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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Zur Wahl des Chief-Rabbi (Von unserem Berichterstatter.) London. Die Chief-Rabbi-Wahlbewegung, die seit so langer Zeit das englische Judentum beschäftigt, hat endlich eine feste Gestalt angenommen. Die Kommission, die mit der Auswahl der geeigneten Kandidaten für den Posten betraut war, trat vorigen Sonntag zusammen, um sich ihrer schweren Aufgabe zu entledigen. Die Erwartungen waren gespannt, denn die Zahl der in Betracht kommenden Kandidaten war gering und die Auswahl desto schwieriger. Da war die Kandidatur des Dr. Moses Hyamson, des ersten Dajan der United Synagogue (der Londoner Hauptgemeinde); Dr. Joseph H. Hertz, früher Rabbiner in Johannesburg (Südafrika), jetzt Rabbiner der Orach Chaim-Synagoge in New York; Dr. H. Gol- 1 a n c z, Rabbiner der Bayswater Synagoge zu London und Professor des Hebräischen am University College und Dr. Samuel Daiches, Dozent für Talmud und Homiletik am. jews' College, dem englischen Rabbinerseminar. Es ist bezeichnend, daß die drei letztgenannten Herren zionistisch gesinnt sind, obwohl anzunehmen ist, daß im Fall einer Wahl nur Dr. Daiches seine zionistischen Anschauungen öffentlich betätigen würde. Große Ueberraschung rief es in der Gemeinde hervor, als bekannt wurde, daß die vorberatende Kommission Dr. Hyamson und Dr. Hertz zur Wahl vorgeschlagen hat. Dieser Vorschlag gilt allgemein als sehr unglücklich. Was dem einen Kandidaten fehlt, hat vielleicht der andere, aber selbst beide zusammen würden keine sehr bedeutende Persönlichkeit darstellen. In einem Maße, wie nun aber am letzten Freitag der „Jewish Chronicle" in einem spaltenlangen Leitartikel gegen Dr. Hyamson loszieht, ist wohl noch niemals eine leitende jüdische Persönlichkeit in der englisch-jüdischen Presse angegriffen worden. Die Wahl des Dr. Hyamson ist dadurch einfach unmöglich gemacht worden. Ob nun die Aussichten von Dr. Hertz sich dadurch gebessert haben, bleibt abzuwarten, denn auch er wird unvermeidlich in die heftige persönliche Diskussion hereingezogen. Noch einen Kandidaten hat übrigens die betreffende Kommission vorgeschlagen — Dr. B. Drachman aus New York — der wahrscheinlich um den Posten angehalten hat, aber sich noch persönlich vorstellen muß. Dr. Drachman, ein geborener Amerikaner, ist Rabbiner einer orthodoxen Gemeinde und Dozent am New Yorker Rabbinerseminar; er ist bekannt als üebersetzer von S. R. Hirschs „Neunzehn Briefen", und genießt den Ruhm, ein Lehrer Dr. j. H. Hertz' gewesen zu sein. Wohl gibt es einen Mann in England, der alle die Genannten turmhoch überragt, und der auch vom „Jewish Chronicle" vorgeschlagen worden ist es ist Dr. G a s t e r — aber Lord Rothschild und andere Führer der Gemeinde sind grundsätzlich gegen seine Wahl, und Dr. Gaster hat sich auch nicht um die Stelle beworben. Nicht ganz unmöglich ist es, daß die Notwendigkeit die Führer der Gemeinde dazu zwingen könnte, entweder Dr. Gaster oder einem anderen Gelehrten von Ruf - auch wenn er kein Engländer wäre - das Amt des Chief-Rabbi anzubieten. Zur Lage der jemenitischen Juden Von Jehoschua Feldmann, Jaffa Vor einiger Zeit ging durch die Presse eine telegraphische Meldung über Judenverfolgungen in Sanaa. Sobald man davon liier in Palästina, wo seit längerer Zeit Beziehungen zu den Juden des Jemens unterhalten werden, Kunde erhielt, wandte man sich mit Anfragen an