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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 16)
Language
German
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jedoch gewissenhaft eingehalten worden war. Diese Presseruhe hatte indes keineswegs genügt, urn die scharfen Gegensätze auszugleichen. Der Großrabbiner und der Medschliss Dschesmani blieben noch miteinander im Kriege, die Anklagen gegen den letzteren bei der Regierung blieben immer aufrecht, die Entscheidung der Nationalversammlung, die zu Ungunsten des Großrabbiners ausgefallen war, blieb von diesem immer noch angefochten, die Rechte der Aschkenasim immer noch unberücksichtigt, der Zustand allgemeiner Ordnungslosigkeit und der Willkür von oben sowie der tiefen Erbitterung in den demokratischen Schichten der Bevölkerung unten dauerte fort. Da gelang es endlich den Männern der Vermittlung, in einer Serie von Besprechungen zwischen dem Großrabbiner und der Vertretung der Aschkenasim eine provisorische Uebereinstimmung über alle die beiden Faktoren betreffenden strittigen Punkte herzustellen, die schriftlich fixiert und für die zu geeigneter Zeit vorzunehmende Umgestaltung in ein offizielle? Abkommen aufgespart wurde. Damit war der Hauptzankapfel beseitigt, war jenes Motiv aus der Welt geschafft, das der Großrabbiner für gut befunden hatte, als Vorwand für die ganze, historisch immer interessante Aktion seines Rücktrittes und alles daraus Folgenden zu benutzen. Rabbi Nahum glaubte es aber seinem sehr erschütterten Ansehen schuldig zu sein, daß seine Gegenkombattanten von der Bildfläche verschwänden. Er hielt den Kampf mit dem Dschismani immer weiter aufrecht, so lange, bis die Männer, die diesen zusammensetzten, glaubten, ihre gerechte Sache dem dringenden Bedürfnisse nach Gemeindefrieden gegenüber zurückstellen zu müssen, und nach einjähriger ehrenvoller Amtsführung demissionierten. Jetzt setzten die Friedensbemühungen eifriger als je wieder ein. Die beiden Parteien in der Gemeinde, die nationale und die assimilatorische, wurden in direkte Verhandlung miteinander gebracht, und es gelang tatsächlich, eine einigende Basis zu finden, die beide adoptieren konnten. Diese Basis bestand in der Zusammenstellung eines neuen Gemeindevorstandes, der als ein Kabinett der Koalition angesehen werden kann. Man ist übereingekommen, in den von der Nationalversammlung jetzt gesetzmäßiger Weise neu zu wählenden Medschliss Dschismani vier Vertreter der einen Partei, vier Vertreter der anderen und einen Neutralen zu entsenden. Unter dem 25. Juni erging nach erfolgtem Abschlüsse der Besprechungen das folgende Zirkular an sämtliche Mitglieder des Medschliß Umumi, d. h. der Nationalversammlung: ,,Sehr geehrter Herr und Kollege! Infolge der Demission des Medschliss Dschesmani soll künftigen Sonntag die Nationalversammlung abgehalten werden. Der dringende, sicherlich von allen Mitgliedern der Nationalversammlung geteilte Wunsch, endlich einen unglückseligen Konflikt endigen zu sehen, der dem Ansehen der großen jüdischen Gemeinde unserer Hauptstadt sehr geschadet hat, hat uns den Gedanken eingegeben, eine Verständigung zwischen den beiden kämpfenden Parteien zu kombinieren. Wir haben deshalb gedacht, es wäre für dieses Ziel unumgänglich, im voraus vor dem Tage der Wahlen eine Kandidatenliste aufzustellen, die in gewissem Ausmaße beide Parteien befriedigen könnte. Unsere Aufgabe ist uns wesentlich erleichtert worden durch die wertvolle Beihilfe einiger Mitglieder der ,,Bene Berith", die wir erbeten und erhalten haben. So ist es uns denn gelungen, die beifolgende Liste vorzubereiten, die aus Personen besteht, die nach unserer Ansicht den künftigen Laienrat werden bilden und den Titel eines Rates der Versöhnung verdienen können. Wir stellen Ihnen also diese Liste zu, in der festen Hoffnung, daß Sie, um des Friedens und der Eintracht zwischen den Kindern einer und derselben Gemeinschaft willen sich unserer Meinung anschließen und für diese Mitglieder stimmen werden, welche die nötigen Voraussetzungen zur Sicherung eines praktischen Ergebnisses unserer Sitzung vom nächsten Sonntag zu bieten scheinen. Zum Schlüsse glauben wir darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es sich nur um einen persönlichen Wunsch handelt, dem wir Ausdruck geben, in der Ueberzeugung, daß jede andere Kombination zu einem negativen Ergebnisse würde führen müssen. Der Vizepräsident des Medschliss Umumi J. N a h m i as. Der Generalsekretär des Medschliss Umumi M. Dal M e d i c o. Die Kandidatenliste trägt die folgenden Namen: Seki A I b a 1 a, Haim A s s e o , Vitali Camhi, Moise D a I Medico, Albert Fresco, Mentesch Pascha Galimidi, Mathieu Levy, Dr. Adolph Rosenthal und H. G. R e i s n e r. In dieser Liste, für die das Bureau der Nationalversammlung (zusammengesetzt aus Angehörigen der Assimilationspartei) sich, wie wir gesehen haben, offiziell einsetzt, figurieren vier Mitglieder des vorhergehenden Dschismani, die Herren Albala, Asseo, Levy und Reisner. Albert Fresco (nicht zu verwechseln mit einem anderen Träger dieses Namens) gilt allgemein als Neutraler; die anderen werden zur Nahumpartei gerechnet. Es ist also unsere Partei allgemein und offiziell als vollkommen gleichberechtigt und gleichstark mit der anderen anerkannt und ihr eine ihrer Bedeutung proportionelle Vertreterschaft im kommenden Gemeindevorstande garantiert worden. Das ist ein Resultat dreieinhalbjähriger nationaler und zionistischer Gemeindearbeit in Konstantinopel, über das wir Genugtuung empfinden dürfen. Jetzt bleibt nur noch die Sitzung der Nationalversammlung abzuwarten, die die Vereinbarung zu sanktionieren haben wird. Ueberraschungen sind in der Türkei niemals ausgeschlossen, obwohl der allseitige dringende Wunsch nach Frieden diesmal doch Verräterkunststückchen unmöglich machen sollte. Ist der neue Medschliss gewählt und bestätigt, so wird seine allererste Aktion der offizielle Abschluß der neuen Konvention der Aschkenasim sein müssen. Es wird sich dann zeigen, ob der Friedensschluß wirklich einen aufrichtigen Frieden bedeuten oder nur eine ephemere Episode gewesen sein wird. Der Abschluß der Aschkenasim-Vereinbarung wird um so dringlicher, als der Großrabbiner Nahum binnen kurzem eine Reise anzutreten gedenkt, und aus dieser wieder einmal Anlaß zu neuer Verzögerung entstehen könnte. D i e Reise Nahums geht nach Paris. Die Regierungserlaubnis dafür soll er bereits erhalten haben. Nachträglich ist in der Kandidatenliste der Name des Herrn Mathieu Levy, der die Annahme ablehnte, durch den des Herrn Albert Hazan, ebenfalls Mitglied des früheren Dschismani, und zwar dessen Kassenkontrolleur, ersetzt worden. Der Charakter des Koalitions^Medschliss wird durch diesen Wechsel nicht verändert. — Der Deputierte Faraggi Effendi wird die morgige Nationalversammlung nicht als Präsident, als der er im vergangenen Jahre gewählt wurde, leiten, da er nicht nur dieses Amt niedergelegt, sondern auch gänzlich aus dem Medschliss Umumi demissioniert hat. Ueber die Motive dieses Austrittes ein andermal.

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