Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 biE3&EL? 760 |□□□□□□ o WELTCHRONIK G<— o o □□□□□□ Ii O — D o Das Analphabeten-Gesetz in Amerika (Von unserem Berichterstatter,) New Y o r k. Die Vorlage zu einem Gesetz, das Analphabeten von der Einwanderung in Amerika ausschließen würde, ist nunmehr in ihrer bisherigen Fassung von der Tagesordnung der Einwanderungsbehörde abgesetzt worden und wird der Regierung in wesentlich abgeschwächter Form unterbreitet werden. In .seiner neuen Fassung verlangt der Oesetzentwurf nur noch, daß der Einwanderer 50 Worte irgendeiner Sprache (also auch jüdisch oder hebräisch) lesen könne, während schon im Lande befindliche Emigranten nahe Anverwandte nachkommen lassen können, selbst wenn diese des Lesens unkundig sind. Auch in der neuen Form wird gegen die Gesetzesvorlage hauptsächlich von jüdischen Volksvertretern — energischer Protest erhoben. Zuweilen ereignen sich hier Vorfälle, die mit dem Begriff des „freien Amerika" seltsam kontrastieren. in einer Schule in Bedford ersuchte ein jüdisches Schulmädchen um Ausstellung einer Einlaßkarte zu einer bestimmten Veranstaltung. Die Eltern des Kindes, welche sahen, daß (juer über die Karte der Vermerk: ,Jüdin" geschrieben war, ersuchten die Lehrerin um Angabe, was das zu bedeuten habe. Die eigentümliche Antwort lautete, daß Karten für Judenii n d N e g erk intler diese Bemerkung tragen müßten! Erwachendes Interesse für Palästina (Von unserem Berichterstatter.) N e w York. Herr Nathan St raus, der, wie berichtet, mit Dr. Magnes eine längere Palästinareise gemacht und jüdischen Instituten reichliche Spenden zugewendet hat, sprach sich nach seiner nunmehr erfolgten Rückkehr aus Europa über seine in Palästina gewonnenen Eindrücke aus. Herr Straus ist lief bewegt über den starken Religionshaß, der die Anhänger aller Bekenntnisse im Orient trennt; er sprach seine Absicht aus, sowohl jüdische wie christliche Philanthropen für die Linderung der entsetzlichen Armut in Jerusalem zu gewinnen. Bei dem bisher nur geringen Interesse jüdisch-amerikanischer Finanzkreise für die Verhältnisse in Palästina ist die Haltung Hilles Mannes vom Ansehen und Einfluß des Herrn Straus geeignet, die Blicke weiterer Kreise auf das alte Judenland n\ lenken. Es ist zu hoffen, daß der bevorstehende Besuch des Leiters der jüdischen landwirtschaftlichen Versuchsstation in Haifa, Aron Aaronsohn, der vom kanadischen Trockenfarm-Kongreß aufgefordert wurde, über seine Erfahrungen im Grient persönlich zu berichten, gleichfalls dazu beitragen wird, Interesse für die agrikultureilen Entwicklungsmöglichkeiten Palästinas zu erwecken. Herr Aaronsoh n wird dem Kongreß verschiedene Farmprodukte der Haifaer Station vorlegen. r i o w k i n , einem Petersburger Journalisten dieser Tage gewährt hat, erklärte er, das Gericht habe viele Beweise für die Schuld Beilis' an der Ermordung des Knaben Justschinski. Die Enthüllungen Brasuls und Krassowskis — führte Weriowkin weiter aus — würden in maßgebenden Gerichtskreisen als haltlose Phantasiegebilde angesehen ... K r a s - s o w s k i und Brasul würden unter Anklage gestellt werden! .. . Dieses fast unglaubliche Verhalten der Justiz zu den neuesten Enthüllungen in der Mordaffäre Justschinski begegnet in angesehenen juristischen Kreisen ausnahmslos größter E m p ö r u n g und wird als d er H ö h e - p u n k t des Justizskandals bezeichnet, den die Kiewer „RituaImord"-Affäre von allem Anfang an bildete. Massenausweisung von Juden aus Kiew Auf Grund einer vor kurzem gefällten Senatsentscheidung, wonach der Besuch einer Fachschule den jüdischen Schülern kein Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons gewährt, hat der Generalgouverneur von Kiew mit Zustimmung des Ministeriums des Innern verfügt, daß sämtliche jüdischen Zöglinge der dramatischen, Musik- und Zeichenschulen von Kiew, sowie deren Eltern, sofern sie keinen anderweitigen Anspruch auf das Wohnrecht haben, die Stadt Kiew i n n e r h a I b sieben Tagen verlassen müssen. Dieser Ausweisungsbefehl, von dem mehr als 5000 j ü d i s c h e S e e 1 e n betroffen werden, hat auch in nichtjüdischen Kreisen große Bestürzung hervorgerufen. U. a. wird die Verfügung zur Folge haben, daß 23 Fachschulen aufgelöst werden müssen, Sollte die Verordnung, wie nicht ohne Grund befürchtet wird, auch auf die Zöglinge der Handels- und Handwerkerschulen ausgedehnt werden, s o w ü r d e n weiter e 5000 J u d e n der A u s w e i s u n g aus K i e w verfalle n. Der Justizskandal von Kiew Trotzdem alle Welt von der Richtigkeit der Angaben B r a - sul-Bruschkowskis und des früheren Kriminalbeamten Krassowski überzeugt ist, hält das Kiewer Gericht an der Annahme des „Ritualmordes" fest, und lehnt es ab, das Prozeßverfahren gegen den Angeklagten Beilis zu revidieren. In einem Interview, das der Gehilfe des Justizministers, We - Der Tag von Drohobycz Neue Enthüllungen. Trauerversammlung. - Demonstration gegen Abg. Dr. Löwenstein. (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Einer Massenversammlung, die am Jahrestage der blutigen Drohobyczer Reichsratswahlen stattfand, machte Gg. Dr. Ehrlich ganz unglaubliche Eröffnungen über das gerichtliche Verfahren, welches die traurigen Vorfälle zum Gegenstand hatte. In seiner Eigenschaft als Verteidiger des jüdischen Bürstenbinders Montag überprüfte Dr. Ehrlich die Prozeßakten. Aus den Zeugenaussagen des Bezirkskommissärs L y s k o w s k i und seines Gehilfen Winicki geht klar hervor, daß die Rechtfertigung, welche die blutigen Vorgänge durch die übereinstimmenden Interpellationsbeantwortungen zweier Minister im Parlamente erfuhr, unrichtig ist. Der Minister des Innern sagte: „. . . Ein neuerlicher Sturm auf das Agitationslokal (Löwensteins) folgte, und als Bezirkskommissär L y s k o w s k i gegen die Gewalttätigkeiten in diesem Lokal einschreiten wollte, gestaltete sich seine Situation derart gefährlich, daß die Militärassistenz aus eigener Initiative herbeieilte, um den genannten Beamten zu decken und ihm die Rückkehr zum Wahllokale zu ermöglichen.u Der Landesverteidigungsminister erzählte: „Nach 2 Uhr war der Pöbel neuerlich in das Agitationslokal Dr. Löwensteins eingedrungen . . . Endlich ging Bezirkskommissär Lyskowski mit 4 Gendarmen, 6 Polizisten und einem Polizeiagenten gegen das Lokal vor, um einige der Exzcdenten