bekannte Persönlichkeiten der jemenitischen Judenheit. Von den nun eingetroffenen Antworten ist wohl am meisten beachtenswert die des Oberrabbiners von Aden, des verehrungswürdigen Mori Jizchak ben jizehak Hakohen, der bei der Judenheit des Jemens das höchste Ansehen genießt und auch über ihre Schicksale am besten informiert ist. Mori Jizchak schreibt in seiner knappen, verhaltenen hebräischen Sprache u. a.: ,,. . . Der Stellvertreter des Imam J a c h j a in Sanaa beschloß, von den Juden die Steuern für 40 Jahre zu erheben, d. h. für all die Zeit, in der dort die Türkei herrschte, was er damit begründete, daß das Land dem Imam gehöre. Die Juden waren nun in großer Not, denn es waren über 100 000 Rial (ca. 140 000 Frcs.) zu zahlen. Und am Pessachabend rotteten sich ca. 1500 Männer zusammen, umzingelten das jüdische Viertel, um zu rauben und zu morden. Aber E r hat ihnen geholfen, denn es hörte dies der türkische Mudir, trat zu ihnen, und warnte sie, daß, falls sie sich nicht zerstreuen, er sein Militär aus El-Kaza usw. holen würde. Nach Pessach aber zeigten die Juden Jahrhunderte alte Dokumente, mit den Siegeln der Herrscher versehen, die zu ihren Gunsten lauteten. Sie behielten auch recht, und die Stadt ist jetzt, Gott sei Dank, ruhig. Der Statthalter des Imam sendet jedoch seine Boten nach den Städten des Jemens und jedem Scheich, der nicht gehorcht, wird sein Haus in der Finsternis der Nacht in Asche verwandelt. Die Juden werden mit harten Steuern bedacht. Auch vermehren sich die Räuberbanden auf den Landstraßen." Ein anderer angesehener Jude, der seinerzeit von den dortigen Juden als Kandidat für das türkische Parlament aufgestellt wurde, schreibt u. a.: „Hierzulande ist die Position der Regierung sehr geschwächt. Die Beamten des Imam drangsalieren Israel und richten gegen die Juden die sinnlosesten Beschuldigungen. Deshalb verkauft jeder Jude sein Hab und Gut, so gut es gehen mag, und wandert nach Palästina aus. In Fällen, in denen die Nichtjuden ihnen nichts abkaufen wollen, lassen sie ihre Habseligkeiten zurück und vertrauen auf I h n. Als die Briefe aus Palästina mit den Warnungen, daß man sich gedulde, bei uns anlangten, haben wir die Briefe nach den Dörfern geschickt, und die Leute haben sie erhalten, aber der Ermahnung nicht Folge geleistet." Hier nennt der Briefschreiber eine Reihe von Orten, deren jüdische Bewohner sich zur Auswanderung nach Palästina rüsten. Er fährt fort: „Seit die Regierung ihren Frieden mit dem Imam geschlossen hat, ist es keines Bleibens mehr, und der Jude darf nun nicht einmal laut mit dem Goj reden. Es hat sich viel Schreckliches zugetragen." Um die Lage richtig zu erfassen, muß man sich daran erinnern, daß die Juden während der ganzen Zeit, in der die türkische Regierung in Nordjemen dominierte, und insbesondere während des langdauernden Geplänkels mit dem Imam Jachja, treu zur türkischen Regierung hielten. Bedeutete doch die Türkei auch zur Zeit Abdul Hamids immerhin einen Rechtsstaat im Vergleiche zur Willkür der großen und kleinen Imams des Jemens. So kenne ich einen braven jemenitischen Juden, dessen wohlhabender Vater Vorsteher einer angesehenen Gemeinde war und der infolge seiner Hinneigung nach der türkischen Seite mit den Seinigen und der ganzen Verwandtschaft vor sechs Jahren ums Leben kam, während ihre Güter von dem damals siegenden Imam Jachja konfisziert wurden.

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