Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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808 DIESqEELT; Nr. 27 aufblühenden Zionismus, von dem unsere Seelen überströmten, bot uns reichlichen Stoff und nahm mehr Zeit in Anspruch, als ein erster Besuch eigentlich erforderte . . . Die ethische Bedeutung der zionistischen Idee stand mir jetzt klar vor Augen — der Schöpfer des „Judenstaates" erschien mir wie ein Prophet in leuchtender Glorie . . . In dem Maße, wie seine prophetischen Worte in Erfüllung gingen, wie der Zionismus sich entwickelte und an Anhängern gewann, wuchs die große Hoffnung und Zuversicht: die Tätigkeit des Führers nahm an Größe und Erhabenheit in seinen eigenen und aller Welt Augen zu. Die ungewöhnlich rasche Entwicklung der Idee erhob deren Schöpfer über das Niveau des Alltags in die Sphären der Hellseherei. Es durchbebte ihn der Gedanke einer hohen Bestimmung, die stärker ist, als der Mensch und sein Wille . /. Und dieser Gedanke schärfte seine Sinne und gewährte ihm einen tiefen Einblick in alP die verborgenen Schluchten des jüdischen Lebens. Nachdem er einmal erkannt hatte, daß die richtige Zeit zum Handeln gekommen sei, steuerte er gigantischen Schrittes dem vorschwebenden Ziele zu, in heiligster Uebcrzeugung von der Gerechtigkeit seiner Sache . . . Und er erreichte, ohne auf die Unmenge Feindseligkeiten von rechts und links zu reagieren, erreichte stolz und schweigend Resultate, von welchen die Chowewe-Zion nicht einmal träumen konnten: Es kam der erste B a s 1 e r Kongreß! Die russische Uebersetzung. Ich fahre in meinen Erinnerungen fort. Am selben Abend kamen meine Bekannten und wir gingen an die Uebersetzung des „Judenstaates" ins Russische. Beim Titel „Der Judenstaat" blieben wir stehen: es wurde von manchem der Anwesenden die Befürchtung ausgesprochen, daß es unmöglich sein würde, in Rußland ein Buch unter einem solchen Titel erscheinen zu lassen. Ich schrieb sofort an meine Tochter Zinaida, sie möchte sich bei der Zensur darüber erkundigen, und bekam eine günstige Antwort. Die Arbeit wurde in den folgenden Tagen eifrig betrieben. Mir aber brannte der Boden unter den Füßen. Ich spornte meine Uebersetzer unaufhörlich an. Dabei war ich so freudig bewegt, es war mir so mutig und leicht ums Herz, als wären mir zwanzig Jahre von den Schultern ' gefallen . . . Meine Tochter B. schrieb an die Geschwister in Petersburg: über Mama sind Geister gekommen, so daß sie nicht zu erkennen ist! Meine Sorgen trug ich in jener Zeit leichter als sonst, und auch manch freudigen Zukunftsgedaoken übertönte die Erinnerung an den Judenstaat. „Es liegt doch etwas Göttliches in der Erfüllung dieses Ideals!" rief ich oft entzückt aus, und betete inbrünstig zu Gott, daß das sehnlichst Erhoffte bald in Erfüllung gehen möchte, auf daß wir es in unseren alten Tagen miterlebten! Die nötige Arbeit vernachlässigte ich jedoch nicht. Meine Tochter Zinaida ersuchte ich, den ins Russische übersetzten „Judenstaat" bei Stasulewitsch *) in Peters- *) Dein Herausgeber der Monatsschrift „W e s t n i k E u r o p i" (Europäische Nachrichten). bürg erscheinen zu lassen. Ich schrieb ihr, daß der Tag, an dem das Buch in Rußland erscheine, einer der schönsten meines Lebens sein würde. Auch dieser Tag ist gekommen . . . Ich erhielt 30 Exemplare, wovon ich 10 an Dr. Herzl sandte und die übrigen an die Uebersetzer verteilte — und zwar an Ingenieur Seidener, Herrn Kliaczko, Brauner, Fräulein Eliasberg, meine Tochter Bella und Herrn Ingenieur Kremenezky, der sich zusammen mit Kliaczko, Seidener und mir an den Herstellungskosten beteiligte. Wir brachten 200 Rubel auf, jeder 50 Rubel. Die Broschüre wurde auf meine Anordnung in viele Städte und Provinzen Rußlands versandt; für Omsk, Tomsk und andere Städte in Sibirien gab ich selber zahlreiche Adressen von Juden und jüdischen Soldaten an. Ich war Ehrenvorsitzende bei der Uebersetzung und Schatzmeisterin bei dem ganzen Unternehmen. Der erste Verein in Wien. Mehrere Monate waren seit dem Erscheinen des „Judenstaates" verflossen. Sein Einfluß begann in der jüdischen Oeffentlichkeit sich deutlich bemerkbar zu machen. Mit jedem Tage vermehrten sich die Anhänger der Bewegung. Die Strömung drang endlich auch in die Kreise der Wiener Judenheit ein. Hier riß sie vor allem die jüdischen Studenten der Universität mit in den Strudel. Bald machte sich das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Zusammenkunftsorte geltend. In der Rembrandstraße Nr. 15, jenseits der Augartenbrücke, wurde ein Lokal eingerichtet. Jeden Dienstag kam man dort zusammen. Die hohe Idee des Zionismus war für einen großen Teil der verwaisten jüdischen Jugend zu einem erwärmenden, leuchtenden Strahl in der dunklen Oede ihres unerquicklichen Lebens geworden. Von der altjüdischen Lebensweise hatte sich diese Jugend mehr und mehr entfernt, in die nichtjüdische Gesellschaft hatte sie aber keinen Eintritt gefunden. Von allen Seiten sah sie sich abgesperrt und aus allen Kreisen ausgeschlossen. Und für manchen, der europäische Bildung und Erziehung in sich bereits tief aufgenommen hatte, ward der Zionismus zur Richtschnur, zum Kompaß auf dem stürmischen Lebensozean des chaotischen fin de siecle, wo die Fackel des Zwistes nicht nur unter Völkern und Nationen verheerenden Brand stiftete, sondern auch die Grundpfeiler der jüdischen Familie in bedrohliches Wanken brachte. In dieser beklagenswerten, finsteren Zeit des üppig aufschießenden Antisemitismus zeigte der Zionismus unseren braven jungen Juden ein sicheres Ufer für ihr sturmgepeitschtes Lebensschiff. Dr. Herzl war fast jeden Dienstag im Klub anwesend. Er beteiligte sich an den Debatten und mußte oft im Anschluß an die Ausführungen der Referenten manche Frage erörtern. Seine Anwesenheit verlieh der Versammlung eine Weihe, in der die Anwesenden sich wahrhaft verbrüdert nahefühlten. Ich versäumte natürlich niemals, Dienstags im Klub zu erscheinen: mein altes Herz schwelgte in Seligkeit!... Eines Abends sagten mir Dr. Herzl und Herr Birnbaum folgendes: „Es wäre gut, wenn Sie, Frau Wengeroff, den ersten zionistischen Frauenverein einrichten wollten. Ihnen liegt ja unsere Bewegung so sehr am Herzen." Ich dankte für die Proposition und hätte sie