Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316541--56188-3350058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 27 DIE^ gewiß angenommen, doch war mir dies wegen privater Verhältnisse, die mich nach meiner Heimat zurückriefen, vorderhand unmöglich. Vor 'meiner Abreise hatte ich noch Gelegenheit, Dr. Herzl zu sehen und ihn in tausendköpfigen Versammlungen sprechen zu hören. Er sprach von der großen Mission des Zionismus und begeisterte durch die Bilder der jüdischen Zukunft in Palästina. Aus seiner Stimme zitterte der heilige Glaube und die tiefe Ueberzeugung iiervor — die Ueberzeugung, daß das jüdische Volk mit seiner uralten Tradition, seinem angeborenen Adel, -einen geistigen Fähigkeiten und seiner Religion befähigt ist, Großes zu vollbringen und im Rate der Völker selbstbewußt mitzuwirken. Es war still in diesen wimmelnden Menschenmengen, alle Augen hingen an Jena großen Redner, der in solchen Stunden tatsächlich inem Propheten glich — und waren es nicht prophetische Worte, die er sprach? . . . Kurz nachher wurden in Wien zwei Frauenvereine gegründet, einer von Frau Sidonie Kahn, einer bekannten Persönlichkeit in Wien, der zweite ein Mädchenerein unter dem Namen „Hadassa". Lose Erinnerungen. Aus dem Schoß der Vergangenheit steigen vor ueinem geistigen Auge Erinnerungen auf, die mir Herzls Bildnis wundersam verklären. Einige seien hier mitgeteilt. Zum zweiten Kongreß sandte ich an Dr. Herzl nach isel ein Gratulationstelegramm. Als ihm dann meine >chter in Wien bei seinen Verwandten begegnete, überib er ihr für mich einen Gruß mit folgenden Worten: irüßen Sie von mir Ihre Frau Mutter und sagen Sie r, daß sie es nicht vergessen darf, eine von den ersten auen gewesen zu sein, die sich dem Zionismus so innig anschlössen." Eines Dienstags kam ich wegen sehr schlechten Wetters ziemlich spät in den Klub. In einen russischen Pelz eingehüllt, am Arm meiner Begleiterin, scheute ich cdoch nicht den umständlichen Weg über die Augartenrücke, da es sich doch darum handelte, unserer Klubitzung beizuwohnen. Am Ziel angelangt, bemerkte ich inen Wagen, in dem Dr. Herzl davonfuhr. „Der Doktor var auch hier," sagte ich zu meiner Begleiterin. Dr. < Ierzl hörte meine Stimme, sprang aus dem Wagen nd begrüßte mich lebhaft bewegt. „Es ist rührend," agte er, „welch ein Interesse Sie unserer Bewegung ntgegenbringen. Bei solchem Wetter kommen Sie her!" ir begleitete mich bis zur Treppe, wo wir uns verabschiedeten. Unvergeßlich bleibt mir ein Makkabäerfest in Uonachers Festsälen. Unser großer Führer wurde mit ingeheurem Jubel gefeiert. Die Hoffnung und das Vertrauen auf das Gedeihen unserer Bestrebungen äußerte >ich in extatischer Begeisterung. Es sprachen viele der ELT — 809 angesehensten Zionisten und versicherten der heiligen Sache Treue. Nach einiger Zeit war ich mit meiner Tochter bei einem Konzertabend eines zionistischen Vereins. Dr. Herzl war auch zugegen. Nach dem Konzert speisten wir zusammen mit ihm in größerer Gesellschaft. Es versteht sich von selbst, daß er die Seele der Tischgesellschaft war, der Mittelpunkt, von dem eine besondere Weihe ausging. Man sprach dies und jenes über den Zionismus. Herzl kam immer wieder darauf zurück, daß diese Bewegung dazu berufen sei, die Judenfrage in Europa, wenn nicht vollständig, so doch zu einem guten Teile zu lösen, die Not unserer Glaubensbrüder im Osten und in Galizien zu lindern. Wer könnte denn — sagte er in unserer stürmischen Zeit, in der Epoche der geradezu unglaublichen technischen Errungenschaften auf ailen Gebieten unseres Lebens, die Schicksale der Völker bestimmen? . . . Unsere Aufgabe ist es lediglich, das möglichste für das Gedeihen unserer heiligen Sache zu tun. — Dieser Abend war der vorletzte, an dem ich Dr. Herzl gesehen habe. — Einige Zeit darauf wurde eine zionistische Versammlung angekündigt, mit Dr. Herzl als Hauptredner. Ich äußerte den Wunsch, die Versammlung zu besuchen, zum Teil auch deswegen, weil es dort, wie ich hörte, zu stürmischen Szenen kommen sollte. Die Sozialdemokraten sollten sich nämlich diesmal einfinden. Ingenieur Seidener nahm mich unter seinen Schutz. Angekommen, setzten wir uns mit einigen Bekannten an einen Tisch in der Nähe der Tribüne, wo das Präsidium mit Dr. Herzl an der Spitze Platz fand. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Herzl ergriff das Wort und fesselte aufs neue durch seine wuchtigen Argumente, die in der Behauptung gipfelten, der Zionismus sei eine geschichtliche Notwendigkeit, und deshalb könne und werde er gedeihen. In der Stille, die in dem großen Saale herrschte, hob sich nur Dr. Herzls sonore Stimme n achdrucks voll ab. — Auf einmal ließen sich von der Eingangstür her mehrere laute Stimmen vernehmen. Alles wendete die Köpfe nach jener Richtung, und bald erhob sich der übliche Lärm: man begann von den Tischen aufzustehen und sich nach vorwärts und rückwärts zu drängen. Die Eindringlinge — Sozialdemokraten — schoben sich indessen immer näher an den Präsidialtisch und wollten um jeden Preis die Versammlung sprengen. Hinten an der Eingangstüre kam es schon zum Handgemenge . . . Dr. Herzl blieb die ganze Zeit vollkommen ruhig. Er sprach mit den Leuten, ohne die mindeste Aufregung zu zeigen. Der Verlauf dieses ganzen Auftrittes, seine Ursache und Bedeutung blieben mir vollständig unbegreiflich. Herr Seidener und andere rieten mir, auf jeden Fall fortzugehen; man brachte mich durch eine Seitentür auf die Straße, und ich ging nach Hause. Das war das 1 e t z t e m a 1, wo es mir gegeben war, Theodor Herzl von Angesicht zu Angesicht zu schauen...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.