in dem Sinne ihren Namen verdienen, daß sie durch die Konsequenzen ihrer Beschlüsse von bedeutendem Einfluß auf die nationale Ausgestaltung der Existenzformen des türkischen Judentums werden kann und, äußerlich genommen, noch darum, weil der oberste Nationalvertreter des ganzen osmanischen Judentums, der Chachambaschi, ihr präsidieren muß. Diesmal war die Nationalversammlung ziemlich kläglich an Umfang, und ihre besondere Bedeutung, die sie wohl hatte, war ebenfalls stark reduziert durch den Umstand, daß eigentlich schon vor ihrer Tagung alles festgelegt war, was in ihr beschlossen werden sollte und beschlossen wurde. Um das Resultat kurz vorwegzunehmen: der Medschliss Dschismani der Konzentration, dessen Zusammensetzung, wie vergangene Woche mitgeteilt, schon lange Gegenstand von Kompromißverhandlungen zwischen den Parteien gewesen war, ist tatsächlich zustande gekommen und hat die offizielle Sanktion erhalten. Die Kompromißliste ist mit großer Stimmenmehrheit angenommen worden. Die Sitzung wurde in Anwesenheit von nur 40 Mitgliedern unter 80, die der Umumi zählt, vom Großrabbiner eröffnet. Die genaue Hälfte der Anwesenden ist durch das Korps der Rabbinen gebildet, die, wie gewöhnlich, ein viel lebhafteres Interesse an den Gemeindeangelegenheiten damit bekunden als die Laienmitglieder. Rabbi N a h u m hält eine kurze Ansprache, in der er die Demission des vorigen Medschliss zur Kenntnis bringt, zur Einigkeit ermahnt und bittet, für die den Mitgliedern des Medschliss mit der Einladung zugleich zugegangene Kompromißliste zu stimmen. David Fresco, Redakteur des „Tiempo", der sich in der ganzen Sitzung als Quasi-Oppositioneller gefällt, fragt nach den Gründen der Demission des Dschismani. Der Großrabbiner antwortet, das Ausbleiben der Entscheidung der Regierung über die Fragen, die den Gegenstand des Konfliktes ge- 830 bildet hatten, hätte seine Tätigkeit paralysiert, so daß er sich gezwungen sah, zurückzutreten. David Fresco interpelliert weiter: Im Protokoll der vorigen Umumisitzung heißt es, daß die Nationalversammlung die Frage, ob der Dschismani das Recht gehabt habe, mitzustimmen oder nicht, zu gunsten des letzteren entschieden habe. Wenn nun, fragt der Redner sehr treffend, die Versammlung dergestalt entschieden hatte, welche Notwendigkeit habe da der Großrabbiner gesehen, sich noch an die Regierung um Aufklärung dieser Frage zu wenden? Es scheint, nach dieser Interpellation zu urteilen, daß der Treueste aller nahumistischen Getreuen ebenso wenig zufrieden mit dieser Handlungsweise des Großrabbiners gewesen ist als die Gegenpartei. In der Tat war auch in dieser Anfrage Rabbi Nahums an die Regierung eine Beleidigung der Nationalversammlung enthalten und sie konnte dem Ansehen der jüdischen Nation und ihrer Vertretung bei der Regierung nur schaden. Der Vizepräsident der Versammlung, der nun dem bedrängten Großrabbiner zu Hilfe eilt, hilft über den peinlichen Moment hinweg mit der Erklärung, das Umumi-Protokoll sage nicht, die Versammlung habe die Gültigkeit der Abstimmung der Dschisrnani-Mitglieder festgestellt, sondern nur, daß sie über den dieserhalb aufgeworfenen Zweifel zur Tagesordnung übergegangen sei! Mit dieser merkwürdigen Aufklärung gibt sich die höchst friedlich gestimmte Nationalversammlung zufrieden. Nach weiteren Interpellationen von geringerer Bedeutung wird zur Wahl des neuen Medschliss Dschismani geschritten. Von einigen abwesenden Mitgliedern sind Stimmzettel eingesandt worden; die Versammlung beschließt ihre Gültigkeit, Das Ergebnis der Wahl ist dann die Annahme der Kompromißliste. Der neue Dschismani besteht also aus folgenden Personen : Z e k i B e j A 1 b a 1 a , H a i m Assco, Albert Hazan und H. G. Reisner, Mitglieder des f r ü h e - r e n Dschismani, V i t a I i C a m h i, Albert Fresco, M o i s e B e j D a 1 m e d i c o , Mentcsc h P a s c h a G a 1 i - midi und Adolph R o s e n t h a 1. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, daß die Wahl ganz ohne Ueberraschungen vor sich gegangen sei. Einer der in unserem vorwöchentlichen Berichte angedeuteten Versuche, zugunsten einer vollkommenen Reaktion das Kompromiß zu brechen, ist tatsächlich unternommen worden. Es war eine kleine Gruppe um David Fresco, die so gegen den Frieden und den Fortschritt manifestierte. Dieser Versuch hat jedoch erfreulicherweise doppelt deutlich die bessere Einsicht der bedeutenden Majorität der Gemeindevertretung hervortreten lassen. Die nationale Partei im Umumi hat dagegen einhellig sich treu an die Einigungsliste gehalten, obwohl sie in der Sitzung eine offenbare Majorität hatte und leicht hätte durchsetzen können, was ihr beliebte. Sie hat damit einerseits ihre strenge Loyalität bekundet, andererseits ihre festere Disziplin, die ein gutes Omen für den weiteren Ausbau ihrer Organisation bedeutet. Eine Episode in der sonst nicht sehr interessanten Versammlung bot die Mitteilung von der Demission F a r a g g i Effendis nicht bloß als Präsident der Nationalversammlung, sondern auch als deren Mitglied überhaupt. Es scheint, daß dieser Demission gewisse Mysterien zugrunde liegen, die von der Großrabbinerpartei geflissentlich mit dem Schleier des Geheimnisses zugedeckt werden. Man hat den Eindruck, daß das Gerechtigkeitsgefühl Faraggis es ihm unmöglich gemacht hat, in den früheren Aktionen der Großrabbinergruppe die ihm zugedachte Rolle zu spielen und daß er sich beizeiten zurückgezogen hat, um nicht einen offenen Gegner abgeben zu müssen. Jedenfalls ist der offiziell bekannt- DIE^ELT