Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich verstehe das nur halb. Ich bin ja wie du unter den Bauern aufgewachsen. Aber ich spür', es muß etwas Großes sein, was die Juden in aller Welt aufgerüttelt hat . . . Und mein Vater, siehst du, der ist mit ganzer Seele dabei. Er sitzt bis tief in die Nacht hinein und studiert die Berichte über den Fortgang der Bewegung. Bücher über Palästina . . . und wenn ich ein Bub gewesen wäre, hätte er mich hebräisch lernen lassen . . . und hätte wer weiß was für Hoffnungen auf mich gesetzt. Und ich selbst, wenn ich auch die Religion leicht von mir abstreifen könnte, von der ich ohnedies nichts weiß, ich will nicht, daß er glaubt, ich schäme mich meines Großvaters, den deiner noch ohne Gefahr schlagen durfte und anspucken ..." ,,Solange dein Vater lebt, will ich mich gedulden", sagt er darauf. Da schreit sie auf: „Nein, sag' das nicht, ich will nicht rechnen mit seinem Leben." Aber rascher, als sie es auch nur ahnen konnten, stirbt der Vater. Ein Bauer, der Liesl mit dem Doktor im Walde gesehen hatte, gratulierte dem Kaufmann zur baldigen Hochzeit. Und da war der Erschreckte jäh zusammengestürzt. In hilfloser Verlassenheit gewann Liesls Herz die Herrschaft über den Verstand. Sie wurde Wendelins Frau. Aber es erblühte kein Glück aus diesem Ehebunde. Daß Wendelin nie an den Unterschied ihrer Herkunft dachte, wußte sie wohl, doch quälender Kummer erfüllte ihr Herz, da sie an das erwartete Kind dachte. Wenn es ein Knabe wäre, was sollte sie ihm von ihren Eltern erzählen? Und wenn er groß geworden w äre und wenn er vielleicht Student würde und wie die andern den Haß lernte gegen ihre Rasse . . . Wenn er ein Feind der Juden würde, wie so viele, die aus Mischehen stammten, wie sollte sie das ertragen? Und sollte sie ihm gar nichts sagen dürfen von den tausendjährigen Leiden ihres Volkes, von dem wundervollen Erwachen, das die Zerstreuten zu sammeln anfing, von den Hoffnungen, die ihren eigenen Vater begeistert hatten? Der Kampf um ihres Kindes Seele blieb ihr erspart. Sie starben beide zugleich. . . Und auf Wendelin lastet auch nach ihrem Tode noch der Haß seiner Heimatgenossen wegen der Ehe mit der getauften Jüdin. Eine ähnliche Mädchengestalt wie Liesl zeichnet Franz Servaes in seinem bei Ernst Rohvolt in Leipzig erschienenen vortrefflichen Bildungsroman: „Im Knospendrang". Die Heldin dieses Romans, der ein Stück weiblicher Jugend in Kellerschem Stil schildert, Maja Stjerne, schließt sich als Schulmädel an Ilse Nathan an. Diese, die Tochter eines Schnapsbrenners in einer Berliner Vorstadt, lebte in ziemlich guten Verhältnissen, war jedoch die Einfachheit selbst. „Nur eine einzige Leidenschaft kannte sie: Lesen. Sie war eine Gelehrte." Aber keine, die den Stoff bloß äußerlich sich zu eigen machte, sondern die eine berückende, innerliche Gewalt des glühenden Durchdringens besaß. Sie sprach weit über ihre Jahre hinaus, gerundet und vollendet; mitunter geradezu druckreif. Dies hatte freilich etwas gelinde Abkühlendes für Maja; wenigstens, wenn es gar zu sehr nach Buch klang, dabei aber auch etwas Hinreißendes und Bewunderungswürdiges. Denn Ilse Nathan konnte sich begeistern. Sie war klug, aber voll feurigen Mutes. Wenn die andern sich drückten, sprach sie erst recht frei und offen. Mit ihrem heißen Herzen hing sie an Maja, deren germanische Blondheit und Blauäugigkeit sie mit der ganzen Glut ihrer Semitenseele liebte. „Diese Deutschheit, diese Waldfrische, diese Sonnigkeit!" Sie konnte sich an dem Bewundern nicht genugtun, die häßliche, gebildete, kleine Jüdin. Schade, daß der Dichter die weiteren Schicksale der Ilse Nathan im Dunkel läßt. Es hätte uns interessiert, etwas mehr über ihr Seelenleben zu erfahren. Nur so viel vernehmen wir, daß sie Lehrerin geworden und für Maja die treueste Freundin geblieben ist. Eine Freundschaft steht auch im Mittelpunkte des bei F. Fontane & Co., Berlin, erschienenen stimmungsvollen Kleinstadtromans „G i d e o n der Arzt " von Johannes 11 o e f f n e r. Elias Gideon, der Sohn des Stadtarztes, ist mit Walther Thebesius befreundet und in dessen Schwester schon als Gymnasiast verliebt. Zwischen den Liebenden schattet der Religionsunterschied. Seine Religion würde aber Elias um keinen Preis aufgeben. „Schon in frühester Jugend piirt er den Haß, den tausendjährigen