Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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zu verhaften, wobei er selbst durch einen Mann, welcher mit einer Holzlatte nach ihm schlug, arg bedroht wurde." Dann habe die Assistenz eingegriffen. Dr. Ehrlich verlas nun die Zeugenaussagen, die Winicki und Lyskowski der bekanntlich nebst Feuerstein und S t e i n haus die Hauptschuld an dem Morden tragen soll und des Amtsmißbrauches geziehen wurde, also gewiß über den Verdacht der Schönfärberei erhaben ist — in der Voruntersuchung gegen M o n t a g ablegten. Lyskowski gab zu Protokoll, daß er, als er mit seiner 11 Mann starken Bedeckung ins Agitationslokal Löwensteins „eindrang'4, dort S Burschen antraf, von denen sieben sofort durch die Fenster entwichen. Nur Montag blieb im Lokale. Zeuge Winicki sagte wörtlich: „Ich ging als Erster in den Hausflur des Agitationslokales. Nach mir kam der Bezirkskommissär Lyskowski. Ich bemerkte dort den Montag, w e I c h e ]• sich im Winkel bei der Treppe verstecken wollte, und zwar stand er neben der W a n d und zittert e." Lyskowski kam mit gezogenem Säbel und fuhr Montag an, was er da mache. Montag erwiderte, er hätte sich vor der Menge hierher geflüchtet. Lyskowski schlug ihn mit dem Säbel blutig. (Zeugenaussage des Advokaturskandidaten Dr. Lustig.) So sah. die „Volksmenge" aus, die den Beamten „bedrängte" und zu seinem Schutze zusammengeschossen werden mußte. Lud nun das Unerhörte: Es war nicht durchz u s e t z e n , daß Lyskowski seine in der Voru n t e r s u c h u n g g e g e n M o n t a g g emachten Auss l\ g e n v o r d e n G e r i c h t s s c h r a n k c n w i e d e r h o 1 e. Die La d ung zur H a u p t v e r h a n d1ung erreichte i h n nicht, u n d w i e w o h 1 das G e r i c h t bei der L e m b e r g er S t a 11 h a 11 e r e i t e 1 e g r a p h i s c h u m Lad u n g L y s k o w s k i s e r s u c h t e , w a r der k. k. Bezirk s k o in m i s s ä r nicht auffindbar! Der Sünclenbock Montag wanderte in den Kerker. Damit erscheint die Untat gesühnt. Kein Mensch hat aber bisher erfahren, welches Resultat die zugesagte „strenge Untersuchung" gegen L y s k o w s k i , F e u e r s t e i n und Konsorten ergeben hat. Das Parlament hat auch den Bericht gar nicht uigiert. N a c h d i e sen Ent h ü 1 i u n g e n d ü r f e n d i e g l' w i s s e n h a f t e n Volksvertreter nicht m e h r schweigen. Sie müssen neuerliche Untersuchung und gerechte Beurteilung der Vorfalle fordern. Die begreifliche Erregung, die der Bericht Dr. Ehrlichs in der Versammlung hervorrief, wirkte auch auf die nächsten Redner zurück. Abg. Breiter: „Ich fühle mich gedrängt, an dieser jüdischen Trauerversanimlung teilzunehmen, weil ich das schwere Unglück mit Euch empfinde. Die galizischen Machthaber sagen: Ihr habt das Recht zu wählen, wen ihr wollt aber nur auf dem P a p i e r. In Wahrheit müßt ihr wählen, wen \v i r wollen, sonst gibt es Kerker oder Kugeln. Eine Hekatombe von polnischem, ruthenisciieni und jüdischem Blute hat den Boden getränkt. Mögen aus dem unschuldig vergossenen Blute allen d r e i N a t i o n e n Rächer und Befreier erstehen, die das I and von seinen Peinigern erlösen." Abg. Dr. S t r a u eher vom Regierungsvertreter wiederholt unterbrochen wies die Mitschuld der Behörden an den blutigen Vorfällen nach. Mit aller Energie müsse der Kam p f g e g e n das Sc h u t z j u d e n t u m geführt werden. Nach wirkungsvollen Ansprachen Dr. Löhners und Redakteur W a 1 d m