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Die Welt · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 12. Juli 1912 yonn 'x Nön rfhin Nr. 28 MAUSERUNG < Es ist gut, daß alljährlich im Hochsommer die Zeit kommt, wo die Zeitungen um Material verlegen sind. Denn wenn die „Sauregurkenzeit" nicht wäre, so würde eine Anzahl von Artikeln ungedruckt und vielleicht sogar ungeschrieben bleiben, in denen der Zionismus entweder totgeschlagen oder wenigstens totgesagt wird. Das geschieht aber in jedem Jahr mindestens einmal. Dagegen alle zwei Jahre kehrt die Kunde in den jüdischen Blättern wieder, daß der böse Zionismus, diese Schlange am Busen des friedlichen Assimilationsjudentums, sich wieder einmal gehäutet habe. Da außerdem so jedes zweite Jahr um die Pfingsttage herum die Zionisten Deutschlands im Delegiertentage ihre Heerschau halten, so kann alle zwei Jahre die Behauptung von einem solchen Häutungsprozeß den Nichtunterrichteten gegenüber bequem wiederholt werden. Ist es doch natürlich, daß in einer lebenskräftigen und aufstrebenden Volks bewegung, die längst über das Part ei leben hinausgewachsen ist, sich mannigfache Regungen geltend machen müssen, die alle doch nur verschiedene Aeußerungen ein und desselben Willens zum Leben, einer und derselben Lebensenergie sind, und die in aller ihrer Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit doch identisch sind, so weit sie eben nur Aeußerungen derselben Lebenskraft des wiedererwachenden Volkes sind. Diesmal ist es der Prediger der jüdischen Gemeinde zu Essen, der in der von Professor Ludwig Geiger redigierten grünen Zeitung gerüstet auf dem Kampfplatze erscheint, um den Kampf mit dem Drachen Zionismus zu wagen. Dieser Drachenkämpfer ist kein wilder Berserker, sondern eben nur ein sanfterer Feind des Zionismus, und statt ihn totzuschlagen, will er nachweisen, daß er, wenn auch nicht gerade tot ist, so doch so gründlich seine Anschauungen und Bestrebungen geändert habe, daß man ihn nicht mehr als den ernsten Gegner betrachten darf, da er genötigt sei, „davon abzustehen, die Juden mit nationaljüdischen Utopien zu verwirren, die Gegensätze zwischen ihnen und ihrer Umgebung zu verschärfen und die unschuldigsten Anzeichen einer Assimilation als Verrat am Judentum zu brandmarken". Kurzum, Dr. Samuel beruhigt seine Leser auf Grund seiner Mitteilungen zu den Posener Verhandlungen und besonders auch auf Grund der Au erb ach sehen Broschüre „Palästina als Judenland" über die Gefährlichkeit des Zionismus, der nunmehr ebenfalls in die Bahnen einlenke, welche die jüdische Assimilation in Deutschland seit Jahrzehnten mit Erfolg wandelt. Der Zionismus hat sich nach Dr. Samuel eben „gemausert". Der politische Zionismus ist mit Theodor H e r z 1 begraben, und der Kultlirzionismus wird die gefährliche Trennung von der deutschen Kulturgemeinschaft nicht durchsetzen können. Die alten Ladenhüter über das seit anderthalb Jahrtausenden ererbte Deutschtum hier zu wiederholen oder zu widerlegen, erübrigt sich. Es ergeht dem Verfasser dabei wie allen aus den östlichen Provinzen nach dem Westen Deutschlands gewanderten Juden. Er vergißt nämlich, daß diese östlichen Provinzen noch vor hundert Jahren, als das gefeierte Judenemanzipationsedikt in Preußen erlassen wurde, zum polnischen Großherzogtum Warschau gehörten, und daß damals zwischen diesen und den andern polnischen Juden auch nicht der geringste Unterschied existierte. Doch das nur nebenbei. Dr. Samuel, der sich in seinem Leitartikel in der Grünen" einredet, daß die deutschen Juden mit den andern ,,auf einem breiten, gemeinsamen Glaubensgrunde" stünden, will beweisen, daß der Zionismus sich „gemausert" habe. Auf diese „Mauserung" legt er besonderen Wert. So wrollen wir denn feststellen, daß das Wort „Mausern" aus der Vogelwelt in den Bereich der menschlichen Politik übertragen ist. Die Mauserung bedeutet den periodischen Wechsel des Federkleides der Vögel. Ohne sie würde der Vogel einen guten Teil seiner Gesundheit und Kraft verlieren. Vögel in der Freiheit mausern sich regelmäßig und erneuern ihr Kleid. Dagegen stockt bei gefangenen Vögeln zum schweren Schaden der Gesundheit und des Lebens vielfach die Mauserung. Sie degenerieren mit dem Verlust der Freiheit, und diese Entartung kommt im Verlust der Mauserung zum Ausdruck. Wenn aber die Mauserung für das Leben und für die naturgemäße Entwicklung notwendig ist, so kann nur der ganz oberflächliche Beobachter übersehen, daß sie sich ausschließlich auf das Federkleid bezieht, das zwar gewechselt, aber nicht einmal geändert wird. Denn nach der Mauserung sieht der freie Vogel genau aus,

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