Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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768 DIEÄELT: Nr. 26 findig machen zu können. Die Not der jüdischen Massen ist so groß, die Emigrationsfrage so dringend, daß es wohl verständlich ist, wenn die langsamen Fortschritte in Palästina uns unbefriedigt lassen. Es gibt aber keine rasche Lösung der Judenfrage und deshalb ist der Territorialismus eitel Unsinn. Sein Grundfehler besteht in der verkehrten Anschauung, daß nach Erlangung der nötigen Regierungszustimmungen eine Schnellkolonisation möglich sei. In diesem Irrtum waren früher auch Herzl und die meisten westeuropäischen Zionisten befangen. Heute, da wir über jahrelange Erfahrungen auf dem Gebiete jüdischer Kolonisation verfügen, sollte dieser Irrtum endlich beseitigt sein. Wer eine Ahnung von Wirtschaftspolitik hat, muß begreifen, daß es für die jüdischen Massen nur eine Art der „Schnellkolonisation" geben kann, nämlich die städtische, die industrielle. Die landwirtschaftliche Kolonisation erfordert nicht nur in Palästina, wo jeder Fußbreit Boden gekauft werden muß, sondern auch in freien Ländern, wo der Boden den Ansiedlern unentgeltlich zur Verfügung steht, gewaltige Kapitalien. Während aber diese Schwierigkeit in Palästina wenigstens bis zu einem gewissen Grade durch die persönliche Initiative mehr oder weniger bemittelter Ansiedler überwunden wird, die schon jetzt dem Lande erhebliche Kapitalien zuführen, jüdische Arbeitskräfte beschäftigen und so — gestützt durch die Sympathien der jüdischen Welt — allmählich ein jüdisches Gemeinwesen schaffen, müßte in dem imaginären Ito-Lande nach den alten Rezepten der Ica kolonisiert werden, wozu unerschwingliche Kapitalien nötig wären, wenn wirklich „die jüdischen Massen" dort angesiedelt werden sollten. Wir wissen es heute mit einer Bestimmtheit, die nicht mehr zu erschüttern ist, daß nur die durch ihr nationales Ideal nach Palästina geführte Elite des jüdischen Volkes imstande sein wird, unsere nationale Gemeinschaft zu erneuern. Wenn der Grundstein gelegt ist, wenn unsere Idee sich immer weiter durchsetzt, wird das Tempo der Ansietllung sich beschleunigen. Immer mehr Kapital, Arbeitskraft und Intelligenz wird nach Palästina strömen, und so werden schließlich „jüdische Massen" im Lande der Väter wohnen. Seitdem wir diese Vorstellung von dem Prozeß der palästinensischen Kolonisation gewonnen haben, wächst die Zahl der gebildeten und bemittelten Zionisten, die selber nach, Palästina gehen, fortgesetzt. Die Territorialisten aber sind noch immer in der Vorstellungbefangen, daß die jüdische Massennot durch eine großartige Transportunternehmung zu beseitigen sei. Sie begreifen nicht, daß selbst die Mittel der Ica, ja selbst ein Vielfaches dieser Mittel, immer nur zu einer Wiederholung des von Baron Hirsch in Argentinien unternommenen Versuches führen könnten. Stets würden es ausschließlich mittellose Elemente sein, die sich nach Ito-Land verpflanzen ließen, und alle Schäden der philanthropischen Kolonisation würden sich dort erneuern. Ja, so groß auch die Not der jüdischen Massen ist, so würde die Wanderung nach Amerikas Industriezentren doch nicht geringer werden, als sie heute ist. Denn von tausend Auswanderern würden es neunhundertneunzig vorziehen, im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten rasch eine Existenz zu finden, statt in irgendeinem wilden Gebiet unter Negerstämmen ein ödes Leben als Viehzüchter zu führen. Zur Zeit ihrer