Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Mein Besuch bei Dr. He rzl. Am nächsten Morgen traf ich nicht ohne Aufregung meine Anstalten, und als ich mich nahe am Ziel befand, schlug mir das Herz heftig. Nun zog ich die Klingel, ein Mädchen öffnete und nahm meine Visitenkarte. Nach wenigen Minuten geleitete sie mich ins Arbeitszimmer, wo sich Dr. Herzl von seinem Schreibtisch erhob und mir entgegenkam. Ich war Von seiner majestätischen Figur und Haltung, von dem Selbstbewußtsein und Adel seiner Bewegungen, von seiner hohen, blassen Stirn wie bezaubert . . . Die Fältehen zwischen den großen, schwarzen, melancholischen Augen mit ihrem fesselnd milden Ausdruck sprachen von einer rastlosen Gedankenfülle und gaben dem jungen Gesicht ein ungewöhnlich ernstes Aussehen . . . Dr. Herz! bat mich, Platz zu nehmen. Wir setzten uns in zwei weiche Armsessel, die an der Seite des Schreibtisches standen, so daß ich das ganze prachtvoll eingerichtete Zimmer überschauen konnte. Alles, was sich hier an Möbeln, Bildern und dergl. befand, war im besten Sinne des Wortes modern, stilvoll, und zeugte von dem erlesenen Geschmack des Besitzers. Die zahlreichen Bücher in den Glasschränken und auf den Regalen, die offenen Regale auf dem Schreibtisch und auf den kleinen Tischchen ringsherum erzählten deutlich genug, daß der Bewohner dieses Raumes nicht träumte . . . sondern arbeitete! . . . Wir nahmen Platz, und nach der üblichen Begrüßung einerseits erklärte ich ihm den Grund meines Besuches, ch äußerte meine freudige Erregung über die Heraus-;abe seines Werkes, erzählte, welchen Eindruck es auf nich gemacht und versicherte, daß es in Rußland gewiß roßes Aufsehen hervorrufen würde. Ich sei entschlossen sagte ich — das Werk ins Russische zu übertragen, in Petersburg herauszugeben, und bat, er 'möge mir die Bewilligung dazu erteilen. ,,Mit Vergnügen!" war seine Antwort. — „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, für Ihre n uten Worte über mein Werk. Es ist für mich von großem Interesse, diese Meinung von einer Frau zu hören." Er teilte mir darauf mit, daß der „Judenstaat" bereits in fünf Sprachen übersetzt sei und bat mich, von der russischen Ausgabe, wenn sie erscheine, ihm zehn Exemplare zuzusenden, was ich natürlich versprach. Nach diesem sachlichen, gleichsam offiziellen Gespräch wandte sich Dr. Herzl an mich mit der Bitte: ,Erzählen Sie mir, gnädige Frau, von unseren Stammes- ^enossen in dem Niederlassungsgebiete; ich habe bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, mit ihnen näher in Berührung zu kommen." Ich erzählte alles, was ich wußte. Unter anderem, wie ungemein fähig und wißbegierig unsere Brüder in Rußland sind, fast ohne Ausnahme, die Armen und die Reichen. In erster Linie natürlich die Jugend! „Der offene Kopf", die angeborene Intelligenz unserer Jungen ist ja geradezu sprichwörtlich geworden. Und wer, wie ich, Gelegenheit gehabt hat, jüdische Lehr- und Gewerbeschulen kennen zu lernen, weiß auch um den unermüdlichen Fleiß unserer jungen Generation, um ihr ehrliches Ringen und Streben nach wahrem Menschenwert! Dabei darf nicht vergessen werden, welch kleine, ja minimale Forderungen diese Jugend in jeder Beziehung an das Leben stellt: ein Stück Brot mit einem Bissen Hering um 1 Kopeke, oder einem Brocken Käse, oder drei Löffel gesottener Erbsen erhebt den Anspruch, Mittagmahl zu heißen . . . Und der 16jährige Jüngling oder ein Mädchen in diesem Alter geht frisch und mutig wieder an die Arbeit! Der geistige Kern des Volkes — sagte ich sei, ungeachtet des Druckes, unter welchem es lebt, stark und gesund geblieben. Mit seinen geistigen Fähigkeiten, mit seiner Nüchternheit und Zähigkeit, mit seinem Streben könnte unser Volk unter günstigen Verhältnissen zur höchsten Blüte gelangen. Wenn es gelingen würde, — so schloß ich — in irgendeinem Weltteil einen Winkel zu finden, wo der Jude in Freiheit, ohne gejagt, geplagt und gehetzt zu werden, leben und seine Fähigkeiten ungehemmt entfalten könnte, würde er in kurzer Zeit der Welt zeigen, daß er trotz des grauen Alters seines Volkes und seiner Rasse noch jung ist, jung und kräftig! . . . Dr. Herzl hörte mit wachsendem Interesse zu, und als ich endigte, drückte er mir die Hand. „Sie haben mich, gnädige Frau, zu großem Dank verpflichtet. So ungefähr habe ich mir alles instinktiv vorgestellt . . . Nun glaube ich," sagte er weiter, „mit meinem Buche meine Aufgabe als Architekt erfüllt zu haben. Jetzt ist es Sache der Baumeister und der Bauleute, das Gebäude aufzuführen." Worauf ich erwiderte: „Meiner Ansicht nach fängt Ihre Aufgabe, Herr Doktor, erst jetzt an. Niemand kann, wie Sie, die weitere Arbeit leiten und Ihren großen Gedanken verwirklichen." Ich bin der Ansicht, daß Dr. Herzl beim Niederschreiben seines „Judenstaates" von der Chowewe-Zion- Gesellschaft mit allen vorhergegangenen Bestrebungen des vorigen Jahrhunderts und vornehmlich von Dr. Pinskers Broschüre: „Autoemanzipation" nichts wußte. Diese Meinung wurde auch von anderer Seite ausgesprochen. Erst als die zionistische Bewegung sich in Wien stark zu entwickeln begann, waren es Dr. S c h n i r e r und Dr. Kokesch, die zu Herzl kamen und ihm manches von der chowewe-zionistischen Bewegung berichteten. Ebenso fremd war diese Bewegung der Masse unseres Volkes. Das Gros der Judenheit, sowohl in Rußland als auch im Ausland, wußte ebensowenig von Pinsker und den früheren Vertretern der Autoemanzipationsidee, wie von den Zusammenkünften in Drusgeniki und Kattowitz. Nur die oberen Zehntausend haben Dr. Pinskers Aufsatz gelesen. Und es konnte ja auch nicht anders sein: denn wiewohl Dr. Pinsker aus allen Kräften für die zionistische Idee tätig war, öffentlich auftreten durfte er nicht . Seine Arbeit mußte sich auf geschlossene Kreise beschränken, so daß das Proletariat, die Masse, bis zum Erscheinen des „Judenstaates" der zionistischen Idee fernstand. Zu derselben Zeit wurde Herzl in einem freien Lande geboren und erzogen, wurde in jungen Jahren mit dem Parlamentswesen auf das innigste vertraut, gewöhnte sich als bedeutender Schriftsteller ans öffentliche Auftreten und lernte das Wesen der Organisation immer mehr begreifen und schätzen. Dies alles trug zur Entstehung des „Judenstaates" wesentlich bei. Wir schieden voneinander wie Verwandte, Seelenverwandte . . . Das war an einem Sonntag, den 9. August. Vor dem Ersten Kongreß. Unter dem Eindruck von Herzls Persönlichkeit und seinen Worten verlebte ich den folgenden Tag. Dienstag, um 4 Uhr nachmittags, erschien Dr. Herzl zum Gegenbesuch. Meinen willkommenen Gast zu unterhalten, fiel mir nicht schwer. Das interessante Thema vom