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Die Welt · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Vertrages mit Rußland von der liberalen Behandlung ihrer jüdischen Bürger in der Paß- und Aufenthaltsfrage abhängig zu machen gesonnen ist. Das Vorgehen Nordamerikas müsse von Oesterreichs auswärtigein Amte zum Anlaß genommen werden, um auch für österreichische jüdische Reisende in Rußland ebenbürtige Behandlung zu erwirken, zumal der gegenwärtige, unwürdige Zustand die Handelsinteressen des Reiches arg beeinträchtige. Leider hat die Tagespresse diese wichtige Interpellation ebenso ignoriert, wie eine Kundgebung der Wiener Handelskammer, die im gleichen Sinne abgefaßt ist. Ein jüdisches Geschenk für die Stadt Wien Ein Bild voll bitterster Ironie: Der antisemitische Bürgermeister und sein Stab, der ultramontane Unterrichtsminister und seine Sektionschefs erscheinen draußen in Döbling, um ein erlesenes Stück Alt-Wiener Kultur aus jüdischen Händen ins Eigentum der Stadt Wien zu übernehmen. Franziska v. W e r t h e i m s t e i n , die man die Wiener Rahe! v. Vamhagen nennen könnte, hat ihren herrlichen alten Park der Stadt vermacht, und letztwillig verfügt, daß die wunderbare, mit edlem Geschmack erbaute und geschmückte Villa zu einer Volksbibliothek umgestaltet werde. Die besten Künstler Wiens hatten in diesem Hause, das Rudolf v. Art- Ii a b e r gebaut und Moriz v. S c h w i n d mit köstlichen Gemälden geziert hat, ein zweites Heim. W i 1 b r a n d und Saar genossen in dieser jüdischen Patrizierfamilie liebevollste Gastfreundschaft, und holten in diesem feinsinnigen, hochkultivierten Kreise die besten Anregungen. Bauernfeld starb in diesen Mauern. In goldstrotzenden Uniformen, oder befrackt und mit allen Ehrenzeichen behängt, sind nun die antisemitischen Spitzen der Gesellschaft versammelt, um den jüdischen Spendern „für diesen köstlichen Schatz zu danken, der die schönsten Blüten des Wiener und des österreichischen Lebens behütet hat, Blüten, die bleibenden weltgeschichtlichen Wert besitzen4 ' . . . Und der Bürgermeister, der den Juden nicht die kleinste Dienerstelle in der Millionenstadt verleiht, der hungernde Hausierer bis zur Verzweiflung bedrängt, nimmt mit tiefen Bücklingen das großartige jüdische Geschenk entgegen, und gedenkt „der Manen der edlen Frau, die ein nachahmenswertes Beispiel gegeben hat''. Ja, die Juden haben Wien „verderbt und erniedrigt" — — Das Ergebnis der Ito-Konferenz Wenn noch ein Zweifel darüber bestand, wie hoch der Ernst und die Fähigkeit der lto-Führer zu veranschlagen sei, so muß das Ergebnis der Ito-Konferenz in Wien nunmehr auch dem wohlwollendsten Beurteiler die Augen öffnen. Die Konferenz war mit großem Lärm angekündigt worden. Alle Tageszeitungen brachten sensationelle Vornotizen, Herr Zangwill ließ sich interviewen — kurz, man durfte erwarten, daß die Ito sich zu irgendeiner Aktion aufraffen wrolle. Nun denn, hier ist das Resultat der Konferenz: „1. Die Konferenz beschließt, dem Honduras-Projekt sympathische Beachtung zuzuwenden, auf dem genannten Gebiete eine Mandelstamm - Kolonie zum Andenken des verstorbenen russischen Führers zu gründen, welche auch den Kern künftiger Arbeit bilden kann. 2. Die unter dem Vorsitze Israel Zangwills in Wien versammelte und aus Juden aller Länder zusammengesetzte Konferenz ergreift diese Gelegenheit, um der portugiesischen Deputiertenkammer ihren Dank für die Annahme einer Gesetzesvorlage auszusprechen, welche jüdischen Kolonisten in Angola Landkonzessionen