a n n s wurde eine Resolution angenommen, in der eine erneute Untersuchung gefordert wird. Eine große Zahl von Versammlungsteilnehmern zog geschlossen vor die Wohnimg Dr. Löwensteins am Schwarzenbergplatz und veranstaltete eine Demonstration, die großes Aufsehen erregte. Die Polizei schritt ein und arretierte einige Demonstranten. Wer zahlt den eucharistischen Kongreß? Die Frage wurde an dieser Stelle bereits einmal aufgeworfen. Heute kann man den Neugierigen schon Antwort geben. Wie die „Neue freie Finanzpresse" meldet, hat der getaufte Sohn eines ehrwürdigen Rabbiners, Exzellenz Dr. Sieghart (er hieß früher Singer) als Gouverneur der Bodenkreditanstalt für Zwecke des eucharistischen Kongresses die nette Summe von 600000 Kronen gezeichnet. Das genannte Finanzblatt, welches gewiß nicht so engherzig ist, wie die bösen Zionisten, macht der Exzellenz arge Vorwürfe. Du meine Güte! Eine Hand wäscht eben die andere. Dr. Sieghart hat die Geldmittel für die christlichsozialen Parteifonds beschafft. Er war Dr. Weißkirchners rechte Hand und hat die Antisemiten unter drei Ministerien betreut. So kam er immer höher und wurde schließlich Herrgott der Bodenkreditanstalt. Nun revanchiert er sich in generöser Weise. Zur Reform der Immobiliengesetzgebung in der Türkei (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Das mit soviel Mühe und anscheinend glänzendem Erfolge vom Komitee zusammengebrachte Parlament scheint doch nicht ganz das gefügige Werkzeug der Regierung und der Unionsparteileitung werden zu wollen, als das es gedacht war. Bei verschiedenen Gelegenheiten ist bereits eine gewisse Opposition zutage getreten. Dies zeigte sich letztens auch bei der Beratung einer neuen Immobilien- und Hypotheken-Gesetzgebung. Bald zu Beginn der neuen Session hatte D scha w i d B e j, der heute Arbeitsminister ist und daneben auch im Interim das Finanzministerium leitet, ein diesbezügliches Gesetzesprojekt eingebracht. Es ist eine Neuauflage des schon seit zwei Jahren vom Katasterdirektor ausgearbeiteten, nur hier und da abgeändert. Dschawid Bej, in richtiger Erkenntnis der ungemeinen Wichtigkeit des Gegenstandes, beantragte für ihn die Dringlichkeit, da das Land nicht länger darauf warten könne. Das Parlament aber mühte sich, zu beweisen, daß es nicht gesonnen sei, nur einfach Order zu parieren, und lehnte die Dringlichkeit ab. Damit wäre das wichtige Projekt auf längere Zeit in den Hintergrund gedrängt gewesen, da noch eine ganze Serie von dringlichen Gesetzen vorher zu erledigen gewesen wäre. Eine Elementarkatastrophe hat jedoch glücklicherweise zur rechten Zeit zugunsten einer schnelleren Vorwärtsentwicklung eingegriffen. In Stambul brannten vor zwei Wochen wieder einmal über 2000 Häuser ab. Und die Wohnungsnot, die infolge dieser Katastrophe aufs neue akut hereinbrach, zwang eine Gruppe von Deputierten und in ihrem Gefolge dann die Kammer, unverzüglich einzugreifen. Die Konstantinopeler Abgeordneten sahen ein, daß es, um zu einem schleunigen Wiederaufbau der niedergelegten Stadtteile zu gelangen, kein anderes Mittel gab, als die sofortige Votierung eines Immobilien- und Hypothekengesetzes. Sie rückten daher aufs neue mit der Dringlichkeit eines solchen heran und drangen auch wirklich damit durch. Sie besaßen freilich die Klugheit, um der schnellen Erreichung ihres Zieles willen, eine vorläufige Beschränkung der Wirksamkeit dieses Gesetzes nur auf das Wilajet Konstantinopel zuzugeben. Aber es ist jedermann klar,