Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 28. Juni 1912 mtoh yann 'x non :/"> /]^nn Nr. 26 DAS VERLORENE PARADIES Angola liegt in Afrika. Wenn man auf dem Globus von London aus, wo Israel Z angwill wohnt, nach Süden fährt und sich dabei ein bißchen nach Osten hält, kommt man ganz leicht hin. Der Weg führt durch die interessantesten Gegenden. Zunächst kann man in Paris .•in wenig Station machen, dann durchquert man die Pyrenäen, schwimmt durch das Mittelländische Meer, verfolgt die marokkanisch-algerische Grenze bis zu dem Punkte, wo sie in die Wüste Sahara ausläuft, läßt sich mch von dieser nicht zurückhalten, durchstreift Nigeria, Kamerun, Französisch-Guinea — und schon sieht das ent- 'ückte Auge die portugiesischen Grenzpfähle ragen. Wenn man die Reise nicht per Aeroplan, sondern per Eisenbahn und Dampfschiff zurücklegt, sind freilich einige Umwege nötig. Da sich aber außer den Mitgliedern des „Internationalrats der Ito", die sowieso in den Wolken reisen, vorläufig kein Jude nach Angola zu hegeben gedenkt, so genügt die Feststellung der Luftlinie durchaus. Fährt man nicht von London, sondern von Odessa ab, so ändert sich die Luftlinie natürlich, ganz neue Länder werden durchquert, andere Meere und Flüsse gekreuzt, und allmählich wird der große Vorzug klar, den die Wahl Angolas vor allen früheren Ito-Projekten voraus hat: sie weckt das Interesse für die Geographie in ganz besonderem Maße und vermittelt die Bekanntschaft mit Ländern, an die wir bisher noch gar nicht gedacht haben. So kann das Angolaprojekt, selbst wenn es nicht verwirklicht werden sollte, dem jüdischen Volke zum Segen gereichen, indem es die Aufmerksamkeit der Ito nach Gebieten lenkt, auf die selbst der große Israel Zangwill noch nicht seinen Zeigefinger gelegt hat, wenn er, vor seinem Studiertisch sitzend, die Erdkugel träumerisch um ihre Axe dreht. Kurz — es ergeben sich ungeahnte Perspektiven aus der theoretischen Besiedlung Angolas, und kein Verständiger wird daran zweifeln, daß die Ito-Konferenz, die augenblicklich in Wien tagt, alle diese Möglichkeiten gründlich erwägen und in vortrefflichen Resolutionen festlegen wird. Bei der Erörterung der Ansiedlungsbedingungen dürfte es sich im wesentlichen um Einzelheiten handeln, denn die Hauptsache — die Eignung des Gebietes — steht ja von vornherein fest. „Territorialistische" Gebiete sind immer gut; das liegt in ihrem Wesen begründet. Ein jedes dieser Gebiete hat den Vorzug, daß man auf die Frage: „Warum sollen die Juden sich gerade hier ansiedeln?" mit der Gegenfrage antworten kann: „Warum sollen sie sich hier nicht ansiedeln?" Es ist wahr, daß zwischen Angola und Australien, Cyrenaika und Mesopotamien, Galveston und Mazedonien gewisse Unterschiede bestehen. Aber g u t sind diese Länder sämtlich, das gehört einmal zum Wesen des Territorialismus. Als der Ugandaplan auftauchte, unterhielten sich zwei bekannte Führer des Zionismus über die Eignung dieses Landes. Der eine war skeptisch gestimmt, der andere aber war Feuer und Flamme. „Ein Paradies," rief er immer wieder, „ein wahres Paradies!" Und als der erste ihn fragte, woher er dies so genau wisse, da antwortete er, und seine jugendlichen Augen blitzten in dem von einem langen weißen Bart umrahmten Gesicht: „Man hat es mir geschrieben, ich habe Briefe aus London bekommen, ein Paradies, ein wahres Paradies'" * Seitdem sind viele Jahre verstrichen und viele Paradiese verloren gegangen. Aber es scheint, als seien alle bisherigen Erfahrungen auf dem Gebiete jüdischer Kolonisation für Herrn Zangwill und seine Anhänger nicht vorhanden. Die alten Irrtümer, aus denen der Territorialismus erwuchs, behaupten in diesen Gehirnen noch ihre Macht. Während der Zionismus immer größere Fortschritte erzielt, seine Organisation ausbreitet und festigt, in Palästina von Jahr zu Jahr mit sichtbarerem Erfolge arbeitet, ist die kolonisatorische Tätigkeit der Ito gleich Null geblieben. Es ist Zeit, wieder einmal daran zu erinnern, wie die Ito entstand und was sie ursprünglich wollte. Die territorialistische Bewegung suchte ihre Rechtfertigung in der Tatsache, daß Palästina in der nächsten Zukunft keine Lösung des jüdischen Massenproblems bringen kann. Zangwill wollte aber nicht auf Palästina warten, er wollte, „weil die jüdischen Massen nicht warten können", wie es damals auf den Kongressen zur Verteidigung des „Nachtasyls" hieß, im Sinne der abstrakten Konzentrationstheorie ein Land gewinnen, wo das jüdische Volk sich ansiedeln könne. Auch in zionistischen Kreisen gibt es noch Leute, die sich von diesem Gedanken blenden lassen, deren nationalökonomische Einsicht zu gering ist, um die Fehlerquellen dieser Spekulation aus-