Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26 DIE3&ELT 771 daß ein solches Gesetz, einmal im Prinzip angenommen, sich unmöglich geographische Grenzen wird auferlegen lassen, und daß alsbald seine Ausdehnung auf das ganze Reich wird ausgesprochen werden müssen. So ist auch die Ansicht des „Tanin". „Dieses von den Deputierten Konstantinopels," so schreibt das führende Blatt des Komitees, „ausgearbeitete Gesetzesprojekt, ist der wichtigste Akt, der seit Verkündigung der Verfassung für das ökonomische Leben des Landes unternommen worden ist. Wir sind sicher, daß dieses Gesetz von der Kammer votiert werden wird und seine Wohltaten, weit davon entfernt, auf das Wilajet Konstantinopel beschränkt zu bleiben, sich gleichermaßen im ganzen Reiche fühlbar machen werden." Die Dringlichkeit des Projektes ist also bereits durch Kammermehrheit angenommen, und es steht zu erwarten, daß binnen wenigen Tagen die Verhandlungen darüber einsetzen werden. Das Projekt enthält die folgenden hochwichtigen Bestimmungen : 1. Min- und Wakuf-Güter (d. h. Staatsgut und Güter der Toten Hand) können ebensogut als Pfand für Hypotheken dienen und im Bedarfsfalle verkauft werden, wie Privatgrundeigentum. Auch bei Todesfall des ursprünglichen Inhabers werden sie genau so behandelt, wie gewöhnliche Besitztümer. 2. Neben der ersten Hypothek werden auch zweite, dritte usw. zugelassen. 3. Die ottomanischen anonymen Gesellschaften, die ihren Statuten nach dazu berechtigt sind, haben das Recht, auf eigenen Namen Grundeigentumsübertragungen vorzunehmen, ^ei es in Form von Hypotheken oder in Vollbesitz. Die Immobilien-Reform beginnt also endlich, wie man sieht, leibhaftige Gestalt anzunehmen. Rechtsschutz der türkischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) Konstantin opel. Es ist kein Zweifel: die türkischen Juden genießen Freiheiten, wie die weniger anderer Länder. Nichtsdestoweniger würde man fehlgehen, zu glauben, daß sie sich in ihrem Vaterlande nie über etwas zu beklagen hätten. Man darf nicht vergessen, daß die Türkei ein Staat ist, in dem die Prinzipien der Moderne, Schutz der Persönlichkeit und des Eigentumes, (ileichheit vor dem Gesetze, noch nicht die Poren des ganzen Riesenleibes durchdrungen haben. Noch ist die Gesetzgebung ■ licht klar und detailliert genug, noch ist die Kontrolle über He Gesetzesübung der nahen und entfernten, hohen und ederen Beamtenorgane nicht ausreichend organisiert, noch . der Willkür einzelner, hier und da auch den Manifestaonen der Volksleidenschaften der stärkeren Elemente gegenüber den schwächeren, mancher Spielraum gelassen. Und nur lern langsamen Fortschritt der inneren Entwicklung wird es gelingen können, alle diese Spuren einer gewesenen Anarchie gänzlich zum Verschwinden zu bringen. Bis dahin sind die Augen der Schwächeren, der da und dort unter Uebergriffen Leidenden, auf das Reichszentrum gerichtet, wo relativ doch die größte Gerechtigkeit im Reiche herrscht, wo der Sitz der Zentralmacht ist, die jeden Augenblick sämtlichen verstreuten Machtorganen im weiten Lande gebieten kann. Darum ist es von so außerordentlicher Wichtigkeit für die türkischen Juden, daß sie im Reichsmittelpunkte, in der Hauptstadt, möglichst kräftig vertreten seien. Tagtäglich müssen ihre Beschwerden, Klagen und Wünsche an diese ihre Zentralvertretung geleitet werden; und je größer deren Ansehen bei der Staatsregierung ist und je schneller und wirksamer sie an dieser höchsten Stelle zu intervenieren bereit und in der Lage ist, um so besser für die Juden draußen. Man hat viel von der Gründung einer