Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie er vorher ausgesehen hat, nur wieder frischer und kraftvoller, und der gemauserte Adler steigt mit neuer Jugendkraft zu seinem Siegesflug zum Himmel empor, der Sonne entgegen. Außerdem bezieht sich die Aenderung nur auf das Aeußerliche, keineswegs auf das Wesenhafte. Art bleibt Art, und so wenig ein Mensch trotz seines Glaubens daran und trotz seines Wollens aus seiner angestammten Nation heraus kann, so wenig wird der Vogel von seiner Art lassen. Nur in der Gefangenschaft, in der Stube entartet er. Dort wird er aber auch nur ein schlechtes, ein kraftloses Exemplar seiner eigenen Art und wird niemals durch diese Degeneration in eine andere Art eintreten. Der Zionismus hat sich nach Dr. Samuel gemausert. Darauf führt er es zurück, daß von 1910 bis 1912 die Zahl seiner Anhänger in Deutschland von 6000 auf 9000 gestiegen sei. Das seien Mitläufer, diese Hinzugekommenen, die damit gegen die Unterdrückungen ihrer Glaubensbrüder zu protestieren vermeinen. Nun, hier hat der Herr Dr. Samuel bei seinem Drachenkampf mit dem hölzernen Schwert gründlich danebengehauen. Denn der Zionismus hat Mitläufer genug, aber das sind nicht die neuntausend streng organisierten Schekelzahler, die nicht bloß den „mäßigen Obolus, genannt Schekel", zahlen, sondern alle ausnahmslos ganz ungewöhnliche materielle und ideelle Opfer täglich bringen, sondern diese:: Mitläufer, das sind die Zehntausende von Männern, die im Herzen zu uns stehen, wenn sie auch noch nicht den Schekel zahlen, den wir nur von ganz erprobten, echten Gesinnungsgenossen annehmen. Diese Mitläufer sind es, die uns in der Großgemeinde von Berlin bei den letzten Wahlen einen riesigen Achtungserfolg errangen, und die bei der nächsten Wahl ihre anerkannten zionistischen Führer in das Gemeindeparlament entsenden werden. Diese Mitläufer haben bereits in Königsberg und andern Städten den lokalen Sieg der zionistischen Sache in der Gemeinde entschieden. Nein, der Zuwachs an dreitausend Schekelzahlern in zwei Jahren beruht auf einem ganz andern Boden. Die Gründe versteht der, welcher unter anderm beobachtet, wie die nationaljüdischen Turnvereine stetig innerlich und äußerlich wachsen, wie die im Bunde jüdischer Korporationen und im Kartell zionistischer Verbindungen vereinigten Akademiker die volle Führung der jüdischen Studentenschaft in Deutschland errungen haben. Das von den Reformpredigern aller Art in einem Jahrhundert der Schwäche abgegrabene Judentum wächst aus sich heraus zu neuem Leben, und der Zionismus ist die Blüte an dem neuen Zweige des alten Stammes, die Frucht bringen wird. Die Mauserung im Zionismus ist erfolgt und wird weiter erfolgen. Daran ist kein Zweifel. Es sind allmählich die Grundsätze Gemeingut der ganzen Organisation geworden, die von den Vertretern der russischen Landsmannschaft und den Delegierten der palästinensischen Kolonien bereits auf dem ersten Kongreß in Basel vorgetragen wurden. Aber diese Grundsätze bedingen nicht eine Aendcrung oder auch nur Einengung der Grundgedanken des Zionismus. Dasselbe Baseler Programm liegt der Bewegung zugrunde, das Theodor Herzl als die Quintessenz seiner politischen Gedanken auf dem ersten Kongreß beantragt hat. Die zionistische Jugend ist heute um keinen Deut weniger jüdischnational, als je zuvor, und wenn es einmal, was bisher nicht der Fall war, vorkommen sollte, daß irgendwo eine weniger nationale Richtung im