anbietet. Dieses Anerbieten mildert das Andenken an die Judenvertreibung von 1492 und fördert die Sache der menschlichen Brüderlichkeit im allgemeinen. Die Konferenz bedauert jedoch, daß infolge des ungeregelten, geometrisch noch nicht vermessenen und auch sonst nicht ungefährlichen Zustandes des Landes, wie auch mit Rücksicht auf die klimatischen Schwierigkeiten und die hohen Lebens¬ und Arbeitskosten es ihr nicht möglich ist, einzelne n Kolonisten'zu empfehlen, eine Aufgabe auf sich zu nehmen,, die nur von einer mit den nötigen Machtmitteln und Garantien ausgerüsteten Organisation mit Erfolg durchgeführt werden kann." Hieraus ist zu entnehmen, daß die offenbar noch immer nicht genügende Zahl der Ito-Projekte um ein weiteres — Honduras — vermehrt wurde, und daß Angola so gut wrie aufgegeben ist. Es wäre der Ito an sich kein Vorwurf daraus zti machen, wenn sie nach reiflicher Prüfung einen unreifen Plan wieder aufgibt. Aber wozu dann das Geschrei? Wozu die theatralischen Gebärden, die Redensarten von der „Erbschaft Herzls"? Wir haben den Territorialismus aus prinzipiellen Erwägungen jüdischnationaler, kolonialpolitischer und wirtschaftlicher Natur stets abgelehnt. Aber auch eine von irrigen Voraussetzungen ausgehende und daher erfolglose Bewegung könnte doch bei ihren Veranstaltungen etwas mehr Ernst bewahren. Die Verhandlungen, zu denen infolge der aufsehenerregenden Zeitungsnotizen zahlreiche auswärtige Korrespondenten erschienen waren, wurden bei verschlossenen Türen geführt und endeten mit der oben mitgeteilten Resolution. In bezug auf die organisatorischen Fragen herrschte große Uneinigkeit. Während Zangwill die Geschäfte der Ito auch weiterhin durch ein Komitee führen will, bestehen die russischen Mitglieder unter Führung Jochelmanns auf der Schaffung einer demokratischen Organisation. Theoretisch ist dieser Wunsch berechtigt, denn die Ito wollte ja jüdischnationale Volkspolitik machen. Aber in praxi dürfte Herr Zangwill recht haben, und seine Abneigung gegen eine große Volksorganisation dürfte mit der allmählich aufdämmernden Erkenntnis zusammenhängen, daß fruchtlose Ländersucherei eben keine Basis für die Organisierung eines Volkes ist. Die neueste Wendung in der Beilis-Affäre (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Unsere hohe Justizbehörde mit Ministergehilfe Weriewk i n an der Spitze wollte sich offenbar um jeden Preis eine Schlappe holen. Erst vor wenigen Tagen hatte man das gut begründete Ansuchen der Verteidiger des angeklagten Beilis ruhig abgelehnt, und Herr Weriewkin hatte es sogar für gut befunden, die Enthüllungen Brasuls und Krask o w sky s als Unsinn zu bezeichnen, ja die Urheber derselben mit gerichtlicher Verantwortung zu bedrohen, und nun mußte man sich schließlich doch dazu verstehen, eine erneute Untersuchung der Ermordung Justschinskys anzuordnen. Das interessanteste dabei ist, daß die offiziellen Gründe für die erneute Untersuchung einfach dem Gesuch der Rechtsanwälte M a r g o 1 i n und Grigorowitsch-Barsky entlehnt wurden, während dieses Gesuch selbst vor einigen Tagen den Petenten mit dem lakonischen Vermerk: „Abschlägig beschieden" retourniert wurde. Allerdings sind unsere weisen Hüter des Gesetzes weit entfernt davon, ehrlich den Rückzug auf der ganzen Linie anzutreten. Vielmehr will man sich einfach mit einer „erneuten Untersuchung" begnügen, ohne das Verfahren gegen Beilis einzustellen, oder auch nur das schwere Geschick desselben zu lindern. Das Gesuch

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