giftigen Atem, den ewigen Haß, der nicht stirbt, die Verachtung und Schande, iii der man uns bewirft, jeden von uns, und mag er der i)esie sein, bloß, weil er ein Jude ist." Sein Vater, ein nebuloscr Schwärmer, erklärt ihm den Grund des Hasses: „Wir sind erstarrt, erstorben, wir haben uns nicht entwickelt, wir sind ein totes Volk. Wir sind überall zwischen den Völkern wie ein Fremdkörper, wie ein Keil, wie ein Ferment, das nicht baut, sondern zersetzt." Darüber glüht das Herz des wackeren Jungen auf. Dieser wache Junge steht hoch über dem alten Grübler, und er weist den eigenen Vater gleichsam zurecht. „Man haßt uns auch, wenn wir Christen werden. Man glaubt uns nicht. Bis ins dritte und vierte Glied rechnet man uns das jüdische Blut nach. Aber ich will zeigen, selbst wenn es umsonst ist, daß auch ein Jude das Höchste leisten kann, was ein Mensch vermag." Leider läßt der Dichter den jungen Gideon den Weg einschlagen, den so viele assimilierte Juden gehen. Er wird als Student Mitglied einer deutschen Burschenschaft. In ihm lebt der Drang nach großen Menschentaten, aber er stellt seinen Tätigkeitsdrang nicht in den Dienst des eigenen Volkstums, dem er völlig entfremdet ist. Bald glüht er für weltbürgerliche Menschheitsideale, bald berauscht er sich an deutschvölkischem Empfinden. Und er findet den Fleimweg nicht, auch als ihn eine Volksversammlung, in der über das Thema „Deutschland für die Deutschen" diskutiert wird, jäh aus seinen Wahnvorstellungen weckt. Die bodenlose Gehässigkeit, mit der die einzelnen Redner gegen seine jüdischen Brüder losziehen, peitscht sein Ehrgefühl und sein schlummerndes Stammesbewußtsein mächtig auf. Er meldet sich zum Worte. Aber er findet keinen Ausdruck für sein Empfinden und was er sagt, kommt es auch aus einem aufgewühlten Herzen, klingt wie eine hohle Tirade: „Ich will nur bitten, geben Sie den Idealisten unter uns Raum, denen, die ihr Leben in die Wagschale werfen wollen für das Wohl der Gesamtheit..." Diese Ansprache Elias Gideons wird natürlich mit Hohngelächter aufgenommen. Werner von Seehausen, sein Feind aus der Gymnasiastenzeit, erschießt ihn im Duell. Und Gideon begräbt seinen einzigen Sohn, eine reiche Hoffnung . . . Wien. Dr. M. S c h e r 1 a g. * * * Börnes Werke. Historisch-kritische Ausgabe in zwölf Bänden, herausgegeben von Ludwig Geiger in Verbindung mit Joseph Dresch, Rudolf Fürst, Erwin Kalischer, Alfred Klaar, Alfred Stern und Leon Zeitlin. Deutsches Verlagshaus Bong u. Co. Bd. 1—3. Jeder Band brosch 2 M., geb. 3 M., in Liebhaber-Halbfranz 4.50 M. Das gesamte literarische Schaffen Börnes, mit Einschluß seiner Briefe, wird zum erstenmal zusammengefaßt werden in der historisch-kritischen, auf zwölf Bände berechneten Ausgabe, die Ludwig Geiger in Verbindung mit Fachgelehrten nach jahrzehntelanger Vorbereitung im Deutschen Verlagshaus Bong u. Co. herausgibt und deren erste drei Bände jetzt vorliegen. Sie enthalten: Jugendschriften, „Dramaturgische Blätter" und ^Vermischte Aufsätze, Erzählungen, Reisen". Der Text beruht auf sorgfältiger Vergleichung mit den ersten Drucken und Handschriften. Einleitungen und Anmerkungen geben alle notwendigen literarischen und sachlichen Erläuterungen. Die Bücher sind höchst geschmackvoll und gediegen ausgestattet. In unseren Tagen, wo das Problem des in der deutschen Literatur schöpferisch tätigen Juden wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt ist, gewinnt auch die Persönlichkeit Börnes — der als Löb Baruch im Frankfurter Ghetto geboren wurde, und, wie der andere, größere, Wortführer des „jungen Deutschland", Heinrich Heine, durch Annahme der Taufe das „Entreebillet zur europäischen Kultur" zu erlangen suchte, ohne doch sein angeborenes Judentum abstreifen zu können, — für uns national bewußte Juden erhöhte Aufmerksamkeit. Aber auch darüber hinaus wird die Ausgabe jeden, der sich mit den literarischen, politischen oder gesellschaftlichen Verhältnissen der Epoche zwischen den deutschen Befreiungskriegen und dem Jahre 1848 beschäftigen will, von großem Nutzen sein. Schluß des redaktionellen Teiles Eingegangen bei der Administration der „Welt": Für das Hebräische Gymnasium in Jerusalem: durch das Breslauer Pal. Bureau.......M. 100.— per J. N.-F.- Wien.............„ -.SO Für den Bezalel: Dr. Wielenski, Zariczyn...........M. 2.15