Zionismus aufkommen sollte, so würde uns das freudige Konstatieren solcher Erschein Hilgen durch unsere intimen Gegner erinnern, daß wir auf falschem Wege wären, wenn wir dies auch nur einen Augenblick vergessen sollten oder wollten. Diese falsche Anerkennung wird dem Zionismus zeigen, daß er einzig und allein als die Konsequenz des nationalen Gedankens im Judentum möglich, denkbar und wünschenswert isv. Wir werden uns dadurch nicht beirren lassen, daß unsere Gegner mit dem Trugschluß kämpfen, durch den sie sich nur selbst betrügen, daß „Deutschtum und Nationaljudentum" sich gegenseitig ausschließen. Daß diese Gegner zwischen Staatsbürgertum und Nationalität nicht zu unterscheiden vermögen, ist ja nicht unser Fehler, sondern i h r Unglück. Worin besteht nun aber doch die Mauserung des Zionismus? Sie bezieht sich bei den Zionisten auf das Federkleid, auf die Schwingen und die Flügel. Der nationale Grundcharakter der Zionisten ist so wenig in den Hintergrund getreten, daß schon eine ungewöhnliche Kurzsichtigkeit dazu gehört, ihn zu übersehen oder für vermindert zu erachten. Aber nach Dr. Samuel ist vor allem der politische Zionismus mit Dr. Theodor Herzl zu Grabe gesunken. Nun denn, der Zionismus ist heute genau so politischer Zionismus, wie er es immer gewesen ist, und er wacht eifersüchtig darüber, daß nicht etwa eine Gruppe in ihm sich als alleinige oder auch nur entschiedenere Vertreterin des politischen Gedankens aufwirft. Aber darin freilich unterscheidet sich der politische Zionismus von dem Assimilationsjudentum, daß dieses nur die einzige Methode kennt, nämlich das Gallith um des Galuth willen, während gerade darin der Zionismus politischer ist, daß er stets den den Zeitumständen angemessenen Weg einzuschlagen versucht. Das ist Realpolitik, in der wir ja erst Anfänger sind, in der ein Bismarck der große Meister war, den auch seine Gegner bewundern. Der Zionismus hat mit den veränderten Zeitumständen seine M e t h o d e geändert. Das ist das äußere Mittel, das sind die Schwingen des Vogels. Er hat neue Federn in seinen erstarkten Schwingen, aber das Ziel, dem er zustrebt, ist das gleiche geblieben. Seine Politik ist die gleiche. Nur die Mittel müssen sich mit den Zeitumständen ändern und ihnen anpassen. In ähnlicher Weise hat sich die Methode der Gegner des Zionismus ja auch geändert, die uns heute beim Drachenkarnpf streicheln, weil sie noch schwacher als vorher geworden sind, die aber nach wie vor von der gerade/u ungeheuerlichen Behauptung ausgehen, die sie sich wenigstens der „Methode" wegen schämen sollten, auszusprechen, „daß die Meinung, der politische Zionismus sei mit deutscher Vaterlandsliebe sehr wohl vereinbar", nur ein Vorwand der Zionisten sei; „das schlichte Gefühl sprach deutlich das Gegenteil!" Freilich haben wir es gegenüber den hölzernen Waffen des sanften Drachenkämpfers nicht nötig, mit jener Schärfe auf diese Vorwürfe zu erwidern, die wir früher mit der vollen Entrüstung des ungerecht Verleumdeten von uns zurückschleuderten. Zum Schluß läßt der Leitartikelschreiber der „Grünen" sich auch noch über den Kolonisations-Zionismus aus, in dem er etwas erblickt, das durch die Mauserung des Zionismus entstanden und das eigentlich, wenn man es von dem nationalen Gedanken, von dem „Kuiturzionismus" und anderen Mißverständnissen ähnlicher Art loslöst, eine ganz gute Grundlage gäbe, sich mit der Reformverwässerung des Judentums zu verbinden. Man