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Die Welt · 1912-06-28 · 26 (28.6.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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lische an meinen Whitecliaplern lobe, halten mir die Hebräisten mit Recht entgegen, daß jetzt dreitausend Whitechapler Knirpse hebräisch spielen, sich gegenseitig hebräisch verprügeln und ihre kleinen Gespräche hebräisch führen. Was ist also Whitechapel, da jeder von diesem Orte etwas anderes aussagt? Die Frage ist wirklich nicht leicht zu beantworten, wenn man sich nicht eine banale Verallgemeinerung zuschulden kommen lassen will. Wenn ich also nicht gleich kurz zu sagen vermag, was Whitechapel eigentlich ist, so könnte ich doch ganz ausführlich erzählen, wie man sich in Whitechapel durchs Leben hungert, wie man dort politisiert, sich amüsiert und wie man dort lebt und schafft. Es wird einem allerdings ganz käsig zumute, wenn man an das Leben und Treiben in Whitechapel denkt, denn dieser Hexenkessel, den Gott in der Stunde seines Verdrusses geschaffen, einst der Sammelpunkt der Londoner Verbrecher, ist seit mehr als drei Jahrzehnten ein Zufluchtsort für arme, unglückliche, ausgemergelte Juden, die statt in Knechtschaft zu darben, in Freiheit hungern und sich übermenschlich quälen. Kein roher Büttel haut mehr auf sie ein, keine entmenschte Soldateska schießt sie nieder, dafür zehrt die feuchte Wand ihrer jämmerlichen Behausung an ihrer Gesundheit, mörderische Arbeit und ununterbrochene Brotsorgen untergraben ihre Körperkraft, und das egoistische, kalte englische Milieu zwingt sie, ihre materielle und moralische Pein zu verbergen . . . Nur die unverwüstliche Naivetät dieser zu ewiger Mühsal Verdammten und der ungewollte Ulk, der zuweilen aus ihrem unsäglichen Elend hervorbricht, hescheinen dieses Jammertal mit einem sympathischen Lichtstrahl und fordern die Scholem Aleichems und die Mendeles zu Betrachtungen heraus. Ich sehe, daß ich von meinem Gegenstand abgeschweift bin, denn es war nicht meine Absicht, einen klugen Leitartikel, sondern ein kurzweiliges Feuilleton über Whitechapel zu schreiben. Ich kehre also zu meinem Thema zurück und frage: Was ist Whitechapel? Der Londoner Stadtteil Whitechapel, in dem hunderttausend arme Juden leben, ist ebenso populär wie Hampstead, ein anderer Stadtteil der englischen Metropole, in dem 30—40 000 reiche Israeliten englischer Nationalität aus Frankfurt am Main, Fürth und Posen sich amüsieren. Whitechapel liegt hinter der Bank von England, im Osten der Stadt. Damit aber die armen Juden Whitechapels ob dieser noblen Nachbarschaft sich nicht überheben, damit sie keine K r e d i t a n s p r ü c h e stellen und damit die große Geschäftswelt nicht irregeführt wird, haben die Londoner Stadtväter eine geographische Teilung des Bezirks vorgenommen. Das Bankviertel mit dem in ihm aufgespeicherten Milliarden heißt E a s t Central oder kurzweg City, und Whitechapel samt den zu ihm gehörigen Elenddistrikten heißt kurzweg East. Hampstead, das Ghetto der israelitischen Millionäre hingegen, liegt im Westen der Stadt. Diese Ordnung der Dinge hat die gütige Vorsehung überall statuiert, in Berlin, Frankfurt, Paris, Wien usw. Es ist ein Gesetz der jüdischen Soziologie: Im Osten darben die Juden, im Westen schwelgen die Israeliten, hier das geldarme Judentum, dort das gemüt- und geistlos^ Israelitentum. Darin gleicht London allen anderen Städten Europas und Amerikas. In allen andern Dingen aber bildet London eine Ausnahme. Im vierten Arrondissement und auf dem Montmartre in Paris leben 30—40 000 westrussische Juden, im zweiten Bezirk von Wien leben große Judenmassen aus Galizien und Ungarn, im Osten von Berlin leben viele galizische, wenig ungarische und russische Juden. In Paris sind sie Kürschner und Pelzarbeiter, in Wien Kleinhändler und Hausierer, in Berlin Eierhändler, aber die Whitechapler Juden stammen aus allen Weltgegenden und Ländern und sind dem edlen Schneiderhandwerk nicht weniger ergeben als der Kürschnerei, Schusterei, Bäckerei, dem Eierhandel und dem Hausiergewerbe. Nur Reverends wollen sie nicht sein, weil sie ohnedies schon Schuster sind . . . Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum sie kein Brot im Hause und keine Kleider auf dem Leibe haben, denn jüdische Schneider und jüdische Schuster hatten von jeher das Privileg, schlecht gekleidet und schlecht beschuht durch das Leben zu gehen. Whitechapel ist mit einem Wort ein jüdischer Mikrokosmus. Alle Güter, über die die zehn Millionen Juden des Ostens verfügen, besitzen in noch höherem Maße die Whitechapler Juden; das melancholische Elend von B e r d i t s c h e w und S c h k 1 o w, die betrübende Armut von Krakau und Tarnopol und die unsägliche Not von Braila und Jassy haben sich in Whitechapel ein Stelldichein gegeben. Nur wird die Armut in Whitechapel nicht so unverhüllt zur Schau getragen wie in den Ghettis des Friedenszaren, der polnischen Sehlachta und der verkommenen Bojaren, denn der individualistisch gerichtete Engländer hat seinen grenzenlosen Egoismus auf die schöne Formel gespannt: Armut ist Privatsache. Die Engländer haben auch noch andere schöne Maximen, wie z. B.: „Mein Haus ist meine Burg", das heißt, niemand darf es ungebeten betreten, oder: „Jeder lebt nur in seiner Kaste". Da die nach England einwandernden Juden schon bei der Einschiffung in Hamburg oder in Rotterdam glühende englische Patrioten sind und die eiserne Faust des englischen Nationalegoismus bald nach ihrer Landung auf englischem Boden auf sie niedersaust, so nehmen sie auch bald unbewußt die Eigenschaften des englischen cant an . . . Aeußerlich ist alles schön aufgeputzt, sauber und oft sogar blinkend, aber im Hause herrscht der größte, fast ausstellungsfähige Dalles. Die jüdischen Jungfrauen von Whitechapel huldigen der Mode nicht weniger als die nichtstuenden und in Langweile ersterbenden israelitischen Damen von Hampstead, aber während diese untröstlich sind, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Geld am besten loswerden können und aus Verzweiflung darüber sich der Pflege ihres erkrankten Hündchens hingeben, arbeiten jene vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden in der Fabrik oder im Bureau für einen Wochenlohn von zwanzig Shilling. Aber diese schwer arbeitenden, unterernährten Mädchen sind— dank der Gnade des Himmels — schöngestaltet, rotwangig und von frischem Aussehen, während die israelitische faulenzende Dame in Hampstead immer kränkelt (oder so tut) und von Marienbad nach Vichy eilt. Dabei wird durch sie der Schönheitsruhm unserer Frauen keineswegs vermehrt. Und wenn sie bis zum Ueberdruß reich ist, ist sie als Ersatz dafür in der Regel auch bis zum Aergernis häßlich. Gott erbarme sich ihrer armen Seele! Man begreift jetzt, warum die beiden Ghetti in der englischen Metropole absolute Gegensätze darstellen. Nicht nur besteht der Gegensatz darin, daß Whitechapel fabelhaft arm und Hampstead ebenso märchenhaft reich ist, daß Whitechapel interessant — ein Feuilleton — ist und Hampstead gemütlos und langweilig wie die Orthodoxie der Frankfurter Schützenstraße, sondern auch darin, daß die schönen Frauen in Whitechapel dem Vielkinder-

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