Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-06-28 · 26 (28.6.1912) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
26 (28.6.1912)
Date
1912-06-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316540--56160-3350029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

776 DIE ELT: Nr. 26 trauen natürlich nur in politischem Sinne. Ebenso wie heute Zionisten, die vor 6 Jahren bei Inaugurierung der Landespolitik befürchteten, daß diese das Interesse und die Kräfte der Organisation so in Anspruch nehmen werde, daß der Zionismus dabei zu kurz kommen könnte, sich überzeugt haben, daß die Leiter der Landespolitik in Westösterreich über dieses Mißtrauen erhaben sind, soll sich durch die politische Konferenz erweisen, daß die politischen Führer in Wien gewillt sind, fortan in enger Fühlung mit den Vertretern der Provinz vorzugehen, wodurch der Boden für eine allmähliche Umwandlung des Wiener jüdischen Nationalvereins in eine politische Organisation der Zionisten .Westösterreichs ^geebnet -werden würde. Die Einberufer der Konferenz haben ihren guten Willen dazu bekundet, indem sie Vertreter der Provinz in großer Zahl zur Konferenz dringend eingeladen haben. Es liegt jetzt nur an diesen, durch zahlreiches Erscheinen die Konferenz zu der erwünschten und vom Brünner Tag beabsichtigten Aussprache der Zionisten ganz Westösterreichs zu gestalten. Daß hierbei eine Uebereinstimmung der Ansichten in bezug auf Programm und Organisation herzustellen möglich ist, glaube ich durch die angestellte prinzipielle Erörterung glaubhaft gemacht zu haben. Es könnten höchstens Differenzen in bezug auf die Taktik Schwierigkeiten verursachen, wie ich dies gleichfalls schon angedeutet habe. Auch diesbezüglich herrschen noch große Mißverständnisse. Man verwechselt häufig die „scharfe Tonart'4 mit der „radikalen Taktik". Die Tonart ist aber nebensächlich, sie wird bestimmt durch den Grad der Kampfeslust und das Temperament des handelnden Politikers, durch das Milieu, in dem er agieren muß, usw. Daß man bei größtem Radikalismus der Gesinnung* sich auch einer milden Tonart bedienen kann, dafür war der leider so früh verstorbene Friedrich Low ein hervorragendes Beispiel. Radikalismus der Taktik heißt nicht Schärfe des Tons, sondern bedeutet, auf dem von der Gesinnung und den Prinzipien diktierten Wege unerschütterlich, und unbeirrbar zu verharren, oder, wie einer der Führer der Landespolitik, Dr. Paul Weisen grün, es kürzlich („Jüdische Zeitimg" Nr. 22) treffend ausgeführt hat, radikale oder prinzipielle Taktik heißt, vor allem auf die eigene Kraft, die des Programmes, der Ideen, der Anhängerschaft und nicht auf irgendwelche Künste schlauer Diplomatie zu bauen, die zwar zu Augenblickserfolgen führen, aber keine realen Kräfte schaffen, aus Schwäche keine Stärke machen könne, sondern im Gegenteil, die vorhandenen Kräfte durch ein Jonglieren über das Programm und die Prinzipien schwäche und desorganisiere. Wir haben ja in der Praxis der österreichischen Landespolitik genugsam erfahren, wie richtig dieser Standpunkt ist, wie alle politischen Erfolge unserer feinen Diplomaten Scheinerfolge waren, die uns im Grunde nur schwer schädigten und desorganisierten. Ein anderer hervorragender Gesinnungsgenosse, Dr. Heymann, hat vor kurzem in diesen Blättern klar und anschaulich dargelegt, daß im Zionismus die Taktik des Lavierens verfehlt sei und nur die der nationalen Demokratie zum Ziele führen könne. Dieser Standpunkt ist es, welchen die oftmals sehr verketzerten „Wiener Radikalen" von Anfang an sowohl in der Gesamtorganisation als auch in der österreichischen Landsmannschaft mit großer Impetuosität vertreten haben. In der Landespolitik, wo sich jeder taktische Fehler viel schneller und empfindlicher rächt, als im Zionismus, haben sie gleichfalls seit jeher gegen starke Strömungen, die namentlich im Osten der Monarchie zugunsten des „Lavierens" vorhanden waren und es noch sind, den Standpunkt der radikalen Taktik mit allem Nachdruck verfochten. Dieser Kampf ist auch in Westösterreich noch nicht ganz ausgetragen, und wenn die Führer der Landespolitik, die im Grunde Vertreter der Identifikation von zionistischer und politischer Organisation sind, trotzdem den bestehenden Zustand, nach welchem beide streng getrennt bleiben, nicht ungerne sehen, so hat dies seine Ursache darin, daß sie glauben, daß innerhalb der westösterreichischen Organisation das Prinzip der radikalen nationalen Demokratie noch nicht die Oberhand habe, so daß bei einer stärkeren Vereinigung beider Organisationen das Prinzip des Lavierens in der Landespolitik durchdringen könnte. Hier liegt die letzte Ursache, die zu Differenzen und Spannungen führt. Aber auch sie wird in kurzer Zeit schwinden, denn die Entwicklung zur radikalen nationalen Demokratie ist in der zionistischen Organisation, auch in der westösterreichischen, unter dem Einfluß der neuen Zcntralleitung in ein lascheres Tempo gekommen, als zuvor. Der vollkommene Sieg dieses Prinzips wird auch die endgültige Lösung der schwierigen Frage des Verhältnisses zwischen zionistischer und landespolitischer Arbeit bringen. Ist dieses Ziel erreicht, dann werden die zionistischen Kräfte in unserer Landesorganisation sich nicht mehr in häufigen inneren Reibungen verzehren, vielmehr vereinigt ihre volle Energie nach außen richten können, zum Nutzen des Zionismus, der nirgends solche Zukunftschancen hat wie in unserem Lande. Unsere geehrten Abonnenten, deren Bezugszeit am 30. Juni 1912 abläuft, bitten wir, die Abonnementserneuerung unverzüglich vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Den Beziehern in Deutschland und Oesterreich-Ungarn haben wir Zahlkarten bzw. Posterlagscheine direkt zugehen lassen, die wir zur kostenlosen Ueberweisung der Abonnementsbeträge zu benutzen bitten. Aus allen übrigen Ländern können die Abonnementsbeträge per Postanweisung, Schecks auf europäische Banken oder per eingeschriebene Briefe überwiesen werden. Jedes abgelaufene Abonnement, das bis spätestens 30. Juni 1912 nicht ausdrücklich abbestellt wird, betrachten wir als erneuert. Verlag „Die Welt" BERLIN W15, Sädisische Straße 8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.