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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 27 NEBELT Theodor HerzI: der \ Von Siegmund I. Die überragende Bedeutung eines großen Menschen besteht hauptsächlich darin, daß in jedem seiner Werke, in jeder Tat, in jeder Daseinsäußerung seine besondere Wesensart zum Ausdruck kommt. Nicht der Universalismus an und für sich, die Fülle von Beziehungen zur Umwelt und die Vielseitigkeit des Erlebens und Handelns allein machen die Größe der Persönlichkeit aus. Es gab Menschen, deren Wissen viel umfassender war als das Goethes, deren Erleben vielleicht noch mehr Seiten des Daseins umschloß; niemals aber besaßen sie jenen göttlichen Blick für den Sinn jeglichen Geschehens, der alles, auch das Geringste, einzuordnen weiß in eine Welt der Einheit, niemals vermochten sie sich aus dem engen Kreise des von ihnen betrachteten Lebensgebietes hinauszuheben auf einen höheren Standpunkt, von dem aus erst die großen Gesetze des Werdens sichtbar werden, niemals standen sie den Dingen vollkommen gesichert m ihrem Wesen und ganz unabhängig von fremden Einflüssen gegenüber. Das Besondere an Goethe, das, was ihn uns so groß, so über alles Menschenmaß hinausragend erscheinen läßt, ist nicht, daß er Dichter und Gelehrter, Staatsmann und Philosoph und noch vieles andere war; las Große, das Einzige, Unvergängliche an ihm ist, laß er in allen diesen Positionen, in denen er nach aißenhin charakterisiert erschien, immer wieder derselbe Mensch mit dieser bestimmten Art zu denken, zu fühlen ind zu wollen blieb. Es ist ausschließlich die Besonderheit der schöpferischen Persönlichkeit, daß der Inhalt hres Erlebens und Schaffens unwesentlich ist3 wesentlich illein ihre Art, zu schaffen und zu erleben. Das Leben edes großen Menschen ist von einem einheitlichen, persönlichen Zuge beherrscht. Wer es versucht, in diesen Tagen, da sich wiederum Theodor Herzls Todestag jährt, Leben und \Verk des Mannes zu überblicken, der wird wrohl kaum jinen Zusammenhang finden zwischen zwei Abschnitten n Herzls Leben, die ganz offensichtlich durch eine iefe Kluft getrennt erscheinen. Früher der indifferente :uropäer ohne jede ausgesprochene Stellungnahme, der -ustspieldichter und Feuilletonist, und dann der Jude, ler den Weg zu seinem Volke und damit zu sich selbst /efunden hat, der den Sinn seines Lebens in der grenzenosen Hingabe an eine Idee sieht, und im Kampfe um liese Idee an sich selbst die erschütterndste Tragödie rieben muß — wo sollte da die Brücke sein, die von iem einen Leben in das andere führt? Allein wenn man iefer in Herzls Leben eindringt und sich bemüht, in meinen Werken die Spuren seiner Persönlichkeit zu ernennen, dann wird man doch dazu gelangen, in Herzl, lern Schriftsteller, bereits die Ansätze zu Herzl, dem Zionisten zu finden. Diese Annahme bedürfte nicht einmal der Bestätigung, da sie von vornherein als gültig Feststeht. Die Konstanz des Wesens ist das tiefste Fundament der Persönlichkeit. Ein bedeutender Mensch kann die vielfältigsten Positionen zu den Dingen einnehmen und sie mit dem besonderen Geiste seiner Wesenheit erfüllen, diese Positionen können sich auch in der Zeit verschieben und wandeln, ihr Inhalt mag sich ändern: ewig-gleich und unveränderlich bleibt aber trotzdem ihr tiefster Kern. Es ist unmöglich, im Leben Theodor Herzls einen Riß anzunehmen, ohne seine Größe zu schmälern und seinen Persönlichkeitswert herabzusetzen. Ylensch und sein Werk Katznelson, Prag IL Der schöpferische Mensch — und schöpferisch nenne ich nur den Menschen, der durch sein Werk dauernd in das Menschheitsgeschehen eingreift — steht zur Welt in einem ganz anderen Verhältnisse als die übrigen Menschen: er ist ihren Einwirkungen nicht unterworfen, er ist unabhängig von ihren Entwicklungstendenzen, er befindet sich gewissermaßen auf einem isolierten Boden. Die einzige Richtschnur seines Handelns ist sein inneres Erleben. Dieses innere Erleben, dem an Macht und Wucht und Besonderheit kein anderes gleichkommt, das die letzten Gründe der Seele aufwühlt, zwingt ihn, selbst Wege zu gehen, deren Richtung der herrschenden Entwicklung entgegengesetzt ist. Theodor Herzl, der Dichter, hat diese elementare Gewalt des inneren Erlebens nicht empfunden; das künstlerische Erlebnis, das seinen Werken zugrunde liegt, war nicht sehr tiefgehend. Darum kann Herzls dichterischem Schaffen auch nur ephemere Bedeutung zukommen. Herzl selbst hat die meisten seiner Dichtungen verworfen; waren sie doch nicht aus einem inneren, seelischen Bedürfnis hervorgegangen, aus freier Notwendigkeit geschaffen, mit Ibsen zu sprechen, sondern mehr oder weniger journalistische Tagesarbeit. Und doch ist etwas an ihnen, daß sie von allen Werken ähnlicher Art unterscheidet, etwas durchaus Persönliches, das sich nur schwer in Worte fassen läßt: jene resignierte, seltsam-traurige, traumhaft-wehmütige Stimmung, die den Leser wie mit weichen Schleiern umhüllt, die nicht so sehr im Inhaltlichen verborgen ist, als in den Worten, deren geheime Klangmusik sie ausmacht. Und man spürt, daß dieser eigenartige Zauber, der besonders Herzls Feuilletons innewohnt, des Dichters persönlichstes Eigentum ist; so verehren wir in diesen Schriften weniger den Künstler Herzl, als den Menschen. Etwas Aehnliches, wenn auch qualitativ natürlich Verschiedenes, scheint mir einem der bedeutendsten modern-jüdischen Dichter eigentümlich zu sein: A r t h u r S c h n i t z 1 e r. Felix Saiten schrieb in seinem Aufsatz über Schnitzler, der in der „Neuen Rundschau" erschien: „Von den Schreibenden sind etliche in ihrem dichterischen Vermögen nicht eben bedeutend. Aber sie haben diesen feinen, stimmlichen Klang, haben dieses tönende Atmen der Seele, und man neigt sich ihnen zu, man begegnet ihnen mit Schonung. Irgendwie werden sie von der menschlichen Kraft ihres Wesens, das aus ihren wenig kraftvollen Werken mit wortloser Beredsamkeit hervorklingt, gehoben und getragen. Gibt es dagegen nicht auch solche Dichter, die wir als groß ansprechen, die uns zu lauter Bewunderung, zu augenblicklichem Entzücken, die uns zu allem zwingen können, nur nicht zur Liebe? Irgendwie fehlt in ihren Werken die sanfte, eindringliche Stimme eines Menschen, der unser Zutrauen weckt, der zart an unsere Zärtlichkeit rührt. Irgendwie haucht da eine Kälte zu uns her, ein Freundsein, und es ist in allen ihren beredsamen, sinnvollen, prangenden Worten ein tiefes Schweigen. In der starken, kulturfeinen, reizvoll aromatischen Kunst Arthur Schnitzlers aber hört man immer den Vollklang einer schönen Menschlichkeit. Aus den Büchern Theodor Fontanes tönt solch eine Stimme von persönlichem Zauber, aus den Büchern des Grafen Eduard

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