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Die Welt · 1912-06-28 · 26 (28.6.1912) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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780 DIETOELT: Nr. 26 zunehmen, die vom Zionismus nichts als den Namen hat und bei der mitunter antizionistische Mittel zur Anwendung kommen (ein Beispiel: zionistische Körperschaften bekämpften wiederholt die Wahl fremder Staatsangehöriger in die Gemeindevorstände, aus parteitaktischen Gründen!) — dies verbietet mir sowohl mein amtliches Verantwortlichkeitsgefühl, wie auch meine zionistische Ueberzeugung. Die letztere Beschuldigung wird vielleicht am beredtesten durch eine letzthin im Konstantinopeler „Tiempo44 von maßgebender Seite publizierte Artikelserie über die bulgarischen Juden widerlegt, worin meine zwölfjährige Amtstätigkeit vom Standpunkt der Niehtzionisten kritisiert wird. Hier wird gegen mich die entgegengesetzte Beschuldigung erhoben, w o n a c h i c h m eine Stellung ,,m i ß b r a u c h tu hätte, u m auf der Kanzel und in der Lokalpresse ein Agitator des Zionismus zu sein. . . . Sof 10. Juni 1912. II. Mit Zionsgruß Dr. M. E h r e n p r e i s. Nachdem Herr Dr. Ehrenpreis erst in seiner „Luz" behauptet hatte, daß das offizielle Organ unserer Partei, „Die Welt4', die Zuschriften der bulgarischen Landesorganisation zu veröffentlichen verweigert habe und dann durch die Nr. 23 Ihres geschätzten Blattes hat enttäuscht werden müssen, hat er es für richtig befunden, Gegenerklärungen zu veröffentlichen. Aber gerade diese Erklärungen des Herrn Dr. Ehrenpreis geben uns Gelegenheit, klarer und eingehender den guten Glauben desselben zu beleuchten und werden der zionistischen Oeffentlichkeit wesentlich das Urteil darüber erleichtern, ob es sich bei unseren Anklagen wirklich nur um eine Verleumdungskampagne und nicht vielmehr um einen gerechten Notschrei der bulgarischen zionistischen Organisation handelt. 1. Der Konflikt zwischen unserer Organisation und Herrn Dr. Ehrenpreis betrifft nicht nur rein örtliche Gemeindefragen, wie er behaupten möchte, sondern gerade und wesentlich zionistische Grundsätze und Interessen. Diese haben sich für uns in Bulgarien in Gemäßheit des Untersatzes 3 des Baseler Programmen fast ausschließlich um die Schulfrage konzentriert. Sollte in Bulgarien die französierende, assimilatorische, national verheerende Erziehungsmethode der Alliance herrschend bleiben, oder sollte die jüdischnationale und bulgarisch-patriotische Erziehung an ihre Stelle treten? Das war für die bulgarische zionistische Organisation die Lebensfrage. Wir waren genötigt, nach Maßgabe unserer Kräfte auf das Schulwerk der Alliance einen nationalisierenden Einfluß zu erstreben, und als die Alliance sich hartnäckig allen Bestrebungen widersetzte, einen Kampf gegen sie zu eröffnen. Dieser Kampf hat den zionistischen Großrabbiner Dr. Ehrenpreis niemals auf zionistischer Seite, sondern immer auf der antizionistischen allianzistischen gesehen. Er hat mit aller Kraft seines Geistes und aller Wucht seiner offiziellen Vollmachten die von den Zionisten gewollte nationale Schule bekämpft, und er hat letztens erst die unverantwortliche Tat begangen, kraft seiner hohen Verbindungen die Annahme des Schulgesetzes im Parlament zu vereiteln, das die Beisteuern der Juden für ihre Schulen obligatorisch machen und so deren Bestand sicherstellen sollte. liurch Herrn Dr. Ehrenpreis ist dieses Gesetz gefallen, und schon erklären seine Notabein, künftig keinen Centime mehr für die zion.stisclien Schulen (beisteuern zu wollen. Das ist keine rein kommunale Arbeit, das ist antinationale, antizionistische Arbeit, und Herr Dr. Ehrenpreis hat damit in seiner offiziellen Rabbinertätigkeit eben dieselben zionistischen Grundsätze und Interessen verleugnet und verraten, für die er zuvor als zionistischer Schriftsteller eingetreten war und als Zionist eintreten mußte. Das ist der Kernpunkt des Konfliktes der bulgarischen Landesorganisation mit Herrn Dr. Ehrenpreis, und es ist nur ein Kniff, wenn er sich nun hinter die Gemeindefragen und seinen Charakter als verantwortlicher öffentlicher Funktionär versteckt, um seiner Verantwortlichkeit als Zionist zu entgehen. Daß im Gegensatz zu Dr. Ehrenpreis in dem bezeichneten Kulturkampfe die bulgarische Landesorganisation nicht nur in zionistischer Hinsicht, sondern auch organisatorisch und taktisch ernst und mit Erfolg gearbeitet hat, das beweist die jüngst stattgehabte allgemeine Konferenz der durchweg in zionistischen Händen liegenden bulgarisch-jüdischen Schulkomitees, die eine glänzende offizielle Anerkennung der bulgarischen Regierung, sowie eine warme Depesche des Zaren Ferdinand selber empfangen hat. 2. Es ist unwahr, daß Herr Dr. Ehrenpreis die Gegensätze in der bulgarischen Judenheit gemildert und die zionistische Landesorganisation dabei als Gegner gefunden habe. Im Gegenteil ist erst seinem verhängnisvollen Einflüsse der Ausbruch der tiefen Gemeindezwistigkeiten zuzuschreiben. Jeder gründliche Kenner der bulgarischen Verhältnisse weiß, daß in unserem Judentume immer Ruhe und Einigkeit geherrscht 'hat. Es gab assimilatorische oder nicht nationale Elemente, 'das ist wahr, aber sie waren zerstreut, indifferent und passiv. Erst Dr. Ehrenpreis, dem zionistischen Großrabbiner war es vorbehalten, sie zu wecken, zu sammeln, zu organisieren und aufzustacheln, zum Kampfe für die allianzistische Assimilation und gegen den Zionismus. Es war dem Dr. Ehrenpreis vorbehalten, aus seiner Zeitschrift „La Luz.44 eine Kampfzeitschrift der Assimilation gegen den Zionismus zu machen und sie zuletzt sogar gänzlich in die Hände der Assimilation zu überantworten. Nicht unser ist also die Kampfpolitik, sondern des Herrn Dr. Ehrenpreis, und gegen den organisierten und kulturellen Zionismus in Bulgarien war sie gerichtet. 3. Es ist aus dem Vorhergehenden klar, wer den Zionismus in Bulgarien geschädigt hat, wir, die Landesorganisation, wie Dr. Ehrenpreis behauptet, oder er selber. Wie die Fernwirkung .der hiesigen Vorgänge auf die europäische Türkei gewesen ist, und wer von Bulgarien aus auch dort schädigend und provozierend gewirkt hat, wissen nur die kompetenten Stellen in der Türkei festzustellen, nicht Herr Dr. Ehrenpreis. Nun denn, es ist einem jeden bekannt, daß in der Türkei die Gegnerschaft des bulgarischen Großrabbiners gegen die bulgarischen Landeszionisten ein antizionistisches Argument abgegeben hat, und daß Dr. Ehrenpreis nirgends so sehr als Musterbeispiel gehätschelt wurde, wie in der berüchtigten Konstantinopler volksverräterischen Antizionistenpresse. 4. Herr Dr. Ehrenpreis spricht die Unwahrheit, wenn er bestreitet, daß er sich der Einberufung eines Genieindekongresses widersetzt habe und widersetze. Er beantworte uns die folgende Frage: „Ist es wahr, daß seit dem Jahre 1900, dem Gemeindekongresse, wo seine Wahl stattfand, kein einziger Kongreß mehr zugelassen wurde, obwohl das Landesstatut der bulgarischen Judenheit es erforderte?'4 Das Jahr 1904 ist äußerst lehrreich. Da hat Herr Dr. Ehrenpreis wohl den Versuch gemacht, einen solchen Gemeindekongreß abzuhalten. In der ersten Sitzung jedoch schon, in dem Moment, da er bemerkte, daß eine Kongreßmajorität gegen ihn vorhanden war, veranlaßte er eine Reihe seiner Freunde zum Abzug und erklärte nun den Kongreß als ohne Quorum, inkompetent, illegal und aufgelöst. Seit dieser Zeit, also während langer S Jahre, hat der bulgarische Großrabbiner auf statutenwidrige Weise jeden Gemeindekongreß zu hintertreiben gewußt. Das kann Dr. Ehrenpreis nicht leugnen. Hat er doch öffentlich und privat die Erklärung abgegeben, daß er niemals einen Gemeindekongreß zulassen werde, der ein Mißtrauensvotum gegen ihn fällen würde. Seine Haarspaltereien über die Feststellung, welches eigentlich die legitimen Vertreter der Wünsche der bulgarischen Judenheit sind, sind geradezu kläglich. Wir behaupten, es seien die Gemeinden selber, Herr Dr. Ehrenpreis behauptet, es seien die Gemeindevorstände. Er weiß, warum. Eine Partei der Notabein hat manche Mittel und Mittelchen, um das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht auf galizische Schlachtaweise anzuwenden, und ein Großrabbiner hat hundert offizielle und offiziöse Wege, um einen Vorstand vom Kultusministerium bestätigen, den anderen nicht bestätigen oder gar auflösen zu lassen. Die Zionisten hatten neben ihrer Forderung eines bulgarischen Gemeindekongresses noch eine zweite Forderung, an der sie mit aller Entschiedenheit festhalten mußten, nämlich die, daß der Kongreß eine wirkliche und gerechte Volksvertretung darstelle. Wer konnte diese Volksvertretung besser darstellen als die für diesen Kongreß durch das von Dr. Ehrenpreis zitierte allgemeine, geheime und gleiche Wahlrecht gewählten Delegierten des Volkes? Das wollten die Zionisten. Das wollte Dr. Ehrenpreis niemals. Delegierte der Gemeinde Parnassim waren ihm lieber. Nach langen Kämpfen und Verhandlungen war zwischen der zionistischen Partei in Bulgarien und einem der einflußreichsten Vertreter der Gegenpartei ein Kompromißprojekt verabredet worden, und dieser Vertreter verpflichtete sich, dieses Kompromiß auf der von Dr. Ehrenpreis erwähnten Vorsteher- Konferenz zu vertreten und durchzusetzen. Diesem Einigungsprojekt zufolge sollte eine jede Gemeinde proportionell der Anzahl ihrer Mitglieder ihre Vertreter durch allgemeine direkte und geheime Wahlen in den Kongreß entsenden. Nun denn, dem vielgevvandten Dr. Ehrenpreis, dem davor grauste, ist

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