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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 27 DIE ELT 821 Sonnabendnacht wieder in See zu stechen. — Noch nicht einmal alle jüdischen Geschäfte haben am Schabbos geschlossen, obgleich kein Gesetz der Sonntagsruhe ihnen den Vorwand einer gewissen Notwendigkeit liefert. Wieder aber kann man beobachten, daß die ärmeren Volksschichten in dieser Beziehung charaktervoller sind: kein noch so hoher Backschiseh wird den armen Hamäl verleiten, am Schabbos auch nur einen Ballen anzurühren. Soll es doch vorgekommen sein, daß Schiffe der türkischen Kriegsflotte in die Verlegenheit kamen, am Sonnabend ihre Kohlenvorräte nicht ergänzen zu können, da die Hamäls, fast ausschließlich Juden, weder durch Bitten noch durch Drohungen zur Arbeit zu bewegen waren. Es ist unleugbar, daß hier eine Assimilation um sich greift, die mit der westeuropäischen mehr und mehr an Aehnlichkeit gewinnt. Das muß um so bedenklicher erscheinen, als doch hier eine ganze Reihe wichtiger Faktoren fehlt, die einen Antrieb zur Assimilation bilden könnten. Die Juden bilden hier keine Minderheit, die den Haß und die Verfolgung eines großen Wirtsvolkes zu tragen hat, und auch die religiösen Werte haben hier nicht jenen kolossalen Sturz durchgemacht, der in Deutschland und Frankreich eine gänzliche Veränderung der Stellung des einzelnen zur Religionsgemeinschaft bewirkt hat. Freilich darf man eins nicht vergessen: die ganze Türkei macht heute eine Assimilationsepoche durch, und hier wie überall sind es die Juden, die auf jede Wandlung der Dinge zuerst und am nachhaltigsten reagieren. Die Türkei „assimiliert" sich Europa, in vielfacher Hinsicht bewußt, in mancher auch unbewußt und ungewollt. Die für die Türkei aktuelle, in der türkischen Presse mmer und immer wieder erörterte Frage: „Muß der Türke Europäer werden?" kann man zwar für die türkische Judenheit nicht ohne weiteres zu dem Problem umstempeln: „Muß aus dem türkischen Juden ein europäischer werden?" Aber in mancher Beziehung geht die Entwicklung hier durchaus parallel, und das Anwachsen der Assimilation, das auch hier schon zu strikter Parteinahme auf beiden Seiten geführt hat, wird vielleicht auch hier einmal eine „Judenfrage" schaffen, die der westeuropäischen in vielen Zügen gleichen wird. Wir sagten, daß die türkischen Juden, und zwar die von Saloniki in erhöhtem Maße, sozusagen die Erprober der in die Türkei eindringenden europäischen Kultur sind. Soweit man beobachten kann, ist ihre Liebe für die europäische Kultur sehr einseitig nur auf die materielle Seite gerichtet. Von Geisteskultur ist hier nichts, gar nichts zu merken. Der Umstand, daß diese reiche Stadt, in der es Tausende gibt, die sich in besten Verhältnissen befinden und wohl die Mittel haben, sich auch geistige Genüsse zu verschaffen, nicht ein einziges Theater besitzt, mag dafür bezeichnend genug sein. Dafür findet eine andere Sorte von Kultur hier ihr weites Feld: das „Kinema", dem hier keine Filmzensur irgendwelche wohltätige Beschränkung des zu Bietenden auferlegt, ist in jedem Stadtviertel mehrfach vertreten und wird trotz der verhältnismäßig unverschämten Preise von allen Bevölkerungsschichten eifrig besucht. Literatur kennt man nicht, selbst die Tageszeitungen bringen keine Feuilletons, aber die ärgste Schundliteratur, die „Texas Jack"- und „Nat Pinkerton"-Hefte sind in jeder hier gesprochenen Sprache vorhanden, ein Beweis, daß ihr Weizen hier noch blüht. Diese Talmikultur ist es, die die große „Assimilationsgefahr" für die Juden birgt. Der Jude geht hier verloren durch ein Verflachen jeder geistigen Regung. Das allgemeine Ideal der erwerbenden Jugend ist das amerikanische: „Geldmachen". Und doch sind gerade die ganz Reichen hier übel dran, denn über eine gewisse, nicht allzu hohe Grenze hinaus wird das Geld hier unnütz und ein toter Schatz. Ein gesundes Gegengewicht gegen all diese Hemmungen könnte ein gesunder, jüdischer Nationalismus sein, der besonders den Wert jüdischer Geisteskultur zu betonen hätte. Anfänge hierzu sind vorhanden; von ihnen und der Aussicht, die sie bieten, möge ein anderes Mal hier die Rede sein. Ip= L Judengestalten in der modernen deutschen Romanliteratur Der Jude ist aus dem modernen Leben der europäischen Völker nicht auszuschalten und nicht hinwegzudenken. Demgemäß führen auch viele deutsche Schriftsteller unserer Zeit in ihren Romanen immer wieder jüdische Gestalten vor. Mit einzelnen dieser Gestalten möchte ich die Leser der „Welt'4 im nachfolgenden vertraut machen: Viktor Fleischer zeichnet in seinem bei Meyer und Jessen, Berlin, erschienenen Roman „W e n d e 1 i n und das Dorf" einen jüdischen Händler und dessen Tochter treu nach dem Leben, ist er doch selbst Jude. S. Deutsch, Inhaber einer „gemischten Warenhandlung" und Versicherungsagent, mußte immer rechtlich und einwandfrei in seinen Geschäften gewesen 'sein, denn die Leute lebten mit ihm, dem einzigen Juden des Ortes, in bestem Einvernehmen und erinnerten sich nur an den hohen jüdischen Feiertagen, daß das S. vor dem Namen Deutsch Salomon zu lesen war. Ja, er schwang sich sogar zum Feuerwehrhauptmann des Dorfes auf. Freilich währte diese Herrlichkeit nicht lange. Aus einem nichtigen Anlaß entstanden ihm Feinde, stürzten ihn und verbitterten ihm das Leben. Die Dorfkinder, denen es auffiel, daß die kleine Liesl Deutsch nicht an ihrem Religionsunterricht teilnahm, riefen ihr manchmal ein häßliches Wort nach, worüber S. Deutsch, der sich nie aufregte, wenn ihn selbst ein Zuruf traf, wild werden konnte, so daß er dreinschlug. Um das Kind, an dem er mit zärtlicher Liebe hing, vor Unannehmlichkeiten zu bewahren, gab er es, obwohl es ihm schwer fiel, zu Verwandten nach Prag, wo es übrigens auch etwas mehr lernen konnte. Als gebildetes Fräufein kehrt Liesl ins Heimatsdorf zurück, wo der junge gute Wendelin Bachseits seine Ferien zubringt und sich nach einem Menschen sehnt, mit dem er reden konnte. In ihr hat er diesen Menschen gefunden. Sie, die mit dem beweglichen Geist ihrer Rasse vieles früh erkannte, half ihm, sich auf sein Selbst zu besinnen und lenkte ihn zur Klarheit. Das machte sie ihm wert. S. Deutsch, der anfangs stolz darauf war, daß der Student sich so viel mit Liesl befaßte, verspürte plötzlich Angst und erwog mit Schrecken die Möglichkeit, die dieser Verkehr ahnen ließ. Wendelin wurde Arzt und gedachte Liesl zu seiner Frau zu machen. Sie weigert sich, es zu werden, obwohl sie ihn liebt. Befragt, ob sie es wegen der Religion tue, erwidert sie ihm: ,,Ach, Religion — was weiß ich von Religion? . . Es ist tiefer. Dein Volk ist mir fremd und dir das meine . . . und deines haßt uns . . . das kann kein Glück geben." — Auch fürchtet sie, damit ihren Vater zu kränken . . . „Siehst du, Wendelin, wie sie angefangen haben, ihn zu verfolgen, da hat er sich plötzlich auf sein Volk besonnen ... Du weißt ja, es ist lebendig geworden in den letzten Jahren, es wird wieder lebensstark und sehnt sich fort von da in die Heimat.

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