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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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810 DIE^ELT Nr. 2 ■ f□□□□□□ WELTCHRONIK o ^^n: □□□□□□HO J) o Die Wiener politische Konferenz (Eigener Bericht.) An der Wiener politischen Konferenz nahmen 59 Delegierte teil. Die Bukowina war durch Abg. Dr. Strauch er vertreten. Das galizische zionistische Zentralkomitee begrüßte die Tagung in einem Telegramme, in welchem der Hoffnung Ausdruck gegeben wird, daß sich nunmehr eine Form werde finden lassen „für inniges Zusammengehen beider Organisationen im gemeinschaftlichen Kampfe gegen gemeinschaftliche Feinde'Die Konferenz war nicht genügend beschickt. Gleichwohl hat sie fruchtbare Arbeit geleistet. Es wurde eine Organisationsform geschaffen, welche die Wirksamkeit des jüdischen Nationalvereins für Oesterreich auf breite Basis stellt, und die Abhaltung eines gesamtösterreichischen jüdisch-politischen Parteitages in allernächster Zeit gesichert. Nachstehend der Bericht über den Verlauf: In seiner Begrüßungsrede betonte Dr. Ehrlich als Obmann des jüdischen Nationalvereins für Oesterreich, daß die Einberufung der Konferenz im Auftrag des Brünner Zionistentages erfolgte, und zwar mit dem Wunsche, die Wege zur Reichsorganisation zu suchen. Es soll ihr jedes demonstrative Gepränge fernbleiben. Freilich muß die Tagung ein Rumpf-Parlament bleiben, solange Galizien nicht vertreten ist. Ein jüdisches galizisches Sonderinteresse kann von Zionisten nicht anerkannt werden, weshalb man sich gegen den heutigen illegalen Zustand der Zweiteilung verwahren muß. Er wiederholt und erläutert die Tagesordnung. Nach Wahl des Präsidiums erstattet Gg. Dr. Kadisch sein Referat über: Die Lage der Juden in Oesterreich und ihr Verhältnis zu den übrigen Nationalitäten. Er gibt zunächst einen historischen Rückblick über die Entwicklung Oesterreichs in den letzten Jahrzehnten. Es ist aus einer Vormacht des Deutschen Reiches der größte Balkanstaat geworden: Insbesondere seit der Okkupation Bosniens ist in diesem Völkerstaate die Hegemonie des deutschen Volkes über die nichtdeutsche Reichsmajorität ausgeschlossen, und ist in Zisleithanien seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts begraben. Der Ausgleich zwischen den Nationen unseres Vaterlandes muß kommen und wird an deni kleinen Grenzflüßchen der Leitha nicht Halt machen. Während der bisherigen Stadien dieser großartigen Umwälzung hat sich die Majorität des jüdischen Volkes in Oesterreich unjüdisch, undemokratisch und unösterreichisch verhalten. Sie hat durch die assimilatorische Politik, durch einen erborgten, chauvinistischen Nationalismus antisemitische Strömungen gestärkt, den judenfeindlichen Boykott gefördert und bewirkt, daß keine Partei die Gleichberechtigung der Juden als Nation anerkennt, ja in der Praxis nicht einmal unsere Gleichberechtigung als Staatsbürger. Das Schicksal der österreichischen Juden hängt davon ab, ob die Umgestaltung Oesterreichs in einen Staat paritätischer Nationen m i t ihnen oder gegen sie erfolgt. Redner entwickelt aus diesen Prämissen die Notwendigkeit einer nationaljüdischen Politik und beleuchtet ihr Verhältnis zum Zionismus. Der jüdische Nationalismus darf kein Hurra-Nationalismus sein, darf sich gegen kein einzelnes Volk wenden, wohl aber muß er sich im Reichs- und Volksinteresse gegen die Chauvinisten und Antisemiten aller Völker richten. Dr. Kadisch erläutert den Begriff der nationalen Autonomie Sie wird weder die Nationalitätenfrage noch die Judenfra^ restlos lösen, aber sie ist der Weg in die Zukunft nach de mißlungenen Experimenten mit dem Zentralismus, dem dua listischen Doppelzentralismus und dem länderautonomistischcv Föderalismus. Er schildert die bereits bestehenden Ansätz in Mähren und der Bukowina und spricht der Synthese zwischei der territorialen und personellen nationalen Autonomie in Rahmen der Reichseinheit das Wort. Als Zelle der jüdische! Autonomie betrachtet er die jüdischen Kultusgemeinden, derei Ausgestaltung in Volksgemeinden mit nationalsozialen Aul gaben anzustreben ist. Die ungeheure nationalpolitische Arbeit, die wir zu leistet haben, setzt eine einheitliche jüdische Reichspolitik voraus wobei aber in organisatorischer Hinsicht d i t weiteste Autonomie w alten kann. „Wir wollen unerschütterlich festhalten an dem unzerreißbaren Bande mit unseren Volksgenossen in allen fün Weltteilen und unsere jüdischsozialen und jüdisch-demokra tischen Prinzipien in die kleinste Gemeinde des Reiches hinaus tragen." Das Referat gipfelte in folgenden Thesen: 1. Die politische und wirtschaftliche Lage der österrei chischen Juden, sowie ihre national-kulturellen und Wirtschaft liehen Bedürfnisse erheischen eine auf dem Krakauer Programme basierende jüdischnationale und jüdischsoziale, gesamt österreichische Politik und als deren oberste Voraussetzum eine einheitliche jüdisch-österreichische Reichsorganisation. 2. Der Gedanke der nationalen Organisation der östei reichischen Juden steht nicht im Gegensatz zur Anerkennun; der nationalen Einheit aller Juden der Welt, sowie zur Auer kennung des unzerreißbaren Bandes, welches das jüdisch« Volk mit seiner uralten historischen Heimat Palästina ver bindet. 3. Diese Einheit und die Bestrebungen nach einer recht lieh gesicherten Heimstätte in Palästina stehen auch in keinerk Gegensatz zur Staatsidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen von Juden bewohnten Ländern, berühren keinesweg die Rechte und Pflichten der Juden gegenüber diesen Länder und vermindern nicht das Gefühl der Anhänglichkeit, welche die Juden für sie empfinden. 4. Die jüdischnationale Politik in Oesterreich erstrebt di Erhaltung und Stärkung des Volk er Staates Oesterreich und fordert im Interesse des für das Staatswohl unerläßliche! nationalen Friedens die Schaffung einer vollen n a t i o n a 1 e n Autonomie für die einzelnen Völker und sei sich vor allem den Kampf für die Anerkennung de Juden als gleichberechtigte Nationalität zu Aufgabe. Zu diesem Behufe erstrebt sie eine Annäherung a> jene bereits bestehenden oder in Entstehung begriffenen Grup pen, welche die österreichischen Juden in ihrem Streben nac' Gleichberechtigung und Autonomie unterstützen wollen. 5. Als Zelle der jüdischen Autonomie betrachten wir di Kultusgemeinden, deren Ausgestaltung zu Volksgemeinden \vi anstreben. 6. Die jüdisch-nationale Politik ist keine national-chauvi nistische, sondern eine modern-demokratische und national soziale Politik, sie erstrebt daher den Ausbau unserer gesamten Gesetze und staatlichen Einrichtungen im fortschrittlicher Sinne und fordert insbesondere eine großzügige wirtschaftliche Wohlfahrtsgesetzgebung im Sinne der in unserem Kra kauer Programm festgelegten Grundsätze.

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