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Die Welt · 1912-07-05 · 27 (5.7.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
27 (5.7.1912)
Date
1912-07-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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802 DIE3MELT: Nr. 27 der Jugend in nationaljüdischem Geist in all seiner Schwere empfinden, wie wir wissen, daß es nur ein Allheilmittel gibt: die Rückkehr ins Judenland als einzig wahrhaftige Rückkehr zum Judentum. Aber: auch diese Entwicklung ist undenkbar ohne Herzl. Wer in dem Bedürfnis nach individueller Lösung der Judenfrage eine Gefahr für die große Voiksidee sieht, hat dieses Bedürfnis nicht im Tiefsten erfaßt: daß es nämlich den unverrückbaren Glauben an die Lösung der Judenfrage im Sinne der Herzlscben „Heimstätte" zur Voraussetzung hat. Was arideres als das großartige Pathos des Herzischen Befreiungsgedankens könnte reizen, sein Eigenschicksal vor der Erlösung an das Schicksal des Landes zu knüpfen. Freilich hat Herzl die Einwanderung in Palästina „vor dem Charter" als schädlich erklärt, weil sie seiner „Do-ut-dc-s-Politik" widersprach. Er lehnte jede kolonisatorische Arbeit — selbst als Ausgangspunkt größter Ziele ab. Die „Geulah des Bodens" durch privatrechtlichen Erwerb hielt er für durchaus irrelevant. Die fortschreitende Popularisierung des Nationalfonds, die doch eine der hoffnungsvollsten Erscheinungen im Zionismus von heute ist, wäre unter Herzl unmöglich gewesen, weil seine Volkstümlichkeit bedingt ist von der ununterbrochenen Verwendung seiner Mittel für die wirtschaftliche und kulturelle Arbeit in Palästina. Aber der Naüomilfonds ist undenkbar ohne die Bank, die Herzl geschaffen, die das Rückgrat der Bewegung noch heute ist und alles andere möglich gemacht hat. Nur Herzls Gedanke einer Bankgründung als des finanziellen „Instruments" der Bewegung konnte den Impuls schaffen, der die paar Millionen zusammenfließen ließ: unsere Erkenntnis vom evolutionären Charakter des Zionismus hätte dafür nicht ausgereicht. Haben wir uns also anders entwickelt, als es der Meister gelehrt, so ist doch unser ganzes Tun an sein Wirken gebunden. Für die Bedeutung der kulturellen Arbeit hat Herzl kein Verständnis gehabt. Auch dies wird durch seinen Zug ins Gigantische erklärt. Ihm war das Ziel so nahe, daß ihm alle Bestrebungen zur Sammlung und Förderung verheißungsvoller Keime einer neuen nationalen Kultur als klägliche, voreilige Versuche erscheinen mußten. Man würde aber die Tiefe seiner Empfindungswelt verkennen, wenn man annehmen wollte, daß ihn nur eine veräußerlichte Uebertragung westeuropäischer Kulturformen nach der wiedergewonnenen Urheimat gelockt hätte. Da hat er doch viel zu sehr an die Kraft seines Volkes geglaubt. Fr hat diese Kraft ja höchstens überschätzt. Nur konnten die Sehnsüchte der anderen, deren Wesen tief im Jüdischen wurzelte, keinerlei bestimmte Vorstellungen in ihm auslösen, der niemals Beziehungen zu jüdischer Kulturarbeit hatte, die bei aller Verkrüppelung immer in Fluß war und durch den nationalen Gedanken ihre Verjüngung erfahren sollte. Wissen wir aber im Grunde mehr, als daß unser Volk wieder mit dem palästinensischen Boden verwachsen müsse, um seinen alten Ruf als Kulturvolk erneut und glänzend zu rechtfertigen? Wissen wir, welche Wege die Volksbegabung einst gehen wird? Wir haben nur nicht mehr den göttlichen Glauben Herzls, daß die Heimkehr ein „Von heute auf morgen" sein kann, daß unsere Verwurzelung mit dem Boden der Väter anders zu erreichen ist, als durch die allmähliche und gleichmäßige ökonomische und kulturelle Ueberwindung der heutigen primitiven Lebensformen Palästinas, Für Herzl war das ganze Problem nur die Uebertragung seines Willens auf das Volk: alles andere kam von selbst, interessierte ihn also nicht mehr. Seine Brüder zu befreien: das war „die Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen". Diese Befreiung aber suchte er, selbst „wenn man uns in Ruhe ließe . . ." Nur Oberflächlichkeit kann den Herzl der Vorkongreßzeit mit dem späteren Herzl identifizieren. Darin hat ihn das instinktsichere, nationale Bewußtsein des jüdischen Ostens gewandelt. Der lebendige jüdische Weltgeist, der ihn auch erst an die Einzigart Palästinas glauben ließ. Auch wir im Westen haben vom Osten gelernt. So hat der Zionismus heute wieder die Arbeit der Vor- Herzlschen Periode aufgenommen und hat sie zugleich gewandelt, indem er sie mit der Macht des großen politischen Gedankens Herzls umgürtete, dem all unsere Arbeit dient. Ohne die Chibbath Zion keine Palästinaarbeit, aber auch ohne Herzl keine Versöhnung von Ost und West. Ich vermag nicht daran zu glauben, daß der Westen ohne Herzl erlöst worden wäre. Es ist müßig zu erörtern, wie alles gekommen wäre, wenn Herzl noch in voller Lebenskraft den Zusammenbruch seiner einseitig-diplomatischen Methode erlebt, der nach dem sechsten Kongreß eingetreten ist und den er — selbst wenn er gewollt — nicht hätte verhindern können. Vielleicht wäre daraus eine größere Tragik geworden, als es sein frühes Sterben war. Noch auf dem sechsten Kongreß sah er „eine neue Aussicht, größer als je vorher, in der versprochenen Hilfe der russischen Regierung" So jagte eine Enttäuschung die andere. Ob er sich in die mühselige, aber unerläßliche Arbeit des Tages hätte fügen können; ob ihn die diplomatische Arbeit als Teil des vielgestaltigen Tätigkeitsgebietes der Organisation befriedigt; ob er sie der Palästinaarbeit koordiniert hätte derart, daß eine von der anderen abhängig und keine über der anderen vernachlässigt werden darf; ob das gegenwärtige grausame System der Unterdrückung alles Lebendigen im jüdischen Leben Rußlands seiner genialen Kraft widerstanden; ob die türkische Umwälzung ihm neue, von uns nicht geahnte, Möglichkeiten des Wirkern in der türkischen Hauptstadt gezeigt; ob der neue Jischub Palästinas lockende Bilder vor sein empfängliches Auge gezaubert hätte? . . . Was wissen wir Epigonen von den Wegen derer, die ihre Richtung in den Sternen lesen. Wir glauben nur, daß auch ein Herzl sich dem Volkswillen hätte beugen müssen, den er geweckt und als dessen Vollstrecker wir uns heute empfinden. Julius Simon

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