Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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820 DIE] sich an Wasser, Derselbe Motor betreibt auch eine Getreidemühle. Besitzer dieser Mühle sind die Kolonisten, die den Kostenpreis von 15 000 Frcs. von der zionistischen Bank, der Anglo-Palestine Company, auf vierjährige Auszahlung bekommen haben. Der Initiator aller dieser Verbesserungen ist Herr David K o h n. vSeit einigen Monaten ist in unserer Kolonie der Wunsch nach Anlage von Pflanzungen sehr rege geworden. Hoffentlich wird auch" dieses Streben bald der Verwirklichung entgegengeführt werden. Schekeltag in Jaffa Am 13. Juni veranstalteten die Jaffaer Zionisten den ersten Schekeltag, der ein recht günstiges Ergebnis aufwies. Bemerkenswert ist, daß die jemenitischen Juden Jaffas in grofkr Zahl und mit freudiger Begeisterung den [ELT - Nr. 27 Schekel entrichteten und damit ihre Zugehörigkeit zur zionistischen Organisation dokumentierten. Auch in den jüdischen Kolonien sollen demnächst Schekeltage veranstaltet werden.. Generalversammlung einer palästinensischen Pflanzungsgesellschaft Diese Woche fand in Konstantinopel im Beisein eines Regierungsvertreters die erste Generalversammlung der palästinensischen Pflanzungsgesellschaft „Agudath Netaim" statt. Diese Gesellschaft ist in der Türkei legalisiert und hat bisher in den jüdischen Kolonien Rechoboth, Chefzi-Bah u. a. größere Pflanzungen angelegt. Der Generalversammlung lag ein Antrag auf Emission neuer Anteilscheine vor, da eine Vergrößerung des Unternehmens notwendig erscheint und das bisherige Aktienkapital hierfür nicht ausreicht. O ff □ □ □ □ □ □ o - FEUILLETON ==^J □ □□□□□ \N 3§l Bilder aus Saloniki Von Cheskel Zwi Klötzel. II. Nach außenhin wird der Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden auf doppelte Weise stark unterstrichen: durch die Kleidung und durch die Sprache. Besonderes läßt sich über beides nicht sagen. Die Eigenart der spaniolischen Sprache, ihr Ursprung vom Altspanischen zur Zeit Ferdinands und der Isabella, und die merkwürdige Treue, die die Sephardim dieser „Muttersprache" bewahren, sind allgemein bekannte Tatsachen. Die Kleidung, besonders die der Frauen, ist sehr geschmacklos; ein wenig Beobachtung zeigt klar, daß sie in nicht zu langer Zeit den Wert einer Museumsschöiiheit besitzen wird, denn die junge Generation kleidet sich nach Paris und London. Es wirkt manchmal karnevalartig, wenn man am Schabbos z. B. die Straßen halb mit modernen Europäern, halb mit Altspaniern und -Spanierinnen bevölkert sieht. Im übrigen möchte ich auch an dieser Stelle nicht verfehlen, die Sammler jüdischer Altertümer auf diese altspanische Tracht der hiesigen Juden hinzuweisen; es dürfte vielleicht in kürzerer Zeit als man annimmt, die ganze spanische Herrlichkeit verschwunden sein. Die hiesigen Juden sind natürlich mehrsprachig. Als Verkehrssprache kommt zunächst das Französische in Betracht; aber mehr oder weniger weiß sich die Mehrzahl eines gewissen Wortschatzes all der zahlreichen Sprachen zu bedienen, die in der Levante gesprochen werden. Es sei hier erwähnt, daß das Deutsche sich einer besonderen Schätzung erfreut. Zeichen dessen ist, daß die Schule des „Hilfsvereins der deutschen Juden", die neben dem Hebräischen und Türkischen auch das Deutsche sorgfältig pflegt, in der kurzen Zeit ihres Bestehens einen sehr erfreulichen Aufschwung genommen hat, sowie daß die „Deutsche höhere Schule" zirka 200 jüdische Schüler zählt. — Das Hebräische wird zwar nicht allgemein gesprochen, aber man trifft doch immerhin ziemlich oft Leute, die es verstehen und auch sprechen. Den erquicklichsten Eindruck in dieser Beziehung gewinnt man, wenn man den Kindergarten des Hilfsvereins besucht, in dem ausschließlich Hebräisch gesprochen wird. Die leitende Dame hat längere Zeit in Palästina gelebt; ihre pädagogischen Kenntnisse hat sie am Pestalozzi - Fröbelhaus in Berlin erworben, sie hat es verstanden, einen Kindergarten zu schaffen, der in jeder Beziehung, auch als jüdischer Kindergarten, mustergültig ist, ein ebenso schönes Zeugnis für die hiesige Leitung wie für den Hilfsverein. Nach all dem Gesagten sollte man annehmen, daß Saloniki eine Judenstadt par excellence sei. Wo eine glückliche Entwicklung alle nötigen Faktoren in so günstiger Weise gehäuft hat, da sollte man eigentlich ein bedeutendes jüdisches Zentrum, vor allem auch ein geistiges Zentrum erwarten dürfen. Trotzdem versagt Saloniki in dieser Hinsicht fast gänzlich, es darf sich, was inneres jüdisches Leben anbetrifft, nicht der kleinsten deutschen Gemeinde an die Seite stellen. Und doch muß es hier einmal anders gewesen sein, denn Synagogen, teilweise sogar recht ansehnliche, sind vorhanden oder vielmehr, sie waren es, denn mehr als eine ist heute mehr Ruine als gebrauchsfähiges Gebäude. Gerade hier, wo unzählige Minaretts in die Lüfte ragen, wo griechische Kirchenkuppeln und bulgarische Türme über die Dächer ragen, wo auch die kleinste Sekte ihr Gotteshaus hat, muß der Mangel jüdischen Gemeindelebens auf jeden Juden einen unsäglich deprimierenden Eindruck machen. Aber die Sephardim von Saloniki sind nach dieser Richtung hin durchaus nicht feinfühlig. Dem gänzlichen Mangel irgendeines allgemeinen Gottesdienstes entspricht natürlich das Fehlen jedes religiösen Lebens, einiges Wenige ausgenommen. Zu diesem Wenigen gehört der Freitagabend. Es macht einen wirklich hübschen Eindruck, wenn nach dem Lärm des Alltags — vom mohammedanischen Freitag ist hier nicht viel zu merken — plötzlich aller Geschäftsverkehr von den Straßen verschwindet, alle Fenster sich erleuchten und man überall aus den geöffneten Hausfluren den Gesang der „Semiroth" tönen hört. Aber schon der Schabbos selbst hat nichts, aber auch absolut nichts aufzuweisen, was ihn als jüdischen Feiertag kennzeichnen könnte. Er besitzt eine verzweifelte Aehnlichkeit mit unserem deutschen Sonntag — er ist ein Erholumgstag, eine Arbeitspause, aber kein Feiertag. Die Cafes, die Kinemas, die wenigen Vergnügungsgärten sind überfüllt, der Kai und die herrliche Villenstraße, die zur Villa Allatini, dem Exil Abdul Hamids führt, erleben ihren Korso der eleganten Welt. Schabbos feiern wohl nur die armen Fischer, deren Barken in langer Reihe am Kai liegen und die Freitags zu den ihren heimkehren, um schon