Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316541--56192-3350062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 oder national wertvoll halten, aber ich sehe keine Notwendigkeit, sie a priori in Grund und Boden zu verurteilen und zugleich immer wieder die ganze Ito totzusagen und totzuschlagen, zumal sie doch tatsächlich lebt und ihr Lebensrecht zuletzt von der Geschichte und nicht von Tagesjournalen entschieden werden wird. Ich persönlich gehe ja noch wesentlich weiter; denn ich gehöre zu den Unverbesserlichen, die den Zionismus für kein Parteidogma ansehen, und sich deshalb die Freiheit wahren, Bestrebungen, wie die itoistischen, für nützlich, ja für notwendig und eine Mitarbeit selbst von Zionisten daran nicht für verbrecherisch zu halten. Aber ich weiß auch, daß man für einen Sonderling gilt, wenn man heute in unseren Kreisen derartige Ansichten vertritt, und bin weit entfernt, solche Umsturzgedanken bei uns etwa propagieren zu wollen. Ja, ich habe mich in schmerzlicher Resignation allmählich zu der versöhnlichen Auffassung durchgearbeitet, daß die schroffe Abweisung des Territorialismus seinerzeit möglicherweise eine Notwendigkeit für die innere Sicherung des Zionismus war und als solche vielleicht vor dem Richterstuhl der Geschichte einst Entschuldigung finden wird. Aber eben weil der VII. Kongreß die Demarkation gegen alles Territorialistische so scharf und definitiv gezogen hat, darum sollte es uns nicht irritieren, wenn außerhalb des Zionismus diese Dinge weiterbetrieben wrerden. Mißlingen sie, so ist nichts an Werten, die das Judentum vorher besessen hätte, preisgegeben. Gelingen sie, so wird im ungünstigsten l alle Tausenden von leidenden Brüdern eine neue Zuflucht < röffnet, im günstigsten Falle aber eine Massenansiedlung nit wertvollen politischen und kulturellen Imponderabilien eschaffen. Wohin und wie im einzelnen sich die Dinge entwickeln, das können die Zionisten, die von alledem nichts issen wollen, gewiß den itoistischen Politikern überlassen, enen eine Reihe sehr ernster Leute zur Seite steht. Man ermeide auch den Schein, aus bloßer Eifersüchtelei ihre reise zu stören! Man lasse auch endlich von den systema- ischen Entstellungen aller Absichten und Versuche der Ito. Ich muß es mir versagen, hier alle bezüglichen Irrtümer richtig zu stellen. Nur mit Bezug auf den vorwöchigen Artikel dieses Blattes sei noch bemerkt: Es heißt der Wahrheit ins Gesicht schlagen, wenn da behauptet wird, die Ito-Leitung erkläre alle ihre jeweiligen Projekte kritiklos für ausgezeichnet. Gerade die Eröffnungsrede, die Zangwill bei der jüngsten Ito- Konferenz in Wien hielt, bietet eine überaus kritische Zusammenstellung aller bisher von der Ito bearbeiteten und — verworfenen Landprojekte. Posen, 30. Juni 1912. Dr. Jeremias. Wir bringen die Zuschrift unseres bewährten Gesinnungsienossen gern zur Kenntnis unserer Leser, obgleich wir seine .Meinung in keinem Punkte teilen können. Daß Zangwill persönlich das Beste will, ist von niemandem bestritten worden, aber seine Ideen, die nicht nur in zionistischen Blättern, sondern fast ohne Ausnahme in der gesamten jüdischen Presse abgelehnt werden, rechtfertigen jede Form der Kritik, „vom überlegenen Spott bis zum wütenden Hohn". Wenn wir die Ito bekämpfen, so geschieht dies nicht aus ^Eifersüchtelei" — worauf sollten wir wohl eifersüchtig sein? — sondern in dem Bewußtsein, daß wir die jüdische Volkssache gegen Kurpfuscherei und dilettantische Spielerei schützen müssen. Würde die Ito sich darauf beschränken, eine Anzahl Juden nach Galveston zu transportieren oder irgendwo anzusiedeln, so würden wir kein Wort