Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316541--56180-3350050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. Berlin, 5. Juli 1912 urrfa!? yonn 'K?ttön o o^-d Nr. 27. THEODOR IHERZL Seit acht langen, schweren Jahren ist die lichteste iestalt im Judentum unserer Tage nicht mehr: so stark her wirkte dies sonnige Leben auf uns, so sehr beicrrscht seine wundervolle Persönlichkeit noch heute nsere Hoffnungen und Entwürfe, daß uns ist, als sei ■estern erst das Furchtbare geschehen. Noch immer ist iis zumute wie innig verbundenen Gliedern einer großen imilie, der der Vater vorzeitig entrissen wurde: sie; idet sich wieder zu gewohntem Familienrat zusammen; aller Gedanken aber ist die sehnsüchtig-schmerzvolle rage, wie er wohl entscheiden würde . . . Trotz solch tiefer Gebundenheit an die heldenhafte iestalt, an der wir uns alle aufgerichtet, haben wir bewußt lie Methoden verlassen, die Herzl allein gelten lassen wollte; haben wir unsere Arbeit in einer Richtung gebammelt, die Herzl geradezu perhorresziert hat. Wir sind •s seinem Gedächtnis schuldig, Rede zu stehen, uns gleichtun vor dem geliebten Toten zu verantworten, von dessen Wegen wir uns abgewendet und den wir dennoch als mseres Volkes Wecker und Werber empfinden. Das ist er für uns, die wir im Westen leben, noch imfassender gewesen, als für den Osten. Hier gewannen, lurch Herzl, sehnsüchtig-dumpfe Träume Wirkliehkeitsormen: das Unmögliche schien glaubhaft. Bewußt na- ■ onales Leben und Wirken war aber in Rußland schon or seinem Erscheinen; die wesentlichsten Tätigkeitsebiete des Zionismus wurden — wenn auch zumeist in nbryonaler Form — dort längst schon ausgeübt. Die testier aber waren — trotz da und dort verstreuter naonaljüdischer Gruppen, trotz Hess und Pinsker und Birnbaums „Moderne", noch ganz in der Verschwommenheit der Emanzipationszeit befangen. Darum auch hingen die Westler Herzl am unbedingtesten an, da ihr neues, erfülltes und erhöhtes Leben ganz an sein Erscheinen geknüpft war. Herzl hat den Westen erst gelehrt, einem, dem jüdischen Volksideal zu dienen! Herzl hat ihn gewissermaßen erst sehen gelehrt. Unwürdig aber wären wir des Meisters, wenn wir in schwächlich-unentschlossener Weise einfach auf seinen Wegen weiterschreiten wollten .— besserer Einsicht zum Trotz —- weil wir unserem Epigonentum mißtrauten. Herzls Leben ist ein einziger Mahnruf: entschlossen zu handeln und selbst das Leben an die Ueberzeugungen zu geben. So war er uns Jungen ein Erzieher — einem klugen, gutigen und freigemuten Vater gleichend ™ der von den Söhnen kein Beharren in seinen Anschauungen oder gar in Familientraditionen fordert, der vielmehr ihre Anlagen zu wecken, zu bilden und durch das eigene Beispiel mutvollen Handelns zu erziehen versteht. — Was Herzl der zionistischen Bewegung vor allem gab, war der Zug ins Riesenhafte. Er erfüllte das zionistische Ideal von der Wiedererlangung der alten Volksheimat mit Blut und Leben und stellte alles auf den Volkswillen. Und doch war zu seinen Zeiten, da uns noch der Glaube an die zwingende Kraft seiner Argumente erfüllte, da er vielen das Endziel mehr als einmal zum Greifen nahe aus dem Nichts hervorzauberte, die Verbundenheit mit Palästina bei uns Westlern viel inhaltloser als heute. Wenn uns damals Palästina gegeben worden wäre (was haben wir doch nicht in jenen traumhaften Zeiten geglaubt, da alles möglich schien, weil ein verkleideter König um uns war, und mit uns wie mit seinesgleichen redete!), wenn Herzls Absicht, ,,den Massen das Zeichen zum Aufbruch zu geben" nicht an der erbarmungslosen, grausamen Wirklichkeit zerschell wäre: gewiß hätten es viele als etwas gar Köstliches empfunden, mit dem Führer den phantastischen Zug gen Osten anzutreten, helfend, sorgend, aufbauend in der Fülle dessen, was es da alles zu tun gab: sich so über sich selbst erhebend. Und doch ist die eine Resolution des jüngsten deutschen Delegiertentages — „In Konsequenz der überragenden Bedeutung der Palästina-Arbeit für die Befreiung der Einzelpersönlichkeit, sowie als Mittel zur Erreichung unseres Endziels, erklärt es der Delegiertentag für die Pflicht jedes Zionisten — in erster Reihe der wirtschaftlich Unabhängigen — die Uebersiedlung nach Palästina in ihr Lebensprogramm aufzunehmen. In jedem Falle sollte jeder Zionist für sich persönliche Interessen in Palästina schaffen." — höher zu werten, als der ganze Rausch jener Zeiten, da sie bezeugt, welche Vertiefung des zionistischen Gedankens sich inzwischen im Westen vollzogen hat. Wir alle empfanden solch Credo als eine Art Befreiung von dem quälenden Gedanken, daß wir uns im Grunde mehr der Begeisterung, als der Tatenfülle berühmen können. Zugleich als ein Bekenntnis, wie wir heute das Ptoblem der Erziehung