Gründung wollte die Ito freilich von philanthropischer Kolonisation nichts hören. Sie spielte sogar gegen den palästinensischen Zionismus die nationale Idee aus und setzte den Autonomiegedanken an die Spitze ihres Programms. Dieser Nationalismus ohne Palästina, von dem sich auch innerhalb des Zionismus einige Leute nicht ganz freigemacht haben, ist nichts als Phrase. Glaubt irgendein vernünftiger Mensch daran, daß Angola oder sonst ein Ito-Land jemals die Heimat des jüdischen Volkes werden, das heißt, alle Teile dieses Volkes, arm und reich, gebildete und ungebildete, vereinigen werde? Die Territorialisten scheinen selber diesen Glauben, der doch das Wesen des Territorialismus ausmacht, verloren zu haben, denn von ihren nationalen Forderungen ist schon lange nichts mehr zu hören. Sie mußten, wie dies in der Natur der Sache liegt, ihr Programm nach philanthropischen Grundsätzen umgestalten, und so unterscheidet sich die Ito heute von der Ica nur dadurch, daß sie kein Geld hat. Wir haben vom zionistischen Standpunkt keine Veranlassung, irgendeine zugunsten armer Juden unternommene Aktion zu bekämpfen. Wir wollen uns daher gar nicht auf eine Diskussion darüber einlassen, ob Angola sich für Besiedlung durch Weiße eignet, ob die Bedingungen der portugiesischen Regierung annehmbar sind, und anderes mehr. Diese Fragen wären durch Sachverständige zu prüfen. Es mußte aber festgestellt werden, daß die Ito keine nationale, sondern eine philanthropische Organisation ist, daß ihr Programm enorme Mittel verlangt, die nicht vorhanden sind, und wenn sie vorhanden wären, nicht zu einer Sehnellkolonisation jüdischer Massen, sondern nur zu einer Wiederholung der Versuche des Baron Hirsch führen könnten. „Jüdische Emigrationspolitik" ist ein schönes Schlagwort, nur muß man sich dabei etwas denken können. Bisher ist die jüdische Emigrationspolitik noch nicht über das Stadium einer gewissen Emigrantenfürsorge hinausgekommen. Radikalen Aenderungen ist die jüdische Wanderbewegung eben nicht zu unterwerfen, denn das wirtschaftliche Interesse der Massen weist ihnen den Weg in die großen Industriezentren freiheitlich regierter Länder. Wenn wir die Wanderung nach dem Orient empfehlen, so leitet uns dabei der Wunsch, das orientalische Judentum, dessen natürliches Zentrum in Palästina liegt, zu kräftigen, wir sind aber weit von der phantastischen Vorstellung entfernt, Millionen von Juden innerhalb kurzer Zeit nach Palästina oder anderen Teilen der Türkei lenken zu können. Verzichten wir deshalb auf die „Lösung der Judenfrage"? Begnügen wir uns mit einem „geistigen Zentrum"? Nein! Die Judenfrage kann gelöst werden, aber nur auf dem Wege natürlicher Entwicklung, durch die Kraft des nationalen Gedankens, der Palästina von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr zur Heimat des jüdischen Volkes machen wird. Rückschläge und Schwierigkeiten werden uns nicht aufhalten. Keine Mühe soll uns verdrießen und das Blendwerk großer Phrasen, mit denen die Hoisten und ihre Geistesverwandten das jüdische Volk zu retten streben, soll unseren Blick nicht von der Arbeit des Tages ablenken. Das jüdische Volk kennt nur eine Heimat, und diese wird es wiedergewinnen. Der Weg ist langwierig und schwer, das Leben wird dort kein paradiesisches sein, alle Kräfte der Nation müssen zusammenwirken, um das Ziel zu erreichen. Eine andere Möglichkeit ist unserem Volke jedoch nicht gegeben, und jedes Ito-Paradies wird verloren sein, bevor es noch betreten wurde. R. L.