darüber verlieren, obwohl das wiederum nur philanthropische Kraftverschwendung wäre. Wir „bekämpfen" ja auch nicht die recht erfolglosen Versuche, 813 Juden in Deutschland zu Ackerbauern auszubilden. Wir sagen nur, daß derartige Versuche zur Lösung der Judenfragc und zur nationalen Wiedergeburt so gut wie gar nichts beitragen, und daß die dafür aufgewendeten Mittel, wenn sie für zionistische Zwecke zur Verfügung gestellt würden, unvergleichlich rationeller — im Sinne der nationalen Wiedergeburt — wirken würden. Die Ito aber erhebt den Anspruch, die politische Formel zur Lösung der Judenfrage gefunden zu haben. Sie spricht mit einer verwegenen Nichtachtung vom Zionismus, sie reklamiert sogar den Namen Herzls zur Verteidigung ihrer „Ziele" und propagiert, unbekümmert um die Resultatlosigkeit aller ihrer Bemühungen, das Prinzip des „Territorialismus4', das wir vom zionistischen Standpunkt für falsch halten. Deshalb werden wir die Ito — nicht bekämpfen (denn sie tut nichts) — wohl aber kritisieren, so oft sie mit ihren prahlerischen Proklamationen an die Oeffentlichkeit tritt. Nichts liegt der Leitung unserer Organisation ferner, als Ketzerrichterei. Wenn also ein Zionist der Ueberzeugung lebt, man könne gleichzeitig die Prinzipien des Zionismus und die Prinzipien der Ito vertreten, so mag er dies mit sich selbst abmachen. Unsere Organisation als solche aber kennt nur eine Theorie der Judenfrage, und diese ist mit dem Territorialismus unvereinbar. Was die „nüchternen Finanzmänner" und „kühl wägenden Diplomaten" betrifft, so wundern wir uns sehr über die hohe Meinung, die Herr Dr. Jeremias dem Urteil dieser in jüdischen Dingen völlig unwissenden und sehr wenig interessierten „Nota b e 1 n " entgegenbringt. Diese Art der Beweisführung dürfte allen Schülern Herzls neu sein. Von unserem voi wöchentlichen Leitartikel sagt Herr Dr. Jeremias, die Behauptung, die Ito erkläre alle ihre Projekte für ausgezeichnet, „schlage der Wahrheit ins Gesicht". Beweis: Zangwill habe auf der Ito-Konferenz eine „überaus kritische Zusammenstellung' aller bisher von der Ito bearbeiteten und — verworfenen Landprojekte" geboten. Wir haben in unserem Leitartikel gesagt: „territorialistische Projekte sind immer gut" — und das heißt selbstverständlich, daß man vom territorialistischen Standpunkt schließlich jedes Projekt, das sich nur irgendwie in Betracht ziehen läßt (Fiebersümpfe und Sandwüsten natürlich ausgenommen) empfehlen könne. Und in der Tat besteht in jedem Lande, das die Ito bisher in den Kreis ihrer Betrachtung zog, die Möglichkeit, eine Anzahl Juden anzusiedeln. Die ironische Wendung „territorialistische Projekte sind immer gut"' sollte nur das Prinzip der Ländersucherei charakterisieren, vor dem schließlich jedes subtropische Kolonialland mehr oder weniger bestehen kann. Dieses Prinzip, das sich nicht in die Wirklichkeit überführen läßt, das aber mit der größten Anmaßung als alleinige Wahrheit von seinen Anhängern verkündet wird, müssen wir bekämpfen, damit die Oeffentlichkeit nicht irregeführt wird und damit die Zionisten sich der Grundzüge jüdischnationaler Politik immer deutlicher bewußt werden. Die dritte Reichsduma (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Nach fünf Jahren treuer „Arbeit" im Dienste der Reaktion, hat die dritte Reichsduma das Zeitliche gesegnet, und man fühlt sich gedrängt, das Fazit ihrer Leistungen zu ziehen. Wohlwollende Parteigänger der Dumamehrheit rechnen es der dritten Duma als besonderes „historisches Verdienst" an, daß sie das erste russische Parlament gewesen, das eines natürlichen Todes gestorben ist. Die Duma habe sich durch die