Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316541--56185-3350055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
806 DIE3^I ELT: Nr. 27 Müssen wir wegen der Herzl-Biographie auch auf den Mann warten, der dafür geboren ist, so besteht doch eine Möglichkeit, ihr vorzuarbeiten und einen gewissen Ersatz für sie zu schaffen. Es handelt sich nämlich darum*, daß die Männer, die Her/1 im Leben nahegestanden haben, ihre Erinnerungen an ihn aufzeichnen. Eine Fülle charakteristischer Anekdoten und Aeußerungen von Herzl werden mündlich überliefert; jeder, der den Umgang mit Herzl zu würdigen verstand, weiß solche zu berichten, und wer einmal einen von diesen Männern erzählen hörte, gewann sofort eine unvergleichlich lebendige Vorstellung davon, wie Herzls Persönlichkeit gewirkt haben muß. Es besteht die Gefahr, daß diese Ueberlieferung verloren geht, wenn sie nicht schriftlich fixiert wird. Wenn sie auch heute zum Glück noch sehr reichlich fließt, so darf man doch nicht übersehen, daß schon mancher von denen, die am meisten hätten erzählen können, Herzl ins Grab gefolgt ist. So im letzten Jahre z. B. M andelstam m, der gewiß höchst wertvolle zionistische Erinnerungen hätte schreiben können. (Daß er es getan hätte, ist niqht bekannt.) Es kann sich bei diesen Aufzeichnungen, au die hier gedacht ist, niqht um literarische Meisterwerke oder um künstlerisch abgerundete Memoiren handeln. Es kommt zunächst nur darauf an, daß uns einfaqh die Tatsachen erhalten bleiben. Wir hören dankbar jedem zu, der uns von Herzl erzählt, mag es sich im einzelnen um mehr oder weniger wichtige Dinge handejn. Uns persönlich ist das eine Freude, und der Biograph oder Geschichtschreiber wird diese Materialien einmal zu würdigen wissen. Die „Welt" (oder eine andere zionistische Zeitung) ist der gegebene Platz für derartige Veröffentlichungen; wer keinen Wert darauf legt, sich gedruckt zu sahen oder wessen Aufzeichnungen aus irgendeinem Grunde nicht zur Veröffentlichung geeignet sind, der mag sein Manuskript dem Archiv des Zionistischen Zentralbureaus zur Aufbewahrung geben. Die Redaktionen der zionistischen Zeitungen und Sammelwerke sollten ständig die Produktion nach dieser Richtung anregen. Die Aufgabe, die hier gestellt wird, ist anspruchslos), aber sehr dankbar. Einmal ist es wichtig, der jun'gen Generation, die herangewachsen ist und Herzl nicht mehr gekannt und dive ersten Zeiten des Zionismus nicht miterlebt hat, davon zu erzählen. Dann aber ist es an sich schon wertvoll, die Erinnerung an Theodor Herzl ständig wachzuerhalten. Sie wird den zionistischen Parteikämpfen Schärfe und Rücksichtslosigkeit nehmen und uns nie vergessen lassen, daß wir doch alle uns ehrlich bemühen, sein Werk fortzusetzen. Erinnerunge Von Pauline Der ,J u d e n s t a a t" Meine Erinnerungen an Theodor Herzl reichen bis in die allerersten Zeiten, wo sein „Judenstaat" in Wien erschienen war. Dieses an Umfang kleine, an Inhalt und Wirkung unermeßlich große Werk hat wie ein Sturmwind, wie ein Orkan den Boden des Judentums aufgewühlt und von allen Weltenden einen Teil der Kinder des alten Volkes zusammen ge schart. Ich habe damals, im Jahre 1895, mit meiner Tochter in Wien gelebt. Dort hatten wir unter arideren Bekannten russische junge Leute kennen gelernt, die sich zum ( Ak)\\ ewe-Zionismus bekannten, und mit denen ich oft und viel über diese Bewegung sprach. Es war in jener unglückseligen Zeit, wo die Wiener jüdische Gesellschaft täglich von einer gewissen Seite (Bürgermeister Lueger) so manche Beleidigung und manche Schikane zu verzeichnen hatte, wo der Antisemitismus, das blutvergiftende Fratzenkind, auf die Beine gestellt und großgezogen wurde. Zu jener Zeit eben war es, als eines schönen Abends unser Freund, Ingenieur N. Seidener, uns besuchte. Er grüßte mich freundlich und überreichte mir eine Broschüre mit folgenden Worten: „Lesen Sie das, gnädige Frau, und Sie werden eine große Freude daran haben!" Ich las auf dem Titelblatt ,,Der Judenstaat" und blickte meinen Gast fragend an. „Judenstaat?" . .. wiederholte ich, „Wo ist der? Im Himmel oder auf Erden? ..." „Lesen Sie nur!" war seine Antwort, „ich habe es schon getan. . ." Ich überhäufte ihn indessen mit Fragen, und wir sprachen diesen Abend viel darüber. Herr Seidener nahm endlich Abschied und versprach, am nächsten Tage wiederzukommen, um nach dem Eindruck zu fragen und meine Meinung zu hören. Morgens saß ich ziemlich früh schon bei der Lektüre des Büchleins, das durch seinen Titel sowohl, als auch n an Herzl Wengeroff durch den Inhalt der ersten paar Blätter mich sogleich packte und festhielt. Mit jedem Abschnitt wuchs mein Interesse für all das, was darin geplant und gesagt war. Ich war weit über die Hälfte des Inhalts, als man mich zum Mittagessen rief. Ich erwachte wie aus einem Traume, so sehr befand ich mich unter dem Banne dieser merkwürdigen Schrift. Nachmittags setzte ich natürlich das Lesen fort, und als ich zu Ende kam, war draußen die Dämmerstunde bereits angebrochen. . . Lange blieb ich unter dem Eindruck des Gelesenen im Dunkeln nachdenklich sitzen. Schon der Gedanke allein, es wäre möglich, diesen grandiosen Plan zu verwirklichen, versetzte mich in Extase! Meine kühnen Gedanken trugen mich in jene höheren Regionen, wo für den gläubigen Menschen das Unerreichbare möglich wird. . . Das Buch sprach meine Wünsche für mein Volk aus, es sprach meine Herzenssprache! Vor allem wollte ich die Bekanntschaft des Verfassers machen. Ich wollte ihm für die erhabenen Stunden der Lektüre des „Judenstaates" meinen Dank aussprechen und ihm meine Meinung über sein Werk mitteilen. Am selben Abend versammelten sich bei uns meine Bekannten, unter ihnen Ingenieur Seidener, der über meine aufgeregte Aeußerung über den „Judenstaat" hocherfreut war. „Ist es nun so, wie ich es Ihnen geschildert habe?" — „Vielleicht noch ein wenig mehr", war meine Antwort. Mit erhobener Stimme gelobte ich meinen Gästen, daß ich nicht eher ruhen werde, bis der „Judenstaat" ins Russische übertragen, in Petersburg gedruckt und in meinem Lande verbreitet sein würde. Ich bat meine Freunde, an der Ueb ertragung, die schon morgen beginnen solle, Anteil zu nehmen, was 'mir auch 'mit Freude zugesichert wurde. Ferner teilte ich ihnen mit, daß ich am nächsten Tage Dr. Herzl einen Besuch abzustatten gesonnen sei, um für die Uebertragung seine Erlaubnis zu erlangen.