Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 t>IE3^ELT 805 die Kraft seines Erlebens rein und ungebrochen bewahrt haben, so war ihm doch die Natürlichkeit des Schaffens, der Aeußerung seiner inneren Kraft abhanden gekommen. Der Golusjude steht tiefgehenden seelischen Erregungen nicht unbefangen und hingegeben gegenüber, sondern sucht aus ererbtem Mißtrauen vor jedem nicht von der sinnlichen Erfahrung als gültig befundenen Phänomen durch das Medium des Verstandes die ihm notwendige Distanz der Betrachtung zu schaffen. Daher stammt dann die Inkongruenz zwischen Schaffen und Erleben. — Theodor Herzl wurde ein neuer Mensch, trotzdem er der alte blieb. All das, was in ihm jahrelang verborgen geschlummert hatte, erwachte jetzt. Das Neue an ihm war nicht plötzlich von außen her eingedrungen; es ruhte in seinem Innern seit seinen ersten Lebenstagen. Nicht der Dreyfus-Prozeß war es, der Herzl zum Zio- .listen gemacht hat. Das war bloß die äußere Veranlassung, welche die letzte Hülle von den Seelenkräften, die in ihm auf den Tag der Reife warteten, löste. Auch die Annahme, daß der Dreyfus-Prozeß im Leben Herzls etwas ganz Neues, noch nie Empfundenes auslöste, ist irrig. Herzl kannte den Judenschmerz bereits früher, sonst hätte er nicht schon im Jahre 1891 in einer Schilderung von Lourdes folgendes schreiben können: „Freilich nicht alle, die nach Lourdes Heilung suchen kommen, erwarten die Hilfe mit solcher Zuversichtlich- Keit. Ich stand lange und sah einem Alten zu, der die Quelle für seine kranken Augen gebrauchte. Denn dieses Wasser besitzt die gleiche Kraft gegen alle Leiden.!*r fing es mit seinem Sacktuch auf und träufelte es sich wischen die Lider. Hielt die Augen eine Weile gechlossen, dann blinzelte er, und als er sie wieder öffnete, ah er so schlecht wie zuvor. Ein paarmal versuchte er -s noch. Dann gab er es auf. Er zuckte die Achseln nd griff zitternd nach seinem Stock. Und als er weiterging, seufzte er tief und schwer. Er seufzte wie ein J u de." Wer in einer solchen lapidaren Kürze vom Judenweh sprechen kann, muß es wohl schon irgend einmal empfunden haben. — IV. Wenn jetzt hier versucht wird, den Zusammenhang zwischen dem Schriftsteller und dem Zionisten Herzl aufzufinden, so ist damit keineswegs gesagt, das Schaffen Herzls sei in beiden Lebensperioden inhaltlich gleich gewesen. Es läßt sich im Gegenteil kein tieferer Gegensatz denken. Worauf es hier aber ankommt, ist zu zeigen, daß kein Wesensunterschied besteht. In dem Nachwort zu seinem Roman „Altneuland" gibt Theodor Herzl dem Buche folgende Worte zu Geleit: „Wenn du aber zu freundlichen Lesern kommst, so grüße sie von deinem Herrn Vater. Er meint, das Träumen sei immerhin auch eine Ausfüllung der Zeit, die wir auf der Erde verbringen. Traum ist von Tat nicht so verschieden wie mancher glaubt. Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traum." Der Traum war das Wesentlichste an Herzls Erleben. Er ist als Führer eines Volkes derselbe Träumer geblieben, der er als einsamer Schriftsteller war. Nur der Inhalt seiner Träume hat sich geändert: statt Gegenwärtigem Zukünftiges. Und nur für seinen Traum von der Zukunft des jüdischen Volkes gilt das feine Wort Friedrich Hebbels: „Der Traum ist die Pforte des Werdenden zum Seienden", das eigentlich nichts anderes sagt als die oben zitierten Worte Herzls, Theodor Herzl ist in allen schaffenden Funktionen der gleiche geblieben: ob Dichter oder Politiker, Kritiker oder Diplomat, Feuilletonist oder Organisator — er blieb immer derselbe große Mensch. Die Formen, in denen er der Welt erschien, sind vergänglich, und sie werden der Vergessenheit anheimfallen; doch der Geist, der sie erfüllte, wird dauern, wird ewig leben. Materialien für eine Herzl-Biographie Eine Mahnung Von Erich Cohn Theodor Herzl ist acht Jahre tot — erst acht Jahre, und loch ist er uns schon in eine historische Perspektive gerückt. Seine Gestalt befreit sich für unser Auge immer mehr von allein, was ihr an Zeitlichem und Zufälligein anhaftete. Wenn wir heute seinen Namen nennen, so denken wir nicht mehr •i n den Politiker und Agitator, kaum noch an den Schriftsteller; es berührt uns fremdartig, ja wir meinen, daß man Herzl nicht gerecht wird, wenn er im politischen Streit für diese oder jene Meinung zitiert wird. Wir sehen ihn nur noch als den Mann, der eine neue Epoche des Judentums schuf, der dem Judentum einen neuen Inhalt gab, einen Inhalt, von dem wir alle leben. Weil sich Herzls Gestalt so groß und so frei vor uns erhebt, regt sich immer lebhafter in uns der Wunsch, es möchte sich bald der Mann finden, der uns Theodor Herzl darzustellen vermag. Das zionistischste Buch, das heute geschrieben werden könnte, wäre die Biographie Theodor Herzls. Ein Buch, so geschrieben, wie Herzl in unseren Herzen lebt, würde mit unwiderstehlicher Kraft der Ueberzeugung die ganze moralische Ueberlegenheit des Zionismus über das trostlose oder lächerliche Judentum der Assimilation zeigen. Dieses Buch müßte jeden Menschen, wie er auch zum Zionismus stehen mag, zwingen, Respekt zu haben vor unserem Judentum und vor dem Mann, der es schuf. Es scheint, daß wir dieses Buch vorläufig nicht erhalten werden. Wir können uns ja damit trösten, daß auch die Deutschen lange genug auf eine würdige Goethe-Biographie warten mußten und daß sie ihren Bismarck noch nicht haben. Es ist verständlich, daß sich niemand so leicht au diese große Aufgabe heranwagt, und man wüßte auch heute tatsächlich kaum jemanden zu nennen, von dem man Herzls Leben beschrieben sehen möchte. Was bisher über Herzl gesagt worden ist, ist wenig. Sehen wir ab von Nordaus wunderschöner Rede zur Eröffnung des VII. Kongresses, für die wir ihm immer dankbar bleiben werden, so bleibt eine Anzahl von kleinen Aufsätzen, die mit viel guter Gesinnung, aber meist geringer psychologischer Einsicht geschrieben sind, und es bleibt eine oder die andere geistreiche, aber aphoristische Betrachtung. So muß denn jeder, der für sich ein Bild von Herzl gewinnen will, es sich selber aus dem Material formen, das er an vielen Stellen zerstreut findet.