Liga zum Rechtsschutze der ottomanischen Juden gesprochen. Aber solange der türkische Staat als Ganzes noch einen so zentralistisch regierten Organismus darstellt, wie heute, solange wird auch das hiesige Judentum noch eines Zentralpunktes zur Vertretung seiner Rechte bedürfen, und dieser kann nur das Großrabbinat sein. Es gibt da eine Reihe schwerer Sorgen. In erster Linie die schlimme Drohung des Dienstzwanges für Nichtmusdmanen bis zum 45. Lebensjahre. Noch ist in dieser schwerwiegenden Angelegenheit kein Erfolg zu verzeichnen. Erst vor wenigen Tagen ist ein neuer Schritt, und zwar ein Kollektivschritt der christlichen Patriarchen, diesbezüglich unternommen worden. An diesem Kollektivschritte ist aber das jüdische Element nicht mitbeteiligt, sei es nun, daß der Chachambaschi nicht zur Unterzeichnung des gemeinsamen Takrirs von den Patriarchen eingeladen wurde, sei es, daß er es selber vorgezogen hat, lieber isoliert zu bleiben. Gleichfalls die Militärfrage berührt ein Vorgang in Bagdad, der zu Beschwerden an das Großrabbinat Anlaß gegeben hat und der ernst genug ist, die Besorgnis des ganzen ottomanischen Judentumes wachzurufen und höchst energische Abwehr zu rechtfertigen. Es scheint nämlich, daß die Militärbehörden von Bagdad, ganz als amtierten sie irgendwo in Rußland, bei der Zulassung jüdischer junger Leute in die Bagdader Militärschulen eine regelrechte Prozentnorm zur Anwendung bringen wollen. Eine Prozentnorm natürlich, die die jüdischen Interessen schädigt. Sie haben ihr nämlich nicht den Anteil der Juden an der Bevölkerung von Bagdad, in der sie eine Majorität bilden, zugrunde gelegt, sondern den an der Einwohnerziffer des Gesamtreiches, von der die Mohammedaner 75 °ti, die Christen 21 <>o und die Juden nur 4,!,<> ausmachen. Dieser Norm zufolge akzeptieren die Bagdader Behörden für ihre Militärschulen auf 100 Aspiranten nur 4 Juden. Natürlich sind die Juden schwer verletzt durch dieses Vorgehen. Sie haben beim Ausbruch der Revolution und zumal bei der Rückeroberung der Hauptstadt durch die Saloniker Armee und ihre Freiwilligen genugsam gezeigt, daß sie in militärischer Beziehung keinem anderen Ottomanen nachstehen. Der Chachambaschi hat an das Kriegsministerium einen Takrir gerichtet und letzthin auch den Kriegsminister Mahmud S c h e f k e t Pasc h a dieserhalb besucht. Der Erfolg dieser Schritte ist unbekannt. In Silivri dauert der Griechenboykott gegen die Juden wegen angeblicher antigriechischer Wahlhilfe der Juden immer noch fort, trotz der Absetzung des dortigen KaVmakams und der Ernennung eines neuen, von der man eine Besserung der Lage erwartet hatte. Der ganze Gemeindevorstand ist dieser Tage nach Konstantinopel gekommen, um dem Großrabbiner die Lage darzustellen und um schleunige Hilfe für ihre Schulen zu bitten. Die Gemeindemitglieder haben inzwischen ein langes Bittgesuch an das Zentralkomitee der Alliance in Paris gerichtet, damit dieses ihren Schulen zuhilfe komme. Der Vorstand der Gemeinde hat sich hier in Konstantinopel auch an den Deputierten ihres Kreises (keinen Juden) gewendet, der sich seinerseits mit den jüdischen Abgeordneten M a z 1 i a c h und F a r a g g i in Verbindung gesetzt hat. Die letzteren haben sich aufs Großrabbinat begeben, um hier die Mittel zu erörtern, die zu einem Aufhören des Boykottes beitragen könnten. Die frühere Intervention des Chachambaschi beim griechischen Patriarchen ist, wie die Tatsachen ergeben, ohne alle Frucht geblieben. Die Affäre der Klagemauer in Jerusalem ist noch ebenso brennend, wie sie gewesen. Vor kurzem hat das Sehe-