Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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804 DIE] Keyserling und aus den Büchern von Hermann Bang. Daher ist es, daß diese Dichter geliebt werden. Mit einer persönlichen, beinahe könnte man sagen* mit einer privaten Zuneigung. Mit einer Liebe, die zuversichtlich, überzeugt und unerschütterlich ist, die sich über die gelesenen Bücher hinweg an die persönliche Wesenheit des Dichters wendet, ihr anhänglich ist und ergeben." Dieses im Grunde Unsagbare, weil tief Persönliche, das uns an Schnitzlers wie an Herzls Dichtungen so eigentümlich berührt (bei Schnitzler, der ausschließlich und bis in die tiefsten Wurzeln seiner Seele Künstler ist, wirkt es naturgemäß viel stärker und deutlicher) — diese eigentümliche Wirkung ist nicht als ein Wesenselememt des Dichters gedeutet worden, sondern sie wurde dem Einflüsse der Umgebung, in der Schnitzler schafft: Wien zugeschrieben; wie ich glaube, mit Unrecht. Schon der Vergleich mit Fontane, Keyserling und insbesondere Bang, dem Heimatlosen, widerlegt diese Auffassung. Es scheint mir vielmehr, daß diese Dichter, die sonst wenig Verwandtes in ihrem Schaffen zeigen, doch etwas Gemeinsames haben, das eben jene eigenartige Wirkung erklärt. Sie sind Abkömmlinge sehr alter Geschlechter; ihr Menschentum ist darum aristokratisch-still und leuchtet klar und mild aus ihren Werken hervor. Darum auch der verträumte, wehmütige Klang in ihren Worten. Theodor Herzl war ein Adelsmensch; das machte den besonderen Zauber seines Wesens und seiner Werke aus. Diese unsere Stellungnahme zu Herzls dichterischen Schriften darf uns nicht veranlassen, ihre Bedeutung zu überschätzen. Nur einem solchen Kunstwerk kommt dauernder Wert zu, in welchem der Künstler mit seiner Person in den Hintergrund tritt und nur die Linien des allgemein-menschlichen Schicksals hervortreten. Das ist bei Herzlnicht der Fall; ihm ist es nicht wie Schnitzler und den anderen gelungen, Person und Stoff zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen; das mag vor allem an der Art seines Stoffes gelegen haben, dem Feuilleton, das eine persönliche Gestaltung erfordert. Das Persönliche des Künstlers ist wohl die Quelle seiner schöpferischen Kraft; aber ein Werk, das die Spuren seiner Herkunft und die Merkmale seiner Entstehung an der Stirne trägt, kann nie das ewige, in sich beschlossene, von aller Vergänglichkeit befreite Leben des Kunstwerkes führen. Mit dem Tode der Persönlichkeit, die es schuf, ist auch sein Untergang als Kunstwerk gegeben. Nur als Dokument dieser Persönlichkeit, deren Wesenszüge es gewissermaßen versteinert enthält, hat es dann noch Wert. Das wahre Kunstwerk, welches seinen Schöpfer überdauert, läßt diesen immer wieder in den Herzen der Menschen, die es genießen, zu neuem Leben auferstehen. Das ist seine geheimnisvolle Macht: trotz seiner Unpersönlichkeit persönlich zu wirken. Die Worte Goethes: „Und solang du dies nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde" — sie gelten insbesondere für den schaffenden Künstler. In seinem Werke muß er immer wieder sterben, seine Persönlichkeit untergehen lassen, immer wieder in seinem Werke sich zu neuem Leben erheben, um die Existenz seiner Persönlichkeit ringen; dann erst ist er kein Gast zu kurzem Aufenthalt auf der Erde mehr, sondern lebt ewig weiter. [[ELT Nr. 27 In seinen Dichtungen ist Theodor Herzls Fortleben nicht gegründet. Nicht als Künstler, sondern als Mensch hat Herzl die Worte Goethes verwirklicht. Und viel tiefer und leidvoller noch als im Künstler wühlte in ihm das Schaffens weh. III. Die Wochen, in denen sich in Herzl die Wandluno vollzog und er der Bestimmung seines Lebens inneward, das Werk erkannte, das er zu vollbringen berufen war, diese Wochen, in denen er den „Judenstaat" schrieb, sind für uns in ein undurchdringliches Geheimnis gehüllt. Es ist das Geheimnis der Schöpfung: ein neues Leben erhob sich aus dem alten. In seiner Selbstbiographie erzählt Herzl über diese Tage: „Während der letzten zwei Monate meines Aufenthaltes in Paris schrieb ich das Buch ,Der Judenstaat' Ich erinnere mich nicht, je etwas in so erhabener Ge mütsstimmung wie dieses Buch geschrieben zu haben Heine sagte, daß er die Schwingen eines Adlers übei seinem Haupte rauschen hörte, als er gewisse Verst niederschrieb. Ich glaubte auch an so etwas wie eii Rauschen über meinem Haupte, als ich dieses Bucl schrieb. Ich arbeitete an ihm täglich, bis ich ganz er schöpft war. Meine einzige Erholung am Abend be stand darin, daß ich Wagnerscher Musik zuhörte, besonders dem Tannhäuser, eine Oper, welche ich so oi^ hörte, als sie gegeben wurde. Nur an den Abenden, w< keine Oper aufgeführt wurde, fühlte ich Zweifel ai der Richtigkeit meiner Gedanken" .... „Ich hatte dann eine sehr ernste Krise durchzu machen; ich kann sie nur damit vergleichen, wenn mai einen rotglühenden Körper in kaltes Wasser wirft. Frei lieh, wenn dieser Körper zufällig Eisen ist, wird e: Stahl." Diese innere Wandlung, die Herzl damals durch machte, war so elementar und aufwühlend, daß ib. kaum etwas Aehnliches an die Seite gestellt werden kann Welcher Art ein solches Erleben ist, schildert E. G. Kol benheyer in seinem noch immer viel zu wenig ge würdigten Spinozaroman „Amor Dei". „Ueberwältigende Erlebnisse einer Vollnatur tragei das Antlitz des Traumes, sie betäuben den Kraftvollei für ihre Stunde. Ihm, der mit hundert Sinnen alles umklammerte, vvain der Bahn liegt, da seine Brust sich weitet für hundert fältiges Leid, für hundertfältige Lust, hebt sich ein nein Tag aus dem Traume, der herrlicher als der alte wa die verborgenen Knospen entfaltet und heimliche Wäss: entquillen läßt. Das Ueberwältigende erhöht den Kraftvollen wi schwellende Erdfeuer die Bergesgipfel." Aehnlich wie bei Spinoza vollzog sich auch Herzl Erleben: es entfaltete die verborgenen Knospen seine Persönlichkeit und ließ die heimlichen Wässer seine Wesens entquillen. Merkwürdig ähnlich in der Art sin auch die Werke beider Männer, die doch sonst gar kein Berührungspunkte miteinander haben: der „Judenstaat und die „Ethik". Wohin ist in diesen verstandeskalte) objektiven, formelhaften Werken die überwältigende Kra des subjektiven Erlebens geschwunden? Diese seltsam Uebereinstimmung scheint mir mehr zu sein als eii bloßer Zufall, sie scheint mir vielmehr aus der eigen tümlichen geistigen Situation des Juden hervorzugehen Mochte der Jude sich auch die Jahrhunderte hindurch