Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 26 DIEl^ELT 775 der Kampf um staatliche Anerkennung der jüdischen Nationalität nicht ein rein zionistischer, haben ihn an den Hochschulen die zionistischen Studenten nicht schon lange bevor es in Oesterreich eine zionistische Landespolitik gab, mit aller Heftigkeit geführt? Und ist schließlich die Sicherung einer Vertretung der Juden in Parlament und Landtag nicht etwas, was auch nur praktische Anwendung des zionistischen Prinzips aktiver national jüdischer öruppenpolitik ist? Prüfen wir aber selbst die oberste Forderung des nationalpolitischen Programms: Die nationale Autonomie der Juden! So, wie diese heute allgemein aufgefaßt wird, als basierend auf den zu Volksgemeinden ausgebauten, zu einem öffentlich-rechtlichen Verband zusammengeschlossenen Kulturgemeinden stellt sie gar nichts anderes dar, als eine Erweiterung dessen, was die „reinen Zionisten" seit jeher erstreben: Die Eroberung und Demokratisierung der Kultusgenieinden! Da« ist schon ein Schlachtruf Herzls gewesen, und die Forderung nach dem Gemeindebund hat ein österreichischer Zionistentag schon vor 10 Jahren aufgestellt. Es zeigt sich also bei näherer Untersuchung, daß Minimal- und Maximalprogramm einander sehr nahestehen. Aus der Differenz zwischen beiden, die mehr eine theoretisch konstruierte, als praktisch bedeutsame ist, läßt sich kaum ein starker Gegensatz zwischen Nationalpolitik und Zionismus ableiten. Wenn trotzdem ein Kampf geführt werden mußte, so war es deshalb, weil das Minimalprogramm von vielen Zionisten nicht akzeptiert wurde. Wie in der ganzen Weltorganisation, so mußten auch in Oesterreich die Zionisten nationalisiert und radikalisiert werden; „der Kampf um die Politik war ein Kampf um den nationaljüdischen Gehalt und die radikale Taktik im Zionismus", sagte ich in Brünn. Und wie in der Weltorganisation Radikalismus und Nationalismus gesiegt haben, so auch bei uns. Aus diesem Grunde konnte in Brünn die Anerkennung der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Landespolitik für den Zionismus ausgesprochen und auch das Bedürfnis nach prinzipieller Erörterung der politischen Frage fühlbar werden. Eine solche Erörterung wird, wie ich nachzuweisen gesucht habe, wahrscheinlich feststellen, daß die positiven jüdischen Forderungen der nationalpolitischen Partei nichts enthalten, was nicht aus rein zionistischem Gedankengang fließt, was nicht bloß angewandter Zionismus ist. In diesen jüdischen Forderungen der Nationalpartei liegt daher das Verbindende zwischen politischer und zionistischer Organisation. Das Trennende oder, besser gesagt, das Unterscheidende, ist in ganz anderer Richtung zu suchen. Es liegt darin, daß eine politische Partei zu allen innerstaatlichen Problemen Stellung nehmen und zur Erreichung ihrer Zwecke jeweils eine bestimmte Taktik einschlagen muß. Es ist ganz klar, daß deshalb eine gänzliche Identifikation zwischen zionistischer und politischer Organisation lieber zu vermeiden ist. Welche Staatsform /.. B. für Oesterreich-Ungarn am angemessensten ist (Dualismus, Trialismus, Großösterreich), welche Form des nationalen Zusammenlebens der österreichischen Völker die beste ist, dazu bestimmte Stellung zu nehmen, kann auf keinen Fall Sache der zionistischen Organisation, die Teil einer unpolitischen Weltorganisation ist, sein. Ebenso wenig kann sie sich auf irgendeine Taktik in der inneren Politik festlegen, während gerade die taktische Frage in der Praxis die umstrittenste und wichtigste ist. Aber auch diese Sätze gelten nicht ohne jede Einschränkung. Denn wenn einmal die zionistische Organisation die Führung der Landespolitik als nötig und nützlich erklärt hat, so heißt das doch nicht anders, als daß sie die Durchsetzung des politischen Programms als wünschenswert für den Zionismus ansieht. Wer aber den Zweck will, der muß auch die Mittel wollen. Es wäre also das nächstliegendste, wenn sich die zionistische Organisation auch über die Mittel einigen würde, d. h. über den allgemeinen Inhalt des Parteiprogramms und über die Taktik. Was das Programm betrifft, so ist schon am Krakauer gesamtösterreichischen Zionistentag 1906, mit dem die politische Kampagne eröffnet wurde, ein solches beraten und beschlossen worden, dessen Hauptzüge von keiner Seite seither angefochten wurden und die auch wahrscheinlich — von Einzelheiten abgesehen — auch weiterhin keine Differenzen verursachen dürften. Wohl aber bestehen solche schärfster Art bezüglich der Taktik zwischen der Wiener Richtung des Radikalisinus und jener des vorsichtigen Lavierens, die in der Provinz manchen Vertreter hat. Diese Differenzen allein sind es, meiner Ansicht nach, die überwunden werden müssen, soll das Verhältnis zwischen politischer und zionistischer Organisation weiter verbessert werden. Im Verlaufe dieser Erörterung der prinzipiellen Gesichtspunkte habe icli schon angedeutet, worin der heutige Zustand verbesserungsbedürftig ist. Seine Unzulänglichkeit ist darin zu finden, daß trotz Anerkennung der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Landespolitik für den Zionismus, die zionistische Organisation sich dennoch jeder Ingerenznahme auf die Politik, jeder Möglichkeit ihrer Beaufsichtigung enthält, dem einzelnen Zionisten nicht einmal die obligatorische Minimalverpflichtung auferlegt und so die „notwendige und nützliche" Landespolitik vollkommen sich selbst überläßt, respektive denjenigen Zionisten, die sich zufällig für sie interessieren. Diese Führer der Landespolitik sind aber in ihrer Aktion völlig vogelfrei, auf der einen Seite will sich die zionistische Organisation um die Politik nicht kümmern, obzwar sie sie für nötig erklärt, auf der anderen Seite aber wird sofort die heftigste Kritik von zionistischer Seite geübt, wenn die Führung der Politik nicht so ist, wie sie jeder einzelne Zionist sich vorstellt. Wenn trotz dieses unmöglichen Zustands gesagt werden muß, daß er einen bedeutenden Fortschritt gegen früher darstellt, so ist das dahin aufzufassen, daß zu Zeiten der ersten Inaugurierimg der Politik nicht einmal das Minimalprogramm in Westösterreich durchzusetzen war, während heute die Landespolitik und ihre Leitung offiziell anerkannt sind. Die Erreichung einer nächsten Etappe kann gleichfalls nur das Produkt einer inneren Entwicklung der Organisation sein. Diese Entwicklung zu beschleunigen, kann die politische Konferenz vieles beitragen. Und zwar aus folgenden Gründen: Die nächste Etappe kann nur diese sein, daß ein zionistischer Dclegiertentag das Minimalprogramm obligatorisch macht, das jüdischpolitische Maximalprogramm als erstrebenswert erklärt und zur Durchsetzung desselben innerhalb des österreichischen Staates eine Organisation schafft, die aus Delegierten oder Mandataren der zionistischen Organisation besteht und die in partei rechtlich sichergestellter Verbindung mit ihr steht. Dadurch wird in beziig auf die Landespolitik die Ingerenz und die Aufsichtnahme der zionistischen Organisation gesichert, ohne daß sie selbst zu einer politischen umgewandelt wird. Die Stoßkraft der Politik wird durch Annahme des Minimal- und Empfehlung des Maxim alprogranitus bedeutend gestärkt werden, da die politische Leitung in ganz anderem Maße als heute bei den Zionisten Unterstützung finden können wird. Der Jüdische Nationalverein könnte sich in jene zionistischpolitische Organisation umwandeln, während die ihm unterstehenden örtlichen politischen Volksvereine die Anhänger der politischen Partei sammeln würden. Damit dies so komme, muß Programm und Taktik der politischen Partei sich auch weiter das Vertrauen der gesamten Organisation erwerben. Ich meine das Wort Ver-