Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316540--56167-3350036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mr. 26 D1ETOELT 783 konnte als Beweis dafür gelten, daß die Hebräisierung der Schulen des Hilfsvereins im ständigen Fortschreiten begriffen ist. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß es dem Jubilar glücken wird, in den nächsten Jahren seiner Tätigkeit iie Hebräisierung der ihm unterstehenden Schulen vollständig lurchzuführen, damit sich diese in vielen Hinsichten vorbildlichen Erziehungsinstitute von einer gewissen Halbheit, .iie ihnen noch anhaftet, befreien und den pädagogischen und lalionalen Erfordernissen der palästinensischen Jugenderziehung einigend, zu vollgültigen nationalen Erziehungsanstalten entvickein. Gemüsebau in Medschdel Die Versuche mit dem Anbau verschiedener Küchen- •ewächse in der galiläischen Kolonie Medschdel haben in außerordentlich günstiges Ergebnis gezeitigt. Nächstes Jahr ■oll demzufolge eine größere Fläche mit Gemüsepflanzen beeilt werden. Außerdem soll eine Gruppe von Landarbeitern ine ausgedehnte Parzelle von der Kolonieverwaltung pachten, um dort in ihrer freien Zeit Gemüsegärten auf eigene Rechluig anzulegen. Unfallversicherung der jüdischen Maschinenarbeiter in Palästina Dank der Initiative der „Allgemeinen Organisation der lidischen Landarbeiter in Judäa'f haben sich die Motorarbeiter i den jüdischen Pflanzungskolonien zum Zwecke der Schafimg einer Unfallversicherungskasse zusammengeschlossen. In dieser Angelegenheit fand Ende Mai eine Arbeiterkonferenz in Pethach-Tikwah statt, an der Maschinenarbeiter aus verschiedenen Kolonien teilnahmen. Es wurde festgestellt, daß die Motorbesitzer unter gewissen Bedingungen bereit sein werden, Beiträge zu der geplanten Versicherungskasse zu leisten. Nach eingehenden Beratungen wurde eine Kommission eingesetzt, die die vorbereitenden Arbeiten zur Schaffung der Unfallversicherungskasse durchführen soll. NACHRICHTEN Von der jüdischen Einwanderung nach den Vereinigten Staaten Im April d. J. sind im Hafen von New York 2126 jüdische Emigranten gelandet, gegen 2966 im April 1011. Von den Einwanderern sind 1203 männlichen und 923 weiblichen Geschlechts. 1119 von ihnen stammen aus Rußland. Das Bargeld, das die jüdischen Emigranten mit sich führten, belief sieh auf 62 1S7 Dollar. Von den 2126 Emigranten wurden 118 seitens der Einwanderungsbehörde zurückgewiesen. Vom Misrachi Berlin. Die hiesige Misrachi- (j f u p p e veranstaltet am Donnerstag, den 4. Juli, 9 Uhr abends, im Burg-Hotel, Burgstr. 20, eine M i t g I i e d e r v e r s a m m 1 u n g. Tagesordnung: ,,W i e stelle n w i r u n s z u r A g ti d a t h j i s - rocl?" Referenten: Herr Rabb. Dr. Willi. Lewv und Herr Redakteur M. Berlin. Diskussion. Gäste, Damen und Herren, herzlich willkommen. O [(□□□□□□ o vs- FEUILLETON O □□□□□□ ] l Was ist Whitechapel? Von Dr. S. M. Melamed, London Was Bcrditschew ist, das weiß man schon; was her Whitechapel ist, das hat bis jetzt noch kein Sterbicher herausgefunden. Einige Dichter nennen es „Insel 'es Elends", und israelitische Philanthropen betrachten Whitechapel als ihr ausschließliches Tätigkeitsgebiet. Der ischof von London hingegen, der sich seit geraumer Zeit tel Mühe gibt, ganz Whitechapel unter den Schutz des eiligen Geistes zu stellen, hält diesen Londoner Stadtteil ir eine christliche Fundgrube, in der noch einst ein neuer nlus gefunden werden wird; haben doch seine Missiore im letzten Jahre zwei waschechte Whitechapler len dem Christentum zugeführt, was allerdings der glischen Judenmission teuer genug zu stehen kam. ie beiden Bekehrungen erforderten einen Aufwand von wa zwei Millionen Mark. Unser guter Mr. Claude iontefiore hinwieder, der uns mit einer neuen Reionnreügion zu beglücken trachtet, ist an Whitechapel im Gegensatz zum ehrwürdigen Bischof von London — ganz verzweifelt. Alle seine Bemühungen, in Whitechapel losten Fuß zu fassen, sind mißlungen. Die von ihm nach Whitechapel entsandten Prediger haben noch weniger ausgerichtet als Herr Dr. Breuer mit seinen patriotischen Predigten . . . Vor kurzem hörte ich einen jüdischen Anarchisten schwören, ganz Whitechapel sei anarchistisch gesinnt, wogegen aber der Londoner Polizeipräsident, dem nichts verborgen bleibt, öffentlich versicherte, die Whitechapeler seien die staatstreuesten Seelen der Welt, geradezu ideale Staatsbürger. „Ganz Whitechapel ist im letzten Grunde zionistisch, und es bedarf nur einer tatkräftigen Propaganda, um diese in Whitechapel schlummernden zionistischen Kräfte ans Licht zu ziehen", versicherte mir jüngst mein lieber Freund Goldbloom. Und Freund Goldbloom kennt doch seine Whitechapler. Aber bald melden sich die „Jüdischisten" und schwören bei Czernowitz und allem, was ihnen heilig ist, daß die Whitechapler samt und sonders „Jüdischisten" sind. Als Beweis führen sie die Tatsache an, daß die wackern Whitechapler weder französisch, noch italienisch, noch spanisch, sondern ausgerechnet jüdisch sprechen. Ich hingegen lobe mir meine Whitechapler als vollendete Englishrnen. In diesem Londoner Bezirke, so behaupte ich fest und steif, spricht jeder englisch, mit Ausnahme der englischen Policemen, die Yiddish reden und mit Ausnahme der wirklichen Engländer, die sich ebenfalls des jüdischen Idioms bedienen. Mein englisches Herz schwillt vor Freude, wenn ich in Whitechapel etwa folgendes Gespräch zwischen zwei alten Judenweibern, die in Brick Lane ein Dutzend Orangen für two pence feilbieten, anhöre: Die Erste: „W hat d o You w a n t, frag ich Eich? Der place belongs to nie, und as Ihr wert afilu verplatzen, well ich sich nit aweck m o v e n von mein p 1 a c e." Die Zweite: „Hot Ihr schon gehört a sa i m p u - dence? Ich bin schon in England sechs ycars, und meine bo ys gehen in E n g 1 i s h S c h o o 1 s, and n o \v kummt sie, a foreigne rke, ot y e s t e r d a y ongefohren, und robbet von mir mein place. Git mir mein place aweck, a nit, sog ich dem P o 1 i c e m a n." Wenn nun siebzigjährige Huldinnen so angeengländert sind, kann man sich wohl denken, wie es die siebzehnjährigen sind. Während ich mir aber das Eng-