Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 ■ b\E% kann. Dem russischen Parlament war die Ehre vorbehalten, unter wohlwollender Neutralität des Präsidiums die Judenvernichtung als politisches Programm in die Massen zu tragen. Große Verdienste erwarb sich auf diesem Gebiete die extreme Rechte der Duma, namentlich Markow und Pur ischke witsch. Ihnen assistierte der rechte Flügel unseres Zentrums, die Nationalisten. Die vorsichtigen Okto bristen haben hingegen erst in ihrer Interpellation anläßlich der Ermordung Stolypins Farbe bekannt und stimmten in die große Lügensymphonie des vereinigten Orchesters unserer „staatserhaltenden" Parteien ein. Den wahren, eigentlichen Hexensabbat menschlicher Bestialität feierten unsere parlamentarischen Pogromprediger aus Anlaß der Juschtschinsky-Affäre. Die geheimnisvolle Ermordung des armen Kiewer Knaben wurde mit seltenem Eifer für eine großzügige Pogromagitation ausgenutzt. Die wiederholten Interpellationen in der Duma in Sachen der Ermordung Juschtschinskys und die daran geknüpfte Debatte werden ein dauerndes Denkmal der Schmach für das junge russische Parlament bleiben. Wie die Duma bereitwillig die Regierung in ihrer weisen Judenpolitik unterstützte, so ließen sich auch andererseits unsere höchsten rechtsprechenden und Verwaltungsorgane in ihrer Praxis von dem patriotischen Schwung der Duma inspirieren. Der Hochflut vaterländischer Gesinnung in den Reihen der Dumamitglieder entsprachen erhöhte schöpferische Leistungen am grünen Tische der Bureaukratie. Man denke nur an die Vernichtung des jüdischen „ Externe n t u m s " , an die Kontingentierung der jüdischen Advokatursgehilfen nach einer bestimmten Prozentnorm, an lie großzügigen Ausweisungen usw. Hierher gehören auch die kühnen „Nationalisierungspläne" auf dem Gebiete des Handels und der Industrie, die noch ihrer Verwirklichung harren. Man sieht, die dritte Reichsduma wird noch lange in der Erinnerung der russischen Juden fortleben. Der Wahlrechtsraub an den russischen Juden Bekanntlich hat der Senat in einer seiner jüngsten Sitzungen die Bestimmungen des russischen Dumawahlgesetzes dahin ausgelegt, daß die Juden, denen der Aufenthalt außerhalb des Ansiedlungsrayons nur bedingungsweise gestattet ist, vom Wahlrecht ausgeschlossen bleiben. Auf Grund dieser „Erläuterung" gehen z. B. die zahlreichen jüdischen Handwerker, die außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen dürfen, sofern sie ihr Handwerk ausüben, des Wahlrechts verlustig. Wahlberechtigt bleiben außerhalb der Ansässigkeitszone nur die absolvierten jüdischen Akademiker und die Kaufleute erster Gilde. Demzufolge verlieren das Wahlrecht u. a. in Petersburg 6000 jüdische Wähler, in Moskau ungefähr die gleiche Zahl, in Kiew 7000, in Charkow etwa 1000 usw. Von der Entziehung des Wahlrechts werden auch viele jüdische Zahnärzte, Chirurgen und Pharmazeuten betroffen, die das Wahlrecht bisher unangefochten ausübten. Wie die oppositionellen Zeitungen berichten, geht die „Erläuterung" des Senats auf einen Beschluß der im Mai d. J. in Petersburg abgehaltenen Konferenz der Gouverneure zurück, die einberufen wurde, um über die ,,Mache" der bevorstehenden Dumawahlen zu beraten. Hierbei sprachen manche Gouverneure die Ansicht aus, eine Schwächung der oppositionellen Parteien könne nur erreicht werden, wenn die Zahl der jüdischen Wähler bedeutend herabgemindert werde .... [ELT ' 815 Zur Frage der Erneuerung des russischamerikanischen Handelsvertrages Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Sasonow überreichte dieser Tage dem amerikanischen Botschafter die Meinungsäußerung der russischen Regierung betreffs der Erneuerung des im vorigen Jahre gekündigten russisch-amerikanischen Handelsvertrages. In dem Schriftstück wird ausgeführt, daß es für die russische Regierung eine Sache der Unmöglichkeit sei, die Beschränkungen für die nach Rußland reisenden Juden amerikanischer Staatsangehörigkeit aufzuheben. So sehr Rußland den Vereinigten Staaten entgegenzukommen wünsche, könne es in diesem Punkte, der seine wichtigsten staatlichen Interessen berühre, keinerlei Zugeständnisse machen. Die Konstaniinopeler Gemeindekrise vor dem Abschluß? (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 29. Juni 1912. Fünf volle Monate dauert jetzt die Krise in der hiesigen Gemeinde an. Fünf volle Monate hat das Räderwerk des kommunalen Lebens stillgestanden. Endlich scheint man doch eingesehen zu haben, daß es so nicht weitergehen könne. Die Assimilationspartei, die die Krise heraufbeschworen hatte, hat sich davon überzeugen müssen, daß es unmöglich geworden ist, die nationale Strömung, die nun einmal in den hiesigen jüdischen Organismus als handelnder Faktor eingedrungen ist, wieder auszuschalten. Sie hat die positiven und die kämpferischen Werte dieser Strömung würdigen und ihnen Rechnung tragen gelernt. Diese Erkenntnisse haben den Wunsch bei ihr zur Reife gebracht, zu einem endlichen Frieden zu kommen, und diesem Wunsche ist deutlich genug geeigneter Ausdruck gegeben worden. Unsere Nationalen auf der anderen Seite haben niemals Veranlassung genommen, den Kampf um des Kampfes willen zu führen und zu unterhalten. Er war ihnen durch reaktionäre Bestrebungen der Gegenpartei aufgedrungen worden; sie haben ihn mit Entschlossenheit durchgeführt und ehrenvoll bestanden. Nichts aber hält sie nun davon zurück, in dem Augenblick, da die Gegner eine Einkehr zum Frieden und zu aufrichtiger Verständigung unter Achtung beider Standpunkte und Wahrung der Interessen beider Parteien beweisen, auch ihrerseits in den Waffenstillstand einzutreten und damit der schwergeprüften Gemeinde eine Entwirrung und Heilung ihrer traurigen Verhältnisse zu erleichtern. Voraussetzung für den endlichen Erfolg ist natürlich restlose Aufrichtigkeit. Man wird sehr bald wissen, ob diese tatsächlich auch auf der Seite vorhanden ist, die es schon allzuoft hat daran fehlen lassen. Die Nationalen sind jedenfalls scharf auf der Hut; bei dem ersten Zeichen einer versuchten Umgehung der gemeinsam verabredeten Resultate der Verständigung sind sie bereit, ihre erprobten Waffen wieder aufzunehmen. Es steht aber doch zu hoffen, daß das diesmal nicht nötig werden wird. Wenn der Friede wirklich zustande kommt, so gebührt das Hauptverdienst daran der Konstantinopeler Loge „Bene Berith". Sie hat sich im allerkritischsten Moment vermittelnd zwischen die beiden kämpfenden Parteien geworfen, und durch eine Serie äußerst schwieriger, dorniger Versuche hindurch den schließlichen Erfolg herbeigerungen. Es ist wohl erinnerlich, daß schon vor zwei Monaten etwa durch das Verdienst der Loge ein relativer Preßfriede hergestellt worden war, der zwar von einem genugsam berüchtigten Assimilantenblatte hie und da gewissenlos durchbrochen